Korruption und Gewalt im Schatten der EM

Olaf Sundermeyer berichtet in seinem Buch «Tor zum Osten» über zahlreiche Facetten des Fussballs in Polen, der Ukraine und Russland. Pflichtlektüre für alle, die nicht nur den Glanz der EM sehen wollen.

Abwechslungsreich und spannend

Nach einem kurzen Vorwort des Autors erzählt dieser gleich zu Beginn von seinem ersten Fussballspiel in Polen. Anstatt es im Stadion zu verfolgen, landete er jedoch, auf Grund von zu viel Wodka, in einer Ausnüchterungszelle. Persönliche Erlebnisse wie dieses sind es, die das Buch «Tor zum Osten» so spannend machen, zumal sie authentisch geschildert werden. Dass Sundermeyer jahrelang im Osten gelebt und dort zahlreiche Fussballspiele besucht hat, ist dem Buch ständig anzumerken. Gekonnt erzählt der Autor nicht nur von persönlichen Erlebnissen, sondern gibt uns auch Hintergrundinformationen über Fussballer und Trainer, führt mit russischen Hooligans genauso Gespräche wie mit steinreichen Oligarchen in der Ukraine und berichtet von einem inszenierten Fussballkrieg zwischen Polen und Deutschland.

Der ständige Wechsel zwischen sportlichem Geschehen und den Ereignissen neben dem Platz ist gelungen. Wer aber die Übersicht behalten will, sollte konzentriert lesen, denn die osteuropäischen Namen sind für Schweizer Verhältnisse doch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Viele Namen klingen recht ähnlich, so zum Beispiel diejenigen der ukrainischen Politiker Wiktor Juschtschenko und Wiktor Janukowytsch, auch wenn sie im Gegensatz zu gewissen polnischen Fussballern sicherlich zu den bekannteren Personen gehören.

Besuch in einer wilden Fussballwelt

Rund die Hälfte des Buches handelt von den Zuständen des Fussballs in Polen. Hauptthema ist da die Korruption. Es ist beeindruckend und erschreckend zugleich, wenn Sundermeyer die Dimensionen davon aufzeigt. Wie verbreitet die Korruption in Polen ist, wird daran ersichtlich, dass zahlreiche Interviewpartner des Autors später genau aus diesem Grund verhaftet wurden. Oder anhand eines Zitates eines polnischen Fussballfans über den gebürtigen Polen und ehemaligen Bayern-Spieler Miroslav Klose: «Wenn er in Polen geblieben wäre, würde er sicher auch Geld verdienen – indem er Spiele verkauft.» Ebenfalls behandelt werden unter anderem Alkoholprobleme, Medienhetze, die polnische Liga und Antisemitismus. «Besuch in einer wilden Fussballwelt» lautet der Untertitel des Buches, der durchaus berechtigt ist.

Die Reise in den Osten führt uns anschliessend in die Ukraine, wo Oligarchen den Fussball beherrschen. Der Einfluss der Politik ist enorm. In der Liga kämpfen Schachtar Donezk, Dynamo Kiew und Metallist Charkow um die Vorherrschaft, alle angeführt von mächtigen Männern, für die das Besitzen eines Clubs ein Hobby und Statussymbol zugleich ist. Ein Problem im ukrainischen Fussball ist auch der Rechtsradikalismus, besonders in Lwiw (Lemberg). Sundermeyer trifft sich mit Nationalisten, Ultras von Karpaty Lwiw, die ihm einen Einblick in ihr Gedankengut geben. Im abschliessenden, eher kurzen Teil über Russland berichtet Sundermeyer noch von den Vorbereitungen für die WM 2018 in Russland, erneut von rechtsradikalen Hooligans und von der Einmischung des Staates in den Fussball. Der grosse Wunsch ist es, dass die russische Nationalmannschaft spätestens 2018 einen wichtigen Titel gewinnt, wenn möglich bereits früher.

Absolut empfehlenswert

«Tor zum Osten» behandelt zwar einige Themen mehrfach, wird aber dennoch nie langweilig. Der Autor findet die richtige Mischung aus Hintergrundinformationen  und Erlebnisberichten. Ersichtlich werden dabei die Unterschiede zwischen den drei thematisierten Ländern. Das Buch gibt auch abseits des Fussballs einen guten Einblick in die Kulturen der beiden Gastgeberländer der diesjährigen Europameisterschaft. Empfohlen werden kann das Buch an alle, die an einem der Themen Nationalmannschaften, Clubfussball, Fankultur, Politik, Osteuropa, Hooligans, Groundhopping, Rassismus oder Korruption interessiert sind.  Für all diese Personen ist «Tor zum Osten» absolut lesenswert.

Zur Einstimmung auf das Buch empfiehlt sich ein Kurzfilm auf der Homepage von Olaf Sundermeyer. Dieser ist zwar längst nicht so ausführlich wie das Buch und erreicht auch dessen Niveau nicht, dient aber dennoch allen Interessierten als gute Einführung ins Thema.

Olaf Stundermeyer (2012): Tor zum Osten, Verlag die Werkstatt, 208 Seiten.

Bild: www.werkstatt-verlag.de

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