Shaqiris grosser Schritt

Es ist der teuerste Transfer eines Schweizer Spielers aus der Super League ins Ausland. Im Sommer wird Xherdan Shaqiri für vier Jahre zum FC Bayern München wechseln. kurzpass.ch wirft einen genauen Blick auf den Transfer.

Ein Wechsel mit Ansage

Die Spatzen haben es bereits von den Dächern gepfiffen. Als Xherdan Shaqiri am Mittwoch von der Münchner «tz» auf dem Weg zum Medizincheck abgefangen wurde, war es bereits klar: Der 20-Jährige Schweizer wird im Sommer an die Säbener Strasse wechseln. Nur noch die Laufzeit des Vertrages und die Ablösesumme waren unklar. Bis im Sommer 2016 hat sich Shaqiri verpflichtet. Über die Ablösesumme wurde von beiden Seiten Stillschweigen vereinbart, nachdem in den letzten Tagen «Bild» und «Blick» sich gegenseitig mit neuen Beträgen überboten hatten.

Dank den guten Beziehungen zwischen Karl-Heinz Rummenigge und Bernhard Heusler ging der Transfer harmonisch und ausserhalb der üblichen Transferfenster über die Bühne. Ohne grosse Störfeuer ist vor den entscheidenden Duellen in der Champions League alles klar. Der FC Basel erhält eine grosszügige Entschädigung, der FC Bayern eines der grössten Talente Europas und Shaqiri seinen Topverein. Gewinner auf allen Seiten?

Grosse Konkurrenz

Laut Jupp Heynckes soll der Basler mit seinen Dribblings die Offensive der Bayern unterstützen, und dabei die rechte oder linke Aussenseite beackern. Dort stehen ihm aber mit Franck Ribéry und Arjen Robben zwei der talentiertesten Mittelfeldspieler Europas im Wege. Und auch Thomas Müller sieht sich lieber auf der rechten Aussenseite als auf der hängenden Spitze hinter Mario Gomez. Wohl nur noch bei Real Madrid oder dem FC Barcelona wäre die Konkurrenz grösser gewesen. Das Mittelfeld der Bayern besitzt nun mit der Verpflichtung von Xherdan Shaqiri auf jeder Position mindestens zwei gleichwertige Alternativen, und erfüllt damit einen Wunsch ihres Trainers. Jupp Heynckes verlangte von der Klubführung einen ausgeglichenen Kader, um in der nächsten Saison seine geliebte Rotation anwenden zu können.

Kein Stammplatz

Doch wie stark wird Heynckes tatsächlich rotieren? Kroos, Schweinsteiger und Ribéry sind für das Spiel der Bayern unverzichtbar und werden bei aller Rotation trotzdem einen Grossteil der Spiele absolvieren. Auch an einem Müller oder Robben in Topform ist nur schwer vorbeizukommen. Shaqiri wird sich über Einwechslungen und die wenigen Chancen in der Startformation empfehlen müssen. Anpassungsschwierigkeiten darf es nicht geben, sonst wird er in München schnell vergessen sein.
Was für Schweizer Verhältnisse ein Rekordtransfer darstellt, ist für den FC Bayern München nicht die Rede wert. Shaqiri ist eine Investition ohne grosses Risiko, welche sich entweder auszahlt, oder in 1-2 Jahren zu einem anderen Klub wechselt.

Warnende Beispiele

Marcell Jansen, Jan Schlaudraff oder Lukas Podolski sind warnende Beispiele. Alle drei kamen als Nationalspieler mit grossen Vorschusslorbeeren zum FC Bayern München und scheiterten. Bei Bayern entscheidet nicht mehr das Talent, sondern der Charakter. Der sensible Lukas Podolski konnte sich im harten Umfeld an der Säbener Strasse nicht durchsetzen, und trifft nun dafür beim 1. FC Köln, wo ihn das Umfeld und die Fans hegen und pflegen. Uli Hoeness und Co. unterstützen ihre Spieler bedingungslos, wie das Beispiel Breno gezeigt hat. Auf dem Platz muss man aber immer Leistung zeigen, sonst ist man schnell auf der Ersatzbank.

Kein Standing

Bei Xherdan Shaqiri kommt hinzu, dass er in Deutschland kein grosses Standing besitzt. Die Erfolge mit dem FC Basel und die Einsätze in der Schweizer Nationalmannschaft gelten hier nichts. Er ist ein unbeschriebenes Blatt, welches sich in der Bundesliga aufs Neue beweisen muss. Versauert er auf der Ersatzbank, wird dies zwar in der Schweiz grosse Wellen schlagen, nicht aber in Deutschland.
Dies könnte auch der Grund sein, warum sich der FC Bayern München im Poker um Marco Reus weniger engagiert zeigte als gewöhnlich. Mit dem Gladbacher im Team hätte es jedes Wochenende Schlagzeilen gegeben, da mindestens ein Star auf der Ersatzbank gesessen hätte. Mit Shaqiri wird dies nicht passieren. Der Basler ist selber schlau genug nicht zu reklamieren, und die Zeitungen werden sich auf die grossen Namen stürzen. Dem Schweizer Nationalspieler könnte auch das Niemandsland drohen, wie zuvor zum Beispiel dem argentinischen Supertalent José Ernesto Sosa.

Eine Frage des Charakters

Allen Hürden gegenüber steht der Charakter von Xherdan Shaqiri. Ohne falsche Bescheidenheit, mit einer Portion Frechheit und unbändigem Siegeswillen ausgestattet, könnte es der Schweizer bei den Bayern schaffen. In entscheidenden Spielen mit dem FC Basel aber auch zum Beispiel beim Spiel der Schweizer Nationalmannschaft gegen Bulgarien hat er bewiesen, dass er diese Qualitäten in wichtigen Momenten abrufen kann.
Mit seinen 20 Jahren muss er aber Geduld beweisen. Die gesamt Offensivabteilung des FC Bayern München besitzt längerfristige Verträge (die Verlängerung mit Arjen Robben scheint nur noch Formsache zu sein) und Shaqiri muss sich erst eine Reputation erarbeiten. Eventuell kommt in einem Jahr auch eine Ausleihe in Frage. Toni Kroos wurde mit 19 Jahren nach Leverkusen ausgeliehen, und blüht seit seiner Rückkehr mit reifem Verhalten auf.

Ein zu grosser Schritt?

Ein kleinerer Schritt hätte es beim Basler eventuell auch getan. Vereine wie der HSV waren an ihm interessiert. Xherdan Shaqiris Wunsch war es aber immer, zu einem Topverein zu wechseln, und Umwege waren noch nie seine Sache. Mit Bayern stellt er sich einer schwierigen Aufgabe. Ob es ein zu grosser Schritt ist, wird die Zukunft weisen. Wenn man aber einem Schweizer Spieler diesen Schritt zutraut, dann wohl Xherdan Shaqiri.

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