Ein Höhepunkt im tristen Alltag

In der Strassenfussballliga von Surprise spielen sozial benachteiligte Personen. Sie sollen dabei für einen Tag ihre Sorgen vergessen können und ihr Selbstwertgefühl steigern.

In Basel spielt nicht nur der FCB

«Noch 30 Sekunden», ruft der Speaker. Dann, ganz plötzlich, ein schneller Pass auf die rechte Seite. Der Spieler bringt den Ball problemlos unter Kontrolle, zieht ab. Kurz darauf zappelt er im Netz. Ein herrlicher Treffer. Riesiger Jubel auf der einen, grosse Enttäuschung auf der anderen Seite. Wenige Sekunden später beendet der Schiedsrichter die Partie. Es war das entscheidende Tor zum 3:2-Sieg im Finale, der erste Turniersieg für die AFG Boys Basel überhaupt. AFG Boys Basel? Ja, in Basel kann nicht nur der berühmte FCB guten Fussball spielen.

AFG steht für Afghanistan. Die AFG Boys Basel spielen in der Strassenfussballliga von Surprise. Sie ist eine von drei Säulen von Surprise zur Unterstützung Randständiger, nebst Heftverkauf und Chor. «In unserer Liga können sozial benachteiligte Personen spielen. Das können Asylanten sein, Leute ohne Job und Wohnung oder auch Leute mit Drogenproblemen», sagt Lavinia Biert, Leiterin von Surprise Strassensport. «Unser Ziel ist es, den Selbstwert dieser Personen zu stärken. Die Spieler lernen, dass Teamgeist wichtig ist, sie lernen auch mit Niederlagen umzugehen und dass eine gewisse Disziplin notwendig ist.»

Fairplay als oberstes Gebot

Wichtig ist dabei, dass sich die Spieler stets fair verhalten, sowohl gegenüber den Gegnern als auch den Schiedsrichtern. Dies ist oft, aber leider nicht immer der Fall. In einigen Spielen kochen die Emotionen über, es kommt zu teilweise heftigen Beleidigungen gegen Schiedsrichter, Gegner und sogar Mitspieler und auch ein paar brutale Fouls sind zu sehen. Dennoch meint Biert: «Die Fairness nimmt von Turnier zu Turnier zu. Schlägereien, die früher immer wieder vorkamen, hat es in letzter Zeit nicht mehr gegeben. Wir stellen das Fairplay in den Vordergrund und die Spieler anerkennen das auch.»

Am Ende des Turniers wird noch die Fair-Play-Trophäe vergeben, welche laut Speaker Olivier Joliat «die wichtigste Auszeichnung des heutigen Tages» ist. Gewonnen wird sie von den Schwarzwald Brasilianern aus Lörrach. «Mit ihnen kann man immer gut sprechen, wenn es Probleme gibt. Mit der Vergabe des Preises wollen wir ihnen sagen: ‹Toll, dass ihr dabei seid›. Zudem finden wir es super, dass sie so oft an unseren Turnieren teilnehmen, obwohl wir Teams aus dem Ausland finanziell nicht unterstützen können», erklärt Biert.

Weltmeisterschaft als Traum

Wir befinden uns in der Turnhalle Bäumlihof in Basel beim Auftakt- und Sichtungsturnier der Strassenfussballsaison 2011. In der Halle ist es stickig, die Spieler gehen in den Pausen zwischen den Spielen nach draussen, um die warmen Sonnenstrahlen zu geniessen. Auf den Spielfeldern wird derweil um jeden Ball gekämpft, das Niveau ist teilweise sehr hoch. Heute geht es um mehr als nur den Turniersieg. Wie der Turniername bereits andeutet, werden heute die Spieler für die Strassenfussball-Nationalmannschaft der Schweiz gesichtet. Verantwortlich dafür ist Nationalcoach David Möller. Acht Spieler werden die Schweiz im kommenden August am Homeless World Cup in Paris vertreten.

Letztes Jahr fand die Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro in Brasilien statt. Mit dabei war damals auch der Torhüter der Barracudas Frenkendorf, Marcel Handschin (auf dem Titelbild rechts). «Es war ein Traum, an der WM teilzunehmen», schwärmt er. «Einfach nur fantastisch! Einmal das Land zu vertreten: eine Ehre.»

Sinnvolles Projekt

Doch die Gründe, wieso die Spieler überhaupt hier teilnehmen, sind weit weg von einem schönen Traum. «Ich kam nach dem Tod meiner Mutter ins Sophie Blocher Haus in Frenkendorf», erzählt Handschin, «dort organisierte ein Betreuer dann eine Fussballmannschaft.»

Handschin ist nicht der Einzige, der durch einen schweren Schicksalsschlag zum Strassenfussball kam. «Viele meiner Freunde starben durch Drogen», sagt etwa Stefan Brauchli, Spielertrainer und Sozialarbeiter aus Schaffhausen. «Es ist sinnlos, wenn man Drogenabhängige kriminalisiert. Diesen Leuten muss geholfen werden.“

Dieser Meinung ist auch Antonio Cariola, Coach aus Olten: «Es ist eines der sinnvollsten Projekte, das mit Randständigen durchgeführt wird. Der Spassfaktor ist meiner Meinung nach höher einzustufen als der Erfolg der Mannschaft. Die Spieler spüren hier ihren Körper und machen etwas miteinander. Das ist sehr wichtig für sie.»

Zwischen Spass und Problemen

Auf den beiden Feldern wird immer noch Fussball gespielt. Strassenfussball ist viel schneller und intensiver als die gewöhnliche Variante, das Spielfeld ist viel kleiner. Trotz der hohen körperlichen Anstrengung gehen die Spieler voll zur Sache.

Doch die Leute hier haben alle Probleme. Viele von ihnen sind drogenabhängig. Sätze wie: «Wieso können wir hier nicht kiffen?», oder: «Jetzt bräuchte ich eigentlich ein Bier», hört man immer wieder. Alkohol ist während des Turniers jedoch verboten. Andere haben sprachliche Probleme, sie können kein deutsch und kaum englisch und finden deshalb keinen Job. Man merkt den Leuten hier an, dass sie kein einfaches Leben haben.

Am Ende des Turniers ist die Laune bei den meisten Spielern dennoch gut, sie haben einen schönen Tag hinter sich. Das Fussballspielen hat ihnen Spass gemacht und die Stimmung ist fröhlich. Zumindest heute. Denn morgen wartet bereits wieder der triste Alltag.

Mehr Infos zu Surprise Strassenfussball: www.strassensport.ch.

Die glücklichen Sieger: Die AFG Boys aus Basel.

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Seit zehn Jahren kaum zu stoppen

Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.

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