Hitzfelds Debütanten

Für die beiden Testspiele gegen Holland und Luxemburg hat Ottmar Hitzfeld mit dem unbekannteren Vincent Rüfli den nächsten Neuling aufgeboten. Wer ist dieser Rüfli und wie ergeht es den 27 vorherigen Debütanten unter Hitzfeld? Ein Überblick.

Der «Neue»

Vincent Rüfli ist Ottmar Hitzfelds neuster Debütant. Der 23-jährige Aussenverteidiger von Servette Genf war in dieser Saison medial vor allem aufgefallen, als er nach dem Spiel gegen Lausanne von Matt Moussilou tätlich angegriffen wurde, weil er diesen angeblich (rassistisch) beleidigt hatte. Mit guten Leistungen in seiner ersten Super-League-Saison profitiert Rüfli nun aber davon, dass Hitzfeld den Ernstfall testen will, falls der etatmässige Rechtsverteidiger Lichtsteiner ausfallen sollte. Er sei «ein belebendes Element bei den Genfern, mit einer guten Angriffsauslösung, schnell und auf konstant hohem Niveau», so Hitzfeld.

Tatsächlich schoss der offensivstarke Rüfli in seinen knapp über 3 Jahren bei den «Grenats» in 76 Einsätzen bereits 8 Tore und bereitete 7 weitere vor. Im April schoss er in der Challenge League gegen Schaffhausen auch schon einmal ein Tor aus 60 Metern. Rüfli spielt seit Sommer 2008 bei Servette, davor stand er während vieler Jahren für Etoile Carouge in der 1. Liga im Einsatz. Das schnelle Nationalmannschaftsaufgebot überraschte ihn ebenfalls: «Ich habe es zuerst nicht geglaubt, als mich Herr Pishyar (Präsident Servette) anrief, ich war erst davon überzeugt, als mich auch noch Michel Pont anrief», so der Neuling glücklich und stolz auf der klubeigenen Homepage.

Nicht allen Hitzfeld-Neulingen gelang aber der Nationalmannschaftsdurchbruch – ein Überblick in drei Kategorien (jeweils in alphabetischer Reihenfolge).

1. Ausser Rang und Traktanden

Heinz Barmettler, 24: Sein einziges Länderspiel absolvierte Barmettler im November 2009 gegen Norwegen. Hat auch seinen Stammplatz beim FC Zürich wegen Verletzungen verloren und wurde von der Konkurrenz auf seiner Position (Rossini, Affolter, Klose, Ferati) überholt.

Albert Bunjaku, 27: Der Nürnberger steht bei 6 Länderspielen, wurde aber seit mehr als einem Jahr nicht mehr berücksichtigt. Nach seiner schweren Verletzung pendelt der Stürmer in der Bundesliga in der Regel nur noch zwischen Bank und Tribüne.

Sandro Burki, 26: Seine Länderspielkarriere dauerte ganze 5 Minuten, im August 2008 wurde er gegen Zypern kurz vor Schluss eingewechselt. Stieg unterdessen mit dem FC Aarau in die Challenge League ab und war seither nie mehr ein ernsthaftes Thema.

Davide Chiumiento, 26: Der Appenzeller lief ebenfalls nur einmal für die «Nati» auf, im März 2010 gegen Uruguay. War damals beim FC Luzern in starker Form, zog es aber vor, nach Kanada zu den Vancouver Whitecaps zu wechseln und verschwand damit aus Hitzfelds Blickfeld.

Mario Gavranović, 21: Debütierte im März 2011 gegen Bulgarien, als er bei Schalke zu einigen Einsätzen (und Toren, u.a. eines in der Champions League) gelangte. Die Ausleihe nach Mainz war dann hingegen ein Reinfall, sein Stammplatz dort befindet sich auf der Tribüne.

Eldin Jakupović, 27: Spielte gegen Zypern im August 2008 eine Halbzeit im Schweizer Tor, verschwand dann aber aus verschiedenen Gründen in der Versenkung. Der Glarner wurde in Russland nicht glücklich, stellte öffentlich Forderungen an Hitzfeld und wollte als Nr. 2 hinter Benaglio nicht mehr für die Schweiz spielen.

Marco Padalino, 27: Der Tessiner brachte es auf 9 Länderspiele, spielte und kämpfte sich in die Herzen der Schweizer Fans. Verlor dann aber seinen Stammplatz im Verein, stieg mit Sampdoria im Sommer ab und kommt auch in der Serie B nur noch auf gelegentliche Einsätze.

Scott Sutter, 25: Der Rechtsverteidiger wurde im Herbst 2010 drei Mal eingesetzt. Entgegen früherer Aussagen, für England spielen zu wollen, entschied er sich dann doch für die Schweiz. Wurde bei YB aber unterdessen vom Montenegriner Zverotić auf seiner Position verdrängt.

2. Die alternativen Optionen

Almen Abdi, 25: Nach den unsäglichen Transferwirren wurde es in Italien ruhig um den offensiven Mittelfeldspieler. War 2008/2009 noch überragender Mann beim FCZ und kam auf 6 Länderspiele, wird unterdessen in Udine oft kurz vor Schluss eingewechselt. Sehr talentiert und bei mehr Spielpraxis eine starke Alternative im zentralen Mittelfeld.

François Affolter, 20: Kam im August 2010 zu seinem Debüt gegen Österreich, spielte vier Mal im Nati-Dress. Verletzte sich anfangs Saison und kämpft nun bei YB um seinen Stammplatz, gerüchteweise möchte ihn nun der FC Luzern verpflichten.

Nassim Ben Khalifa, 19: Der U17-Weltmeister debütierte wie Affolter 2010 gegen Österreich, kam aber bei Wolfsburg und Nürnberg nie über die Reservistenrolle hinaus. Versucht sich jetzt mit Spielpraxis bei YB wieder für Wolfsburg und Ottmar Hitzfeld zu empfehlen.

Gaetano Berardi, 23: Der Tessiner wurde vor 3 Monaten gegen Liechtenstein für 8 Minuten eingewechselt und seither nicht mehr berücksichtigt. Hat bei Brescia in der Serie B einen Stammplatz und wird sich mit Leuten wie Rüfli als Ersatz für die beiden Aussenverteidigungspositionen bekämpfen.

Beg Ferati, 25: War Bankdrücker in Basel, ist nun Bankdrücker in Freiburg. Immerhin verhalf ihm sein Wechsel wohl zu seinem einzigen Länderspieleinsatz, er spielte 27 Minuten gegen Liechtenstein im Test Mitte August 2010.

Jonathan Rossini, 22: Spielte eine starke U21-Europameisterschaft und kam bis dato zu einem Länderspiel (März 2010 gegen Uruguay), war da aber gegen Forlán & Co. überfordert. Bei Serie B-Verein Sampdoria diese Saison aber noch ohne Einsatz.

Pirmin Schwegler, 24: Hat in Frankfurt zwar einen Stammplatz, spielt aber nur noch 2. Bundesliga und wird nach starken Leistungen des Italien-Trios Inler, Dzemaili und Behrami momentan eher überraschend nicht mehr aufgeboten.

Valentin Stocker, 22: Riss sich Ende April das Kreuzband und befindet sich zurzeit auf dem Weg zurück. Der Flügelflitzer von Basel schoss im August 2008 gegen Zypern bei seiner Nati-Premiere nach 8 Minuten gleich sein erstes Tor.

3. Die «aktuellen» Neulinge

Moreno Costanzo, 23: Debütierte im August 2010 gegen Österreich und schoss nach seiner Einwechslung mit der ersten Ballberührung gleich sein erstes Länderspieltor. Wird bei YB diese Saison entweder ein- oder ausgewechselt.

Innocent Emeghara, 22: Wechselte im Sommer abrupt von GC zu Lorient, nach nur einem Jahr Super League. Der Stürmer ist unglaublich schnell, technisch aber nur Durchschnitt. Ein idealer Joker für müde Gegner.

Fabian Frei, 22: Vielleicht der Aufsteiger der Rückrunde. Anfangs Saison ohne Erwartungen zurück nach Basel geholt, ist der polyvalente Thurgauer beim FCB nun Stammspieler, Antreiber, Torschütze und Vorlagengeber.

Timm Klose, 23: Erst Leistungsträger in Thun, nun erste Wahl in Nürnberg. Bildete zusammen mit Rossini die bombensichere Innenverteidigung an der U21-Europameisterschaft diesen Sommer.

Johnny Leoni, 27: Momentan die Nummer 3, wurde einmal gegen Liechtenstein im August 2011 eingewechselt. Der Walliser war in den letzten Monaten ein guter Rückhalt, wird aber bald von Yann Sommer verdrängt werden.

Admir Mehmedi, 20: Nach den Rücktritten von Streller und Frei fand sich Mehmedi unverhofft früh im Nationalteam wieder. Hat aber gewiss das Potenzial, im Sturm zu einer festen Grösse zu werden.

Alain Nef, 29: Im August 2008 bei seiner Premiere gleich Torschütze gegen Zypern, wurde aber danach nicht mehr oft aufgeboten. Nach dem Wechsel zurück in die Schweiz zu YB wieder eine flexible Option in der  Verteidigung.

Ricardo Rodríguez, 19: Vielleicht zurzeit das grösste Talent hierzulande neben Shaqiri, spielt beim FCZ auf konstant hohem Niveau, war schon U17-Weltmeister und wird Ziegler als Linksverteidiger bald ablösen.

Xherdan Shaqiri, 20: Der aktuelle Shootingstar schlechthin, der Basler hat sich einen Stammplatz gesichert und wird von halb Europa gejagt. Man kann nur hoffen, dass er sich den richtigen Verein für seine Zukunft aussucht. Bayern München hat ja bereits starkes Interesse angemeldet ...

Marco Wölfli, 29: Die solide Nummer 2 hinter Benaglio. Bei YB seit Jahren unumstrittener Stammgoalie und sicherer Wert, ausserdem stellt er keine Ansprüche und setzt sich klaglos auf die Bank.

Granit Xhaka, 19: Der junge Basler hat sich in den letzten Monaten zur Stammkraft bei Basel entwickelt, für sein Alter bereits sehr weit und routiniert. Der U17-Weltmeister hat auch das Zeug zum Nati-Stammspieler.

Fazit

Viele ehemalige Hitzfeld-Neulinge sind wieder in der Versenkung verschwunden, Rüfli wird es da vorerst nicht anders ergehen als den Kollegen Berardi & Co. Die Position in der Rechtsverteidigung ist fest vergeben an Stephan Lichtsteiner, auf links spielt derzeit Reto Ziegler einen beständigen Part und wird dann wohl eher von Ricardo Rodríguez verdrängt. Der Servettien kann sich darauf konzentrieren, einen guten Eindruck zu hinterlassen, Nationalmannschaftsluft zu schnuppern und weiter an sich zu arbeiten. Doch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien beginnt erst im Herbst 2012 und Rüfli hat durchaus das Potenzial, weitere Aufgebote von Ottmar Hitzfeld zu erhalten.

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