Altes Lugano, neues Lugano

Bruno Valente trifft wie vor drei Jahren erneut in der AFG Arena im Challenge-League-Spitzenkampf St. Gallen-Lugano. Diesmal aber auf der anderen Seite. Der Neuenburger provoziert damit Emotionen und lanciert den Aufstiegskampf 2011/2012.

Aufstand des alten Lugano

Die St.-Gallen-Fans hatten sich alle Mühe gegeben, die Luganesi zu provozieren. Das altbekannte «Lugano, Lugano, vaffan…» schallte immer wieder durchs Rund. Es gelang nicht wirklich. Nur ein müdes «San Gallo, San Gallo, vaffan…» kam zurück. Den Spruch hören die Luganesi jedes Wochenende – er ist langsam abgedroschen.

Die Provokation des Tages folgte später, in der 63. Minute. Der eingewechselte Bruno Valente kann sich mit Ball am Fuss hinter der Tessiner Mittelfeldlinie davonstehlen und erzielt aus der Distanz via linken Innenpfosten den einzigen Treffer des Abends, worauf er ohne zu zögern direkt in die Fankurve Luganos rennt, um seinen Treffer hämisch zu feiern. Der St. Galler Neuzugang bringt damit die Gästefans auf die (Tessiner) Palme. Die schwarz-weisse Kurve kocht, die Emotionen schwappen über, der Zaun wird geentert, es fliegen Gegenstände aufs Feld. Nichts schmerzt einen Fan mehr, als von einem Spieler verhöhnt zu werden, dem man einmal selber zugejubelt hat.

Es war der Tag des Aufstandes des «Lugano vecchia», des alten Lugano, gegen das neue Lugano von Trainer Alessandro Pane. Der Neuenburger Valente hatte vor drei Jahren eine Saison für Lugano gestürmt und dabei elf Tore erzielt, eines davon bei der 1:2-Niederlage in der AFG Arena gegen St.Gallen – ebenfalls als Einwechselspieler. Es war das erste Auswärtstor in der neuen Arena überhaupt. Auch im Rückspiel im Mai 2009, welches Lugano 3:1 gewann, traf Valente. Danach wurde er aber in die U21 verbannt und kam später bei Schaffhausen unter.

Philippe Montandon wechselt das Pferd

Abwehrchef bei Lugano war damals Philippe Montandon, welcher eine Leaderfigur desjenigen Lugano war, welches zuletzt dreimal hintereinander den Aufstieg knapp verpasste. Im Tessin feierte der Zürcher nicht nur viele Siege, sondern erfuhr auch viel Unterstützung während der Zeit seiner schweren Krankheit, als er zwischenzeitlich seine Karriere in der Saison 2009/10 für ein paar Monate unterbrechen musste. Schafft es Montandon diesmal mit St. Gallen? Oder hat er wieder aufs falsche Pferd gesetzt? An ihm soll es nicht liegen – gegen Lugano präsentierte sich Montandon als einer der wenigen St. Galler in blendender Verfassung.

Regazzoni und Vailati – echte Luganesi auf der falschen Seite

Ein echter (und alter) Luganesi im St. Galler Trikot ist Alberto Regazzoni. Der Beweis dafür sind die Schmäh-Rufe mit denen der entfernt mit Formel-1-Legende Clay Regazzoni verwandte Flügelflitzer jedes Mal eingedeckt wird, wenn er in Bellinzona spielt. Gegen das Team aus seiner Heimatstadt arbeitet er defensiv mit, wie man es zuvor selten von ihm gesehen hat. Für seine offensichtliche Schwalbe im Lugano-Strafraum in der 21. Minute gibt es dann aber zu Recht keinen Penalty. Regazzoni kam in seiner Entwicklung 2003 der Konkurs Luganos dazwischen, so dass er zwischenzeitlich gar drittklassig spielen musste. Trotzdem wird er sich wohl, wenn er ehrlich ist, vor dem Spiel ein bisschen gewundert haben, was er eigentlich im Dress eines direkten Konkurrenten seines Heimatvereins zu suchen hat.

Ein weiterer echter Luganesi in den Reihen St. Gallens ist Torhüter Germano Vailati. Er wechselte 2004 zusammen mit Regazzoni von Malcantone Agno zum FC Sion. Vor fünf Monaten war der 30-jährige Tessiner noch mit der Schweizer Nationalmannschaft in Bulgarien beim EM-Ausscheidungsspiel – jetzt ist er Ersatzkeeper in der Challenge League.

Luca Baldo und die AFG-Arena

Eher unschöne Erinnerungen hat Luca Baldo an jenes legendäre Duell in der AFG Arena im Dezember 2008. Der Italiener spielte damals wie aufgedreht, prüfte den St. Galler Hüter Daniel Lopar mit vier unglaublich scharfen Weitschüssen. In der zweiten Halbzeit fasste er bei einer Spielunterbrechung dem St. Galler Jiri Koubsky ins Gesicht, dieser liess sich fallen – Baldo erhielt die rote Karte. Noch schlimmer: Im Anschluss an die Partie kam heraus, warum Baldo in jeder Hinsicht so aufgedreht war. Er hatte sich im Mailänder Nachtleben mit stimulierenden Substanzen eingedeckt und wurde nach der Partie in der Dopingprobe positiv auf Kokain getestet. Seine zweijährige Sperre hat er mittlerweile abgesessen. Seit einem halben Jahr ist er wieder für Lugano im Einsatz und kehrte nun notabene als neuer Captain an die Stätte des Unheils zurück und zeigte diesmal weder Hammerschüsse noch Unbeherrschtheiten.

Mittlerweile ist Baldo 28 Jahre alt. «Lugano vecchia» könnte man etwas provokant auch das aktuelle Team nennen – personifiziert durch den glatzköpfigen 35-jährigen Stürmer-Haudegen Davide Possanzini. Das Durchschnittsalter der Startformation, mit der die Luganesi in St. Gallen antraten, liegt immerhin bei 27.5 Jahren. Der neue Trainer Alessandro Pane setzt auf Erfahrung. Diese ist nicht zu unterschätzen. Lugano kann schnell auf Angriff umschalten und braucht nur wenige Ballkontakte, um zu einem gefährlichen Abschluss zu kommen.  Der von Pescara gekommene und vor allem auf den Seiten eingesetzte Mittelfeldspieler Massimo Bonanni spielt dabei eine wichtige Rolle. Possanzini hat einen guten Schuss, gegen Ende des Spiels kann ihm aber schon mal die Puste ausgehen. Ein Top-Kandidat für den Torschützenkönig ist aber auch diese Saison wieder vor allem der Argentinier Dante Adrian Senger.

Der Aufstiegskampf ist lanciert

Aarau spielte in Lugano vor Wochenfrist sehr engagiert, lieferte sich mit seinem jungen Team gegen die Bianconeri einen offenen Schlagabtausch und lief dabei gegen die abgebrühteren Luganesi ins offene Messer. St. Gallen konnte ein ähnliches Schicksal nur dank ihren Top-Defensivspielern Montandon, Imhof und Keeper Lopar umschiffen.

Der neue Trainer Alessandro Pane, ein Fan und Freund von Zenit-Coach Luciano Spalletti, den er auch schon in St. Petersburg besucht hat, will von seinem Team einen Fussball mit viel Ballbesitz und Direktspiel sehen. Davon ist das neue Lugano noch relativ weit entfernt.

Gibt es in der Challenge League-Spitze ein Déjà-vu mit dem Zweikampf zwischen Lugano und St.Gallen, wie vor drei Jahren? Einerseits sind beide Teams noch stark im Findungsprozess begriffen und offenbaren eklatante Schwachstellen. Bei Lugano ist das Mittelfeld-Zentrum noch zu fehleranfällig, bei St. Gallen vor allem die rechte Seite mit Martic und Muntwiler. Andererseits sind aber auch die anderen Teams noch stark mit sich selbst beschäftigt und nehmen sich im Hauen und Stechen um die ersten zehn Plätze gegenseitig Punkte ab.

Ausgeglichene Liga dank Überlebenskampf?

Der Kampf um den Klassenerhalt wird dieses Jahr in der Challenge League garantiert spannend, und dies wirkt sich, mit Ausnahme von St.Gallen, welches auf hohem Niveau rückläufige Besucherzahlen vermeldet, bereits heute positiv auf die Zuschauerzahlen aus. Aber wird auch der Aufstiegskampf elektrisierend? Mit Servette und Lausanne sind zwei ambitionierte Teams weggefallen. St. Gallen kommt neu dazu, wohingegen der andere Absteiger, Bellinzona, zwar viel Potential im Team hat, sich aber nach der völligen Neugestaltung erst finden muss.

Vaduz hat erneut Anlaufschwierigkeiten. Aarau könnte für eine Überraschung gut sein – das Team spielt erfrischenden Fussball, braucht aber einen Tick mehr Abgeklärtheit und Ruhe. Dazu könnte im Aufstiegskampf noch ein Überrraschungsteam stossen, wohl eines, das von Verletzungen verschont bleibt, denn die Kaderdecke ist bei vielen Teams trotz Überlebenskampf eher dünn. Der eine oder andere Präsident spart wohl noch etwas finanzielle Munition für den Winter auf, um bei Bedarf für die Rückrunde nachlegen zu können.

Altes Lugano oder neues Lugano?

Und Lugano? Werden wir erneut das alte Lugano sehen, das wie zuletzt dreimal den Aufstieg erneut knapp verpasst? Oder klappt es diesmal? Von den Einzelspielern her ist die Mannschaft nicht besser geworden. Aber wie die letzten Jahre in der Challenge League gezeigt haben, ist vor allem auch der Grad der Unausgeglichenheit in der Liga entscheidend. Wie viele Konkurrenten schaffen es, regelmässig drei Punkte einzufahren, wenn es wohl für den grössten Teil der Liga bis in den Mai hinein noch um alles geht? Entscheidend ist, möglichst lange im Rennen zu bleiben, und den Glauben an das grosse Ziel nicht zu verlieren.

Bild: fcsg.info

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