Beni Lüthi oder die Ode an den Aussenverteidiger

Aussenverteidiger werden immer noch etwas belächelt und unterschätzt. Beni Lüthi vom FC Thun ist zur Zeit das beste Schweizer Beispiel dafür, dass diese Sichtweise veraltet ist.

Fussballweisheit Nr. 47

Es gibt viele Lehrmeinungen und Fussballweisheiten, die nicht, oder nicht mehr der Realität entsprechen.  Zum Beispiel Fussballweisheit Nummer 47: «Die zentralen Spieler bestimmen das Spiel.» Der Prototyp eines solchen Spielers ist der klassische «Regisseur» aus den 1970er- und zum Teil noch 80er-Jahren, der sich auf der gefühlten Fläche eines Bierdeckels bewegt, auf Anspiele aus der Abwehr wartet und dann mit viel Platz, Zeit und grosser Geste den Ball genau in den Lauf eines Stürmers zaubert.

Diese Zeiten sind vorbei. Im Zentrum fehlt heute der Platz und es fehlt die Zeit. Den klassischen Regisseur gibt es nicht mehr. Die Rede war darum lange Zeit von den Spielgestaltern aus dem Rückraum, den defensiven Mittelfeldspielern und Innenverteidigern. Sicherlich nicht ganz zu unrecht. Der erste Pass wurde mit der Zeit immer entscheidender für den Erfolg des ganzen Angriffs. Der erste Pass kann dabei ein ganz simpel anzuschauender kurzer Ball sein. Im richtigen Moment, mit der richtigen Härte und Präzision gespielt, kann er bereits vorentscheidend für den Erfolg oder Misserfolg des ganzen Angriffs sein. Ähnlich wie der erste Zug beim Schach. Bauer von e2 auf e4. Nicht umsonst machen sich Schachspieler so viele Gedanken um diesen einen, ersten Zug.

Das Spiel läuft aber mit zunehmender Leistungsdichte weltweit bezüglich Athletik, Technik und Taktik schon länger meistens über die Seiten, und nicht nur das Spiel. Auch der erste Pass wird immer häufiger nicht von einem zentralen Spieler gespielt, sondern von einem Aussenverteidiger.

Der AV: Vom «glatten Cheib» zum Angriffsmotor

Der Aussenverteidiger: früher vorwiegend ein Spieler, dem man alle anderen Positionen nicht zugetraut hat, den man aber trotzdem dabeihaben wollte, «weil er noch ein ‹glatter Cheib› ist» und einfach dazugehörte. Heute haben Aussenverteidiger einen immer grösseren Einfluss auf das Spiel, weil sie als einzige noch ein gewisses Mass an Raum, Zeit und Optionen haben. Der Aussenverteidiger muss einerseits dafür sorgen, dass der Gegner dort, wo er am meisten Platz hat, nicht durchkommt. Gleichzeitig bekommt der Aussenverteidiger meist den Ball von seinem Keeper und spielt dann den ersten Pass nach vorne, wenn dies der Torhüter nicht selbst übernimmt.

Der Aussenverteidiger kann zudem als «freies Radikal» eine Blockade im Mittelfeld lösen, wenn der Gegner sich gut verschanzt hat, oder mit präzisen Doppelpässen mit einem Mitspieler über die Seiten an die Grundlinie vorstossen. Die zentralen Spieler sind zwar weiterhin die Scharniere und Relais-Stationen einer Mannschaft. Der Angriffsmotor kommt aber oftmals erst in Gang, wenn sich die Aussenverteidiger aktiv und erfolgreich ins Spiel einschalten. Die Aussenverteidiger werden gar immer mehr zu eigentlichen Ideengebern und bestimmen mit ihrem ersten Pass und ihren Laufwegen, wie der Angriff läuft. Häufig übernimmt daher der Aussenverteidiger im modernen Fussball die Rolle, die in den 70er- und 80er-Jahren der «Libero» nach Vorbild von Franz Beckenbauer eingenommen hat. Der freie Mann, der mit Tempo in die Räume vorstösst, Überzahl schafft und die gegnerische Defensivstellung aus den Angeln hebt – und dies nicht nur über die Aussen, sondern auch im Zentrum.

Beni Lüthi = Andres Gerber 2.0

Ein starker Aussenverteidiger kann das Spiel eines Teams auf ein höheres Niveau heben. Ein solcher Aussenverteidiger ist Benjamin «Beni» Lüthi vom FC Thun. Schon vor fünf Jahren feierte das heute 22-jährige Berner Oberländer Eigengewächs in der Super League gegen GC sein Debüt. Auf seiner Position des rechten Aussenverteidigers spielte damals noch der heutige Sportchef Andres Gerber.

Ähnlich wie sein erfahrener Vorgänger prägt Lüthi das Thuner Spiel nun schon seit drei Jahren wie kaum ein anderer von der Position des Rechtsverteidigers aus. Die rechte Seite ist weiterhin die starke Seite der Berner Oberländer. Verschiedene Spieler haben als Partner von Lüthi in dieser Zeit auf der rechten Seite im Mittelfeld gespielt. Stephan Glarner, Stephan Andrist oder zuletzt auch Christian Schneuwly. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie dank Lüthi immer eine gute Figur gemacht haben. Glarner konnte dadurch sogar einen Vertrag beim finanzstarken FC Sion unterschreiben.

Christian Schneuwly, der ideale Partner

Mit keinem Partner hat das Zusammenspiel auf der rechten Seite aber bisher so gut funktioniert wie jetzt mit Neuzugang Christian Schneuwly. Dies vor allem auch deshalb, weil der vielseitige und läuferisch starke Schneuwly sich nicht zu schade ist, bei einem Vorstoss von Lüthi an die Grundlinie wirklich auch mal konsequent abzusichern und die Aussenverteidigerposition nach einem solchen Angriff auch eine Zeit lang hält, um für beide Spieler unnötige Laufwege zu vermeiden.

Genauso kann aber auch Schneuwly an die Grundlinie vorstossen, wie beim Musterangriff, der zum frühen 0:1 in Palermo führte, als Lüthi den Angriff einleitete, Schneuwly sich durch einen Doppelpass mit Lezcano auf der rechten Seite freie Bahn verschaffte und zum mitgelaufenen Lüthi zurückpasste, der am kurzen Pfosten vollendete. Schon gegen Vllaznia hatte Lüthi dank seiner Nervenstärke mit seinem Tor in der Nachspielzeit das Weiterkommen gesichert und die Arena Thun zum ersten Mal so richtig zum Explodieren gebracht. Das gleiche passierte zwei Wochen später beim Heimauftritt gegen Palermo. Durch Lüthis Hackentrick-Rückpass im Fallen stand Lezcano im Strafraum plötzlich ganz alleine vor Palermo-Keeper Benussi und traf zum Ausgleich – der Angriff war von Lüthi selbst im Mittelfeld eingeleitet worden.

Italienischer Nationalspieler räumt demoralisiert das Feld

Schon in der Challenge League war Lüthi für viele Thuner Assists verantwortlich. In der ersten Super-League-Saison als Stammspieler war er zuletzt dank seinem Spielverständnis und den konstant starken Flanken klar bester Aussenverteidiger in dieser Kategorie mit 9 Torvorlagen. Zudem glänzte er mit einem schönen Freistosstreffer in Luzern.

Auch in der Europa-League-Qualifikation gegen das gute Serie-A-Team Palermo überzeugte Lüthi wie üblich mit seinem präzisen und überlegten Passspiel und einer sehr hohen Quote an angekommenen Pässen. Der Beobachter auf der Tribüne sah zudem, dass Lüthi auch defensiv mit guten Tacklings seinen Mann stand. Palermo-Star Fabrizio Miccoli kann davon ein Liedchen singen – am ruhigen Lüthi blieb der trickreiche Italiener immer wieder hängen. Lüthi seinerseits zog mit Ball am Fuss an seinem Gegenspieler, dem italienischen Nationalspieler Federico Balzaretti, vorbei, als wäre dieser ein Hobby-Fussballer.  Mit Kopfschütteln verschwand Balzaretti zur Pause in die Kabine und tauchte nicht mehr auf – er wurde ausgewechselt.

Beni Lüthi ist ein variabler Spieler mit Ideen, der mitdenkt, das Spiel strukturiert und immer das ganze Team im Blick hat. Noch arbeiten muss Lüthi an seinen Kopfbällen und auch Dribblings auf engem Raum sind nicht seine Stärke. Aber welcher Aussenverteidiger ist schon wirklich stark in diesen zwei Bereichen? Wenn Lüthi vom Gegner gedoppelt wird, kann er sich im direkten Duell nicht immer durchsetzen. Das weiss er auch und sucht daher konsequent die freien Räume oder den Doppelpass. Agieren statt reagieren ist seine Devise. Da heute beim FC Thun fast alle Stammspieler eine gute Grundschnelligkeit aufweisen, und das Tempo nicht mehr von Akteuren wie Scarione verschleppt wird, funktioniert diese Spielweise auch auf Super-League-Niveau gut.

Das Berner Oberland etabliert sich

Ein Talent wie Lüthi ist dabei nur die Spitze des Eisbergs einer erstaunlichen Entwicklung des Berner Oberländer Fussballs der letzten Jahre. Rama, Ferreira, Raimondi, Kukuruzovic, Glarner, Andrist, Wittwer oder Lüthi sind alles Thuner Eigengewächse und dies in einer Region, die bis vor rund 10 Jahren ein weisser Fleck auf der Fussball-Landkarte war. Heute spielt die U21 des FC Thun in der 1. Liga und in der 2. Liga Interregional duellieren sich zwei weitere Klubs aus der Stadt, Dürrenast und Lerchenfeld, mit dem regionalen Konkurrenten Spiez. Vom FC Dürrenast stammt unter anderem Zdravko Kuzmanovic, der nach einem Zwischenjahr beim FC Thun nach Bern und Basel weiterzog.

Vielleicht könnte es sich für den Nationaltrainer doch lohnen, auch einmal beim aktuellen Leader im neuen Schmuckstück des Berner Oberlandes, der Arena Thun, vorbeizuschauen. Beim Team, das wie schon im Vorjahr in den ersten fünf Runden keine einzige Partie verloren hat, und auch im Europacup weiterhin ungeschlagen ist. Etwas von dieser Oberländer Spielfreude, dem Kampfgeist, dem Talent und dem Willen, das Beste aus seinen Möglichkeiten herauszuholen, könnte dem Nationalteam in seiner aktuellen Verfassung bestimmt nicht schaden.

Bild: fcthun.ch.

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Kommentare  

 
#1 2011-08-17 07:23
Sehr gute Analyse, Chapeau!
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