Blutleere «Institution»

Nach dem leblosen Auftritt im Derby berief Ciriaco Sforza eine sechsstündige Aussprache. Die löchrige Defensive, die harmlose Offensive, der fehlende Sportchef – bei GC krankt es an allen Ecken und Enden.

Wunden lecken

Gegen sechs Stunden soll die Aussprache am Montag zwischen Trainer Ciriaco Sforza, Vize-Präsident Alain Sutter, CEO Marcel Meier, Mathias Walther (Technischer Leiter des Nachwuchs) sowie einigen Spielern auf dem Campus in Niederhasli gedauert haben. Dabei sollen nicht nur die Vertrauensfrage gestellt, sondern auch intensive Diskussionen über die Strategie des Vereins und die nahe Zukunft geführt worden sein. Trainer Sforza war nach dem Derby entsprechend verärgert und hatte um diesen Austausch gebeten. Bereits zum wiederholten Male – und schon zum zweiten Mal im dritten Stadtderby der Saison – hatte die Mannschaft, höflich formuliert, eine erstaunliche Lethargie an den Tag gelegt.

Ohne den Hauch einer Chance gehabt zu haben, ergab man sich apathisch der Niederlage gegen den Stadtrivalen, der zurzeit auch nicht das Mass aller Dinge darstellt und seine zahlreichen Winter-Abgänge erst verkraften muss. Trotzdem reichte eine solide Leistung, um die leidenschafts-, harm- und ideenlosen Grasshoppers ohne Mühe in Schach zu halten. Sforza bemängelte zu Recht die «mangelnde Einstellung und die falsche Körpersprache. So kommt man nicht mehr weiter.» Beim Rekordmeister kann man froh sein, dass der Direktabsteiger bereits ermittelt ist (Konkurs Xamax) und auch die Barrage weit weg scheint (Sion nach Punkteabzug zurückgebunden, Lausanne bereits distanziert, Servette ebenfalls in Konkursgefahr).

Löchrige Defensive

Sforza mag vor allem die Aussetzer einiger Verteidiger nicht mehr hinnehmen. In Abwesenheit des gesperrten Michael Lang und des verletzten Boris Smiljanic bildeten Marco Kehl und Iacopo La Rocca die Innenverteidigung, die mit dem Abgang von Guillermo Vallori im Winter zusätzlich geschwächt wurde. Kehl und La Rocca harmonierten überhaupt nicht zusammen, zumal die Abwehr in dieser Konstellation noch kein Pflichtspiel absolvierte. Vor allem Sicherheitsrisiko Kehl wirkte ein ums andere Mal überfordert, jeder gegnerische Steilpass verursachte akute Torgefahr. Gemäss Medienberichten möchte man in Luzern Tomislav Puljić, in der Hinrunde unumstrittener Stammspieler und einer der Pfeiler der FCL-Defensive, loswerden. Der Kroate wäre möglicherweise der ersehnte Abwehrchef.

Die Gegentore gegen den FCZ verursachten jedoch primär die beiden Aussenverteidiger. Paulo Menezes sah kurz nach der Pause gegen Nikci schlecht aus, Daniel Pavlovic kam nur kurz danach gegen Pedro Henrique zu spät und sah für diese Notbremse die rote Karte. Der Brasilianer Menezes enttäuscht seit Monaten und dürfte alsbald von Basel-Leihgabe Taulant Xhaka verdrängt werden. Bauer und Hossmann wären weitere Alternativen für Menezes, dessen auslaufender Vertrag im Sommer kaum verlängert wird. Den gesperrten Pavlovic wird am Sonntag in Genf Bruno Bertucci ersetzen, der vor der Saison von Sforza als neuer Roberto Carlos angepriesen wurde, sich nun aber eher als neuer Kim Jaggy herausstellte…

Harmlose Offensive

GC fehlt ausserdem vor allem ein offensiver Spielgestalter, der die Fäden im Angriff zusammenhält. Daniël de Ridder zeigt diese Qualitäten gelegentlich, neigt aber ebenso wie die beiden Schönwetterfussballer Izet Hajrovic und Steven Zuber zur ineffektiven Nonchalance. Vor allem Zuber ist seit Monaten ein Ärgernis, seine Absatztricks sind teilweise schön anzusehen, enden aber meist in brotloser Kunst oder einem Ballverlust. Zudem sind de Ridder (diese Saison 2 Vorlagen, noch kein Tor), Hajrovic (0 Tore, 0 Vorlagen) und Zuber (3 Tore, 2 Vorlagen) vor dem Tor absolut ineffizient und sind frei jeglicher Dynamik und Entschlossenheit, dabei wären alle drei technisch überdurchschnittlich begabt und könnten dem GC-Spiel ihren Stempel aufdrücken.

Zudem hat man es bei GC erneut versäumt, einen Stürmer zu verpflichten, der diesen Namen verdient. Nach der Degradierung von João Paiva hat man mit dem 21-jährigen Orhan Mustafi noch einen einzigen gelehrten Stürmer im Kader. Weshalb Paiva keine Chancen mehr erhält, bleibt Sforzas Geheimnis. Magere 18 erzielte Tore in 20 Spielen sind ein Armutszeugnis für die Offensive der Hoppers. Innocent Emeghara, der sich Ende August (!) nach Lorient verabschiedete, führt die interne Torschützenliste mit fünf Treffern nach wie vor an. Der in Luzern ausgemusterte Cristian Ianu wäre im Winter zu haben gewesen, wechselte dann aber lieber zum Tabellenletzten ins Wallis. Angeblich hat man auch Interesse an Locarno-Topscorer Armando Sadiku, allerdings sind auch andere Teams hinter dem treffsicheren Albaner her und das Transferfenster schliesst bereits am Mittwochabend.

Viele Abgänge, keine Routine

Selbst Ciriaco Sforza geniesst in Fankreisen immer weniger Kredit. Von den vielen jungen Talenten hat sich in den letzten Monaten keiner entscheidend weiterentwickeln können. Zudem fehlt GC ein Sportchef, der für Transfers und eine sinnvoll zusammengestellte Mannschaft zuständig wäre. Diese Verantwortung liegt ebenfalls bei Sforza, der bei vielen Transfers kein gutes Händchen bewies und bereits wie bei Luzern für viel Fluktuation gesorgt hat. Dass er mit bescheidenen Mitteln haushalten muss, kann ihm da zugute gehalten werden. Mit R. Feltscher, Lulić, Sommer, Ben Khalifa, Zárate (im Sommer 2010) sowie Rennella, Emeghara, Voser und Salatic (im Sommer 2011) hat in den letzten eineinhalb Jahren fast eine komplette Stammelf den Rekordmeister verlassen. Viel Substanz, mit deren Verlust auch andere Vereine zu kämpfen hätten.

GC büsst zurzeit für die selbst auferlegte «House of Talents»-Strategie, die nur aufgeht, wenn die Jungen von einigen bestandenen und erfahrenen Routiniers angeführt werden. Smiljanic, Ricardo Cabanas oder Davide Callà, die für diese Rolle prädestiniert gewesen wären, sind extrem verletzungsanfällig oder sogar kurz vor dem Karriereende. Veroljub Salatic suchte in Zypern eine neue Herausforderung und wurde durch Davor Landeka ersetzt, der wie Paiva nur noch in der U21-Mannschaft spielen darf. Der neue Hoffnungsträger diesbezüglich heisst Johann Vogel – der wird übrigens in drei Wochen 35-jährig und hat seit etwa drei Jahren keine Ernstkämpfe mehr bestritten. Sforza hingegen wird sich gut überlegen, ob er sich die Arbeit bei GC weiterhin antun will, wenn ihn die besten Kräfte jeden Sommer verlassen. Zurzeit muss er sich deswegen aber wenig Sorgen machen.

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Kommentare  

 
#1 Res Kehle 2012-02-18 21:12
Danke für den guten Artikel.
Frage mich auch, warum Paiva einfach weg ist. Und vor allem, wieso Vallori "nicht mehr erwünscht" war. Den hat GC dringend gebraucht, er hat seine Leistung meist gebracht.
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