Bulats Welt – Lost in Translation

«Better than a hollywood mafia script», so der Kommentar eines Users auf der Website von CNN zum Fall Chagaev und Xamax. kurzpass.ch warf bereits im Sommer in mehreren Artikeln einen Blick nach Neuchâtel. Aber wie nahm eigentlich Bulat Chagaev seinen Club, sich selbst und den ganzen Trubel war?

Im Film «Lost in Translation» (2003) von Sofia Coppola soll die Hauptfigur, gespielt von Bill Murray, in Tokyo Aufnahmen für eine Whiskeywerbung machen. Der kreative Regisseur erklärt mit viel Engagement und Emotionen detailliert, ausführlich und in blumigen Worten auf japanisch was Murray tun, woran er dabei denken, und wie das Ganze rüberkommen soll. Murray wartet gespannt auf die Übersetzung der überforderte Dolmetscher fertigt ihn aber mit einem knappen «Er will, dass Sie umdrehen, in Kamera schauen, okay?» ab. Worauf Bill perplex erwidert: «Ist das wirklich alles, was er gesagt hat...?»

«Dank mir wurde Xamax in der Welt bekannt»

Ähnliche Szenen haben sich seit Mai letzten Jahres in Neuenburg abgespielt. Wenn es nicht um einen Schweizer Traditionsverein gegangen wäre, hätten es die Zuschauer vielleicht sogar als Slapstick betrachtet und amüsiert mitverfolgt. Die vorerst letzte Episode dieses Stücks spielte sich im Hotel La Réserve in Genf nach der Rückkehr aus dem Wintertrainingslager in Dubai ab. Clubbesitzer spricht zu Mannschaft, es wird aus dem Russischen übersetzt. Ein Spieler meint danach: «Ich habe bei Weitem nicht alles verstanden, aber auf jeden Fall hat uns Bulat Chagaev freigestellt.» Der Anwalt, dessen Telefonnummer Chagaev hinterlassen hat, weiss aber von nichts, und am nächsten Tag wird in einem der zahllosen Communiqués auf der Xamax-Website verkündet, dass mit der Freistellung «Ferien» bis zur Verkündung der Entscheidung durch die SFL-Rekurskommission gemeint sein sollen.

Dies ist die Geschichte von Bulat Chagaevs Welt, die Welt in seinen Augen. Und diese Sichtweise ist wirklich originell und einmalig. Während altgediente Xamax-Supporter Kondolenzschreiben und Trost von Fussballfans aus der ganzen Welt erhalten, welche sich noch an die wunderbaren Teams der 80er- und 90er-Jahre erinnern, als Xamax europaweit für Furore sorgte, ist Bulat Chagaev überzeugt: «Dank mir wurde Xamax in der Welt bekannt.»

Chagaevs Xamax will auch gratis niemand sehen

Die Stimmung rund um Xamax war zwar schon vor der Ankunft von Chagaev nicht mehr ganz rosig gewesen, aber danach sackte sie noch einmal zusätzlich in den Keller. Zu den Zeiten von Vorgänger-Präsident Sylvio Bernasconi war der Zuschauerschnitt zwar auch nicht berauschend, aber das grundsätzliche Interesse an Xamax immer noch da. Wenn Bernasconi ein oder zwei Mal pro Jahr ein Meisterschaftsspiel mit Gratiseintritt anbot, dann war die Maladière bis auf den letzten Platz gefüllt. Bei Chagaev wollten die Leute nicht einmal mehr gratis ins Stadion kommen mehr als die Hälfte der Plätze blieben auch bei freiem Eintritt leer. Trotz zuletzt ansprechenden sportlichen Leistungen des (zu) teuren Kaders unter Trainer Munoz, besuchten vor dem abschliessenden Basel-Match gerade noch 2‘000 3‘500 Unentwegte die Heimspiele von Xamax. Auch das «Volksfest» mit anschliessendem Feuerwerk, welches Chagaev zu Beginn seiner Amtszeit organisieren liess, war schon enttäuschend schlecht besucht gewesen.

Wenn man an die Proteste denkt, die die Ernennung von Chagaevs Schwiegervater Doku Zavgaev zum russischen Botschafter in Slowenien ausgelöst haben, oder die Kritik, die es bei Übernahmen durch neue Besitzer von Clubs wie Chelsea, PSG oder Austria Salzburg hagelte, war der Gegenwind, der Chagaev in Neuchâtel entgegenblies, nicht wirklich enorm, aber trotzdem klar spürbar.

Bulat Chagaev der «Prinz William» von Neuchâtel

Chagaev selber schätzt die Situation aber völlig anders ein: «Ganz Neuchâtel steht auf meiner Seite», behauptete der letzte Besitzer von Xamax in der russischen Sportzeitung «Sport täglich» noch vor kurzem allen Ernstes. «Die Leute sind dankbar dafür, wie das Team spielt, für die neuen Aktivitäten, für den Service, das Programm, welches wir im Stadion bieten.» Ob er mit dem Programm die tschetschenischen Tänze auf dem Video-Bildschirm meint? Oder mit dem Service das administrative Chaos zu Saisonbeginn, als für das erste Heimspiel weder Saisonabos noch genügend Tickets verfügbar waren, und die Verkäufer vor dem Stadion Eintrittsbillete behelfsmässig selber basteln mussten?

In Chagaevs Welt ist Chagaev in Genf eine bekannte Persönlichkeit. Er berichtet von Einladungen, die er laufend an verschiedene Veranstaltungen erhalte. In Business-Kreisen ist er aber in denjenigen Branchen, die Chagaevs Firmen als Tätigkeitsbereiche angeben, nicht bekannt. Noch grösser ist in Chagaevs Welt die Prominenz und Popularität von Chagaev in Neuchâtel. «Wenn Sie mit mir nach Neuchâtel kommen, dann können wir froh sein, wenn wir in einer Stunde auf der Strasse 200 Meter vorwärts kommen, weil die Bevölkerung und die Fans uns laufend anhalten werden, um ein Foto mit mir machen zu können», äussert sich Chagaev in «Sport täglich». Chagaev als die «Lady Di» oder «Prinz William» von Neuchâtel? Währenddessen Pippa Middleton vor einigen Monaten in der Roten Kirche gleich neben der Maladière völlig ungestört einer Hochzeit beiwohnte, kann sich Chagaev gemäss seinen eigenen Worten vor Fans kaum retten.

«Die hatten hier nichts»

Manchmal kann die grundlegend andere Sichtweise von Neuankömmlingen, die von der Vergangenheit einer bestimmten Institution keine Ahnung haben, bereichernd sein. Ob dies auch auf Chagaevs Meinung über die Xamax-Farben zutrifft? Der Zeitschrift «Russische Schweiz» erklärte er seine Änderungen am Xamax-Emblem damit, dass es mit seinen «rot-schwarzen Trauerstreifen» für ihn wie das Logo eines Beerdigungsinstitutes ausgesehen habe.

In Chagaevs Welt ist Chagaev eine Art Wohltäter, der in der fussballerischen Wüste Entwicklungshilfe leistet: «Wir haben bei Xamax 10 Jugendteams. Die hatten nichts. Ich habe ihnen Mini-Autobusse und Trikots gekauft.» Genauso präsentiert sich Chagaev im Gespräch mit «Sport täglich» auch in Bezug auf das Profiteam: «Als ich Xamax übernommen habe, hatte das Team nichts. Sogar einen Trainer musste ich suchen gehen.» Tatsächlich hatte Xamax mit Didier Ollé-Nicolle einen sehr guten Trainer. Nur hat sich dieser schon nach kurzer Zeit geweigert, unter Bulat Chagaev zu arbeiten. Chagaev weiter: «Ich habe dann Sonny Anderson angerufen, der in Lille Stürmer trainiert hat.» An Bernard Challandes, der nach Ollé-Nicolle und noch vor Anderson Xamax vor dem Abstieg gerettet und im Cupfinal gecoacht hat, erinnert sich Chagaev bereits nicht mehr. Es ist ja auch nicht einfach, bei den vielen Entlassungen den Überblick zu bewahren. Anderson arbeitete zudem nicht bei Lille, sondern bei Lyon, und kontaktiert wurde er vom Spielervermittler Paulo Tavares.

Chagaev erklärt Caparros, wie man richtig trainiert

Nach dem Fehler mit Anderson, dessen Verpflichtung Chagaev im Nachhinein damit rechtfertigte, dass seiner Meinung nach «die Schweizer voll auf grosse Namen und Status abfahren» würden, kam Joaquin Caparros. Bulat Chagaev zweifelte aber an den Trainingsmethoden des erfahrenen spanischen Trainers und stellte ihn zur Rede: «Warum trainiert ihr am Morgen 45 Minuten und am Abend 90 Minuten? Ich bin selber Sportler und weiss, was es heisst, sich im Kraftraum am Abend zu stark zu belasten, und dann nicht gut schlafen zu können. Am Morgen fühlt man sich wie gerädert. Was ist das für ein Stil?» Caparros: «So funktioniert eben mein Trainings-System.» Daraufhin hat Chagaev Caparros gefragt, wie viele Punkte Xamax bis Weihnachten holen, und auf welchem Tabellenplatz das Team sich dann befinden würde. Caparros wollte diesbezüglich aber keine Versprechungen abgeben, was Chagaev erzürnte: «Einer der Spieler, die du mitgebracht hast, ist ein Nichtsnutz, und ein anderer ist mit einer Verletzung gekommen. Xamax kostet mich bis zum Neujahr 9,5 Millionen Euro. Und du kannst mir keinen Tabellenplatz garantieren, obwohl ich mich auf dich verlassen muss?» Caparros habe sich daraufhin entschieden, wieder zu gehen.

Chagaev und der Rest der Welt nehmen die Realität völlig unterschiedlich war. Wie sonst ist folgende Episode erklärbar: Im Interview mit der Zeitschrift «L’Illustré» erklärte der Xamax-Besitzer im August stolz: «Die Präsidenten der American Football-, Volleyball- und Basketballclubs von Neuchâtel sind zu mir gekommen, und haben mich um Unterstützung gebeten. Ich habe ihnen vorgeschlagen, einen Multisportverein unter dem Dach von Neuchâtel Xamax zu kreieren, nach Vorbild des FC Barçelona.» Chagaev will gemäss seiner Wahrnehmung unter anderem mit den Verantwortlichen des nationalen Spitzenvolleyball-Vereins NUC geredet haben. Diese haben dies aber damals umgehend öffentlich verneint. Aber ein Gerücht, einmal von einem tschetschenischen Geschäftsmann in die Welt gesetzt, reist manchmal weit. Und so hat man in Griechenland vor ein paar Wochen den Achtelfinal-Europacupgegner des Frauen-Volleyballteams AEK Athen mit «Neuchâtel Xamax» angekündigt.

«Formieren Sie eine Kommission!»

Chagaev und die Liga redeten ebenfalls nie die gleiche Sprache, im wahrsten Sinne des Wortes. So beschreibt der Tschetschene das ominöse erste und gleichzeitig letzte Liga-Meeting, an dem er teilgenommen hat, folgendermassen: «Ich komme zum Meeting. Man hatte mir versprochen, dass es einen Übersetzer haben wird. Ich spreche Englisch, und am Meeting wird nur Französisch und Deutsch gesprochen. Aber ich habe selber einen deutschsprechenden Begleiter mitgenommen. Unterlagen wurden mir keine verteilt. Das Meeting ging zu Ende. Die Fragen zu Xamax wollten sie dann im Direktgespräch mit mir besprechen. Da habe ich ihnen gesagt: Stopp! Direktgespräche mit mir wird es hier nicht geben! Formieren Sie eine Komission! Die soll dann nach Neuenburg kommen, und offiziell Nachforschungen darüber betreiben, was ich falsch gemacht haben soll. Ich bin bereit, eine Busse zu bezahlen, wenn ich irgendwelche Regeln verletzt haben sollte. Aber niemand ist nach Neuenburg gekommen. Bussen schicken sie trotzdem regelmässig.»

Vielleicht hätte Bulat Chagaev seinen Übersetzer Andrej Rudakov nicht vorschnell als Präsident wieder absetzen sollen. Vielleicht hätte es Rudakov irgendwann geschafft, zwischen Chagaevs Welt und dem Rest der Welt zu übersetzen, und zum Beispiel den Liga-Bossen zu erläutern, warum in Chagaevs Welt dieser ihnen vorschreiben kann, eine Kommission «Chagaev» zu bilden.

Bild: L'Illustré


Die kurzpass.ch-Xamax-Serie:

Teil I: Die Frage nach dem Motiv

Teil II: Die Umbenennung in «Xamax Weinach»

Teil III: Chagaevs politische Machenschaften

Teil IV: Ein Club löst sich auf

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Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.

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