Das Missverständnis Stierli

Der FCL-Präsident geniesst in den Business- und VIP-Gemächern des neuen Allmendstadions grosse Anerkennung. Doch wer nur ein bisschen an der glitzernden Oberfläche kratzt, stösst schnell auf markante Schönheitsfehler.

Stierlis Ankunft: Aufstieg und Cupfinal

Rückblende, Oktober 2005: Der FC Luzern hatte gerade Fahrt aufgenommen und begann langsam seine Position an der Tabellenspitze der Challenge League zu zementieren. Es war das dritte Jahr in Folge in der Zweitklassigkeit, mit einem Team ohne grosse Ambitionen und noch weniger grossen Namen. Die finanzielle Gesundung des Vereins hatte unter Präsident Pedro Pfister Vorrang, doch mit Walter Stierli stand nun ein Mann in den Startlöchern, der mit dem FCL wieder Grosses vorhatte.

Stierli übernahm einen Verein, der das Gröbste hinter sich hatte. Der Unternehmer und SVP-Stadtpolitiker fand den nötigen Spielraum vor, um den Club auch sportlich wieder zu festigen. Dabei hatte er zunächst Glück: Die junge Mannschaft unter Trainer René van Eck spielte sich im Laufe der Saison in einen Rausch und verlor 31 Runden lang kein Spiel. Darüber hinaus qualifizierte sie sich für den Cupfinal. Van Eck wurde von den Fans verehrt, doch Trainer und Präsident hatten das Heu nie auf der gleichen Bühne. So musste van Eck trotz Aufstieg das Feld räumen. An seiner Stelle wurde Ciriaco Sforza installiert. Es sollte der erste aus einer Reihe unpopulärer Entscheide sein, die den Prozess einer sukzessiven Entfremdung zwischen FCL-Anhängerschaft und Clubvorstand kennzeichneten.

Rasante Entwicklung mit schlimmen Folgen

Präsident Stierli machte es sich zum Auftrag, dem FC Luzern wieder die Anerkennung zurückzuholen, die ihm nach skandalträchtigen und wirtschaftlich prekären Jahren abhanden gekommen war. Dazu war er der ideale Mann. Als ehemaliger Präsident der Donatorenvereinigung Club 200 aber auch als Unternehmer und Politiker war er ausgezeichnet vernetzt. Er holte lokale Sponsoren und Investoren ins Boot. Die Realisierung des Stadionprojekts ist in weiten Belangen Stierlis Verdienst. Der Verein steht – so macht es zumindest den Anschein – auf wirtschaftlich solidem Fundament. Entsprechend gross ist die Anerkennung im Kreise der Luzerner Wirtschafts- und Polit-Elite. Der FCL ist wieder in, die neue Allmend ein Mekka für das «Who-is-who der Zentralschweizer Wirtschaft», wie es Felix Howald, Direktor der regionalen Industrie- und Handelskammer, ausdrückt. All jene, die den Verein jahrelang im Stich gelassen hatten, sind jetzt wieder da.

Tausenden langjährigen FCL-Fans geht diese Entwicklung zu rasant. Sie können nicht in den Kanon der allgemeinen Entzückung einstimmen. Zu schnell wurden unter Walter Stierli verdiente Spieler und Trainer leise abgeschoben. Zu rücksichtslos wurden Identifikationssymbole wie zum Beispiel der alte Stadionname verkauft. Unter Walter Stierli wird ökonomische Rationalität mit radikaler Konsequenz zu Ende gebracht. Die Folge davon: Der traditionsreiche Verein wird zur seelenlosen Firma.

«Austauschbare» Fans?

Wer es jedoch wagt, Kritik an der Clubpolitik zu üben, wird rasch als undankbarer Romantiker abgestempelt. Schliesslich verfügt man mit dem neuen Stadion und einer prall gefüllten Kasse über ausgezeichnete Perspektiven. Das Argument zielt aber am eigentlichen Kritikpunkt vorbei. Es ist müssig zu erwähnen, dass sich jeder Fan einen in allen Belangen konkurrenzfähigen FCL wünscht. Die Frage die sich hingegen stellt ist: zu welchem Preis?

Die Führung eines Fussballclubs ist heute zweifelsohne eine Gratwanderung zwischen unternehmerischer Vernunft und der Wahrung regionaler Tradition und Identität. Unter der Ägide Walter Stierlis ist die geforderte Balance jedoch längst nicht mehr vorhanden. Das neue Allmendstadion wird unverhohlen zum Partytempel umfunktioniert. Kreischender Stadionsprecher und Ballermann-Schlager inklusive. Neue, zahlungskräftigere Kundengruppen sollen akquiriert werden. Gemäss der FCL-Plakatkampagne ist Fussball in Luzern seit neustem auch «Lifestyle». Gleichzeitig werden die langjährigen und engagierten Fans vor laufenden Kameras als «austauschbar» bezeichnet. Die Swisspor Events AG soll ihrem Namen mit aller Kraft gerecht werden. Authentisch und Luzernerisch ist im neuen Stadion höchstens noch die schöne Aussicht auf den Pilatus.

Auch Stierli profitiert von kreativen Fans

Entsprechend breitet sich unter der Anhängerschaft Resignation aus über das mangelnde Verständnis für Fananliegen, die jenseits der nüchternen buchhalterischen Logik Stierlis bestehen. Doch in Luzern ist aus der Not eine Tugend entstanden. Während dem offiziellen Verein der Abbruch seiner alten Spielstätte keinerlei Dokumentation wert war, erstellten Fans einen über 300 Seiten starken Hochglanzbildband mit unzähligen Anekdoten zur geschichtsträchtigen Allmend. Während man beim FCL dem Zuschauer mit konstanter Beschallung das gesamte Bundesliga-Entertainment-Konzept zumutet, kontern die Fans mit einer aufwändig produzierten Doppel-CD, worauf in Zusammenarbeit mit lokalen Musikern in ehrlichem Lozärndütsch die Vielschichtigkeit der Luzerner Fankultur unter Beweis gestellt wird.

In Luzern sind es die langjährigen und aktiven Fans, welche sich ein Stück der verlorenen Authentizität zurückholen wollen. Sie leben im Verständnis, dass der Fussball als emotionales Erlebnis den Menschen Identifikation und Gemeinschaft bieten soll. Als kreative Akteure, nicht als passive Konsumenten, verleihen sie der Marke Fussball erst den Mehrwert, den Walter Stierli seinen Sponsoren als Gegenleistung anbieten kann. Die Logik ist simpel, wird aber ignoriert. Es ist dieses fundamentale Missverständnis, welches das Verhältnis zwischen Vorstand und Fans seit Stierlis Amtsantritt belastet.

Stümperhafte Kommunikationspolitik

Den vorübergehenden Höhepunkt erreichte der Konflikt zwischen Fans und Vereinsleitung Ende November 2011 mit dem überstürzten Massnahmenkatalog, welcher dem fast schon gewohnten Feuerwerk in den Fankurven ein Ende bereiten sollte (kurzpass.ch berichtete). Dass die Massnahmen in der vorhandenen Formulierung nie umsetzbar waren und der FCL folgerichtig bereits öffentlich sein Zurückkrebsen angetönt hat, passt exemplarisch in die stümperhafte und hemdsärmlige Kommunikationspolitik des Vereins.

Stierli ist kein geborener Kommunikator. Das kann man ihm auch nicht vorwerfen. Sein Fehler besteht darin, die Professionalisierung des Vereins gerade in der Öffentlichkeitsarbeit nie vorangetrieben zu haben. Die offizielle Webseite fällt vor allem durch stilistische und grammatikalische Ungereimtheiten auf. Jüngst wurden täglich verruckelte und unscharfe Bilder aus dem Trainingslager – aufgenommen mit einer Handycam und ohne jeglichen Informationsgehalt – in die Heimat gesendet. Stierli selbst verzettelt sich des Öfteren in Interviews und streut interne Details, die Hoffnungen nähren, sich aber meist als heisse Luft entpuppen. So geschehen im Fall Mladen Petric oder erst kürzlich bei Raul Bobadilla, als der FCL von einem grossen Transfer redete während YB ihn abschloss.

Stierli sonnt sich gerne im goldenen Glanz, der von der Fassade des neuen Allmendstadions auf ihn herabfällt. In Fankreisen wird er entsprechend lakonisch «Sonnenkönig» genannt. Die majestätische Unantastbarkeit treibt denn auch zuweilen seltsame Blüten, wie im Falle eines 18-jährigen Juniorenkickers des SK Root, dessen humoristischer und in keiner Weise derbe Kommentar auf dem eifrig zensierten FCL-Facebookportal Anlass genug war, dem kleinen Dorfclub die Fussballfreundschaft aufzukünden.

Es liegt in Stierlis Hand

Dieses unschöne Mass an mangelndem Respekt, sei es gegenüber der Luzerner Fussballtradition, den berechtigten Anliegen der Fans aber auch gegenüber verdienten Spielern und Mitarbeitern, liegt vielen Anhängern des FC Luzern schwer auf dem Magen. Schlussendlich wollen diese nicht mehr, als die Identifikation mit ihrem Verein. Walter Stierli und der gesamte Vorstand des FCL sind gut beraten, dieses Unbehagen endlich ernst zu nehmen. Die Sympathien, die Stierli in der Business Class der neuen Arena entgegengebracht werden, sind zwar rasch in monetären Nutzen umgewandelt. Langfristigen Erfolg mit Ausstrahlungskraft ist diesem Verein aber erst dann vergönnt, wenn die Clubführung endlich zur Einsicht kommt, dass sein wichtigstes Kapital die Leute sind, die für den FC Luzern ihr letztes Hemd geben. Es liegt in der Hand von Walter Stierli, die verursachten Gräben wieder zuzuschütten, damit auch in Luzern endlich an einem Strick gezogen wird.

*Manuel Feer ist langjähriger FCL-Fan und Mitinitiant der Fan-Plattform Allmend United.

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Zum Thema:

«Wir sind die Seele des Vereins» – Gedanken aus Fansicht

Mit einem Messer am Hals kann man nicht singen – Videozusammenschnitt

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Kommentare  

 
#3 Glosi 2012-02-01 22:48
Sehr guter Artikel

Man kann dem Geschriebenen nur beipflichten....
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#2 Seppe Hügi 2012-01-28 17:35
Ausgezeichneter Artikel; pointiert und trotzdem fair. Bravo! Würde dem FCL raten, den Autor zum Kommunikationsc hef zu ernennen, dann klappt's vielleicht besser mit der Kommunikation.
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#1 Waser Andreas 2012-01-28 16:32
sehr gut! besten Dank...
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