Die Absurdität des Prangers

Befremdlich, was derzeit in den Schweizer Medien geschieht. Medienhetze, Online-Pranger, Verstoss gegen Persönlichkeitsrechte. Die Journalisten zeigen null Verantwortungsbewusstsein, findet Marco Latzer im neusten Espenblog.

Knigge für Journalisten

Es gibt im Journalismus gewisse ethische und moralische Grundsätze. So ist es beispielsweise ein ungeschriebenes Gesetz, dass man einem schreibenden Berufskollegen nicht öffentlich an den Karren fährt. Auf fcsg.info habe ich beispielsweise mal einen Kolumnen-Schreiber einer Ostschweizer Zeitung öffentlich attackiert, der – meiner Meinung nach – nicht verhältnismässig über einen Sachverhalt berichtete. So viel sei verraten: Es ging damals um Jürgen Gjasula. Die Wogen gingen hoch. Seitenlange E-Mails wurden versendet, um im Recht zu bleiben. Tempi passati. Wir haben darüber gesprochen und können uns seit einigen Jahren sehr gut leiden.

Das ist der eine Aspekt im Journalismus. Der kollegiale. Es gibt aber auch rechtliche Richtlinien für Schweizer Journalisten. Dafür existiert der Schweizer Presserat mit seinen eigentlich bindenden Spielregeln (Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalisten). Um eine kurze, aber entscheidende Passage (Artikel 7.1.) zu zitieren: «Jede Person – dies gilt auch für Prominente hat Anspruch auf den Schutz ihres Privatlebens. Journalistinnen und Journalisten dürfen im Privatbereich keine Ton-, Bild- oder Videoaufnahmen ohne Einwilligung des Betroffenen machen. Ebenso ist jede Belästigung von Personen in ihrem Privatbereich zu unterlassen (Eindringen in Häuser, Verfolgung, Auflauern, telefonische Belästigung usw.)» Der Presserat kann fehlbare Medien und Journalisten massregeln und zu Gegendarstellungen zwingen. Einen juristischen Charakter hat er aber nicht. Den bietet nur der Weg vor ein ordentliches Gericht.

Der Medienpranger

Wie dem auch sei. Der «Blick» hat in den vergangenen Tagen eine regelrechte Hetzjagd auf einen Fan des FCZ veranstaltet, der bei einem Spiel in Rom wegen eines Böllers – es war übrigens keine Pyro-Fackel – drei Finger verlor. Das Umfeld des betroffenen Mannes wurde massiv belästigt; die Zeitung lauerte der Familie, den Mitbewohnern und gar dem Arbeitgeber auf. Nur um zum Schluss zu kommen, dass diese nichts zu sagen haben und die Person derzeit im Spital liege. Weiter zeigte der «Blick» Fotos des von ihm so benannten «Petarden-Trottels», die mutmasslich von dessen Profil auf Facebook stammen. Und ergänzte diese mit zum Teil spöttischen Bildlegenden: «Kein aktuelles Bild: Da hatte X. noch alle Finger.» Offensichtlich geht es dem Boulevardblatt nur noch darum, das Leben dieses jungen Mannes zu zerstören.

Die Rache der Fans

Die Retourkutsche der Fans folgte in der Nacht auf heute, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet: «In der Nacht auf Freitag sind fünf Journalisten des ‹Blicks› massiv bedroht worden. Unbekannte hatten tote Fische in ihren Briefkästen deponiert und auf dem Schulweg ihrer Kinder Hetzflyer verteilt.» Um dann Ringier-Mann Edi Estermann zu zitieren: «Wir werden Strafanzeige einreichen und hoffen, dass man den Tätern auf die Spur kommt.» Laut dem Ringier-Sprecher habe es sich um eine «harte, aber faire Berichterstattung» gehandelt. Ein Hohn. Das Beleidigen, Beschatten und Verbreiten fremden Bildmaterials kennzeichnen also eine harte aber faire Berichterstattung?

Die Unschuldsvermutung

Warum der Espenblog darüber schreibt? Weil es überall hätte passieren können. Auch bei uns in St. Gallen. Aber auch weil die Ermittlung der italienischen Behörden noch nicht einmal abgeschlossen ist. Für X. gilt also eigentlich die Unschuldsvermutung. Wie für alle anderen Menschen, die sich mit irgendwelchen Vorwürfen konfrontiert sehen, auch. Kommt noch dazu, dass das Gerücht die Runde macht, ein Funke könnte den Böller vorzeitig zur Explosion gebracht haben. Vom «Blick» wurde über diese Seite der Geschichte nicht einmal ansatzweise berichtet.

Vielmehr wird suggeriert, der Betroffene habe aus absoluter Dummheit gehandelt und sei sogar zu blöd, um einen Knaller zu zünden. Auch wenn ich persönlich finde, dass Knallpetarden in einem Fussballstadion nichts verloren haben, da sie ausser einem nervigen Geräusch keinen Mehrwert zu bieten haben. Aber es ist sicherlich auch bequemer mit dem Aufmacher «Blödheit» gegen die Fussballfanszene mobil zu machen. Darum ein kleiner Tipp an die betroffenen Medien: Versucht es doch einmal mit der Wahrheit. Die meisten eurer Leser würden es euch wohl danken. Sicherlich würden die Reaktion eurer Leser weniger harsch ausfallen.

Ein Buchtipp am Rande

Und den mutmasslich fehlbaren Journalisten gebe ich gerne noch einen Buchtipp mit auf den Weg: «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» von Heinrich Böll. Da geht es zwar nicht um den «Blick», aber in Deutschland gibt es ja anscheinend ein ähnliches Boulevardblatt. 1974 geschrieben und noch immer brandaktuell. Und hey, ich will ja nicht vorgreifen, aber es geht da um eine Geschichte, die zum FCZ-Fan in vielerlei Hinsicht ihre Parallelen hat. Und es wird in der Geschichte sogar ein Reporter getötet. Gott behüte.

Zum Thema: «Wir sind die Seele des Vereins.»

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Kommentare  

 
#2 2011-11-14 22:01
Danke, ich habe es gelesen. Zu der Zeit im Gymnasium
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#1 2011-11-14 19:40
Lies mal das Stück von Böll, bevor du solch absurde Vergleiche machst.
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