Die helvetische Statistikarmut

Statistikbegeisterte freuen sich über die neue Bundesliga-Datenbank in Deutschland. Hierzulande tut man sich mit Statistiken und deren Finanzierung bedeutend schwerer.

Dürftiges Angebot

Wer in der Schweiz Statistiken über die Axpo Super League und deren Mannschaften oder Spieler sucht, wird schnell enttäuscht. Man kann nämlich praktisch keine finden. Die Homepage der Swiss Football League (SFL) berichtet gerade einmal in einer getrennten Rangliste über die Torschützen und Passgeber der aktuellen Saison sowie über die Zuschauerzahlen und Fairplay-Wertungen der verschiedenen Teams. Ein paar weiterführende Statistiken findet man immerhin auf dem seit dieser Saison eingeführten sogenannten «Player Selector» der SFL. Ein noch desaströseres Bild liefern die bekannten Sportredaktionen des Landes ab. Weder auf der Website des «Tages-Anzeigers» noch auf beispielsweise deren des «Blicks» oder der NZZ findet man nur schon eine Torschützenliste.

Einen Lichtblick bringt immerhin die deutsche Seite www.transfermarkt.de, auf der man auch zur Schweiz einige weiterführende Statistiken findet. Die gesamte Scorerrangliste (Torschützen und Vorlagengeber) findet sich hier, dazu Sünderkarteien (böser Bube der Liga ist Adailton/Sion), Torhüterstatistiken (Sions Vanins etwa blieb in 9 von 17 Spielen ohne Gegentor), Dauerbrenner (einzig Luzerns Lustenberger verpasste unter den Feldspielern keine einzige Minute der Vorrunde), erfolgreichste Sturmduos (Frei und Streller/Basel vor Uche und dem inzwischen entlassenen Arizmendi/Xamax), Joker-, Elfmeter- und Eigentorstatistiken sowie Toranteile der Spieler (Kalu Uche war an 59,1% der Xamax-Tore prozentual beteiligt) und viele mehr.

Statistikfülle in Deutschland

Ein wenig anders sieht es dagegen aus, wenn man einen Blick über die Grenze zu unseren nördlichen Nachbarn wirft. Seit dieser Saison erhebt die Deutsche Fussball Liga (DFL) erstmals offizielle Spieldaten über die 1. und 2. Bundesliga. Den Auftrag für die Erhebung dieser Daten sowie die exklusive Vermarktung für Medien und Sportwetten erhielt die in München ansässige Firma Impire AG. Die Datenerhebung erfolgt live durch ein manuelles Scouting im Stadion sowie einem automatisierten Spieler-Tracking zur Erfassung von Spielaktionen (z.B. Ballkontakte, Schüsse, Pässe, Zweikämpfe, Ecken etc.) und Performancewerten (gelaufene Distanzen, Höchstgeschwindigkeiten, Laufwege, Anzahl der Sprints etc.). Alles wird erfasst.

Der Geschäftsführer der DFL, Holger Hieronymus, betonte denn auch: «Solche Spieldaten bilden in der heutigen Zeit – auch im internationalen Massstab – eine unverzichtbare Arbeitsgrundlage für die sportliche Leitung in den Vereinen und bieten gleichzeitig einen Mehrwert für die Öffentlichkeit.» Er appellierte jedoch an die Medien, «verantwortungsvoll mit den offiziellen Spieldaten umzugehen». Diverse Manager der Bundesliga kritisierten denn auch die Entwicklung zum gläsernen Profi und warnten vor einer gefährlichen Entwicklung. Stein des Anstosses war die Veröffentlichung der gelaufenen Kilometer verbunden mit der Schlagzeile, Lukas Podolski sei am ersten Spieltag der lauffaulste Spieler der Liga gewesen. In den Chefetagen wurde prompt befürchtet, solche Auswertungen könne negativen Einfluss auf die Marktwerte der Spieler haben.

Mehr Details, mehr Interesse

Die Tätigkeitsnachweise der Spieler können prinzipiell bereits in der Halbzeitpause analysiert werden. «Theoretisch ist das möglich», sagt Tim Schober, Sales Marketing Manager der Impire AG. Die Spieldaten werden von einem Kamera basierten System im Stadion aufgezeichnet, per Datenleitung verarbeitet und können «in Echtzeit» zur Verfügung gestellt werden. Pro Spiel sind mehrere sogenannte «Scouts» in den Firmenräumen und im Stadion im Einsatz und kümmern sich um Spiel und Spieler sowie die technischen Systeme. Ausserdem sind in allen Stadien stationäre Kameras installiert, die das Geschehen in luftiger Höhe aufzeichnen und in seine Einzelteile zerlegen.

«Im März 2011 haben wir die Ausschreibung der DFL gewonnen», erzählt Tim Schober. Die DFL ist in erster Linie Abnehmer dieser Daten. Die Liga hatte ein Interesse daran, ihr Geschäft noch besser zu verkaufen und zu vermarkten. Zudem stellt sie den Bundesliga-Clubs das Rohmaterial zur Verfügung, und Schober findet selbstverständlich, dass «kein grosser Club mehr auf diese wertvollen Daten verzichten kann». Die Firma veredelt die Daten auch für weitere Kunden und stellt Vergleiche und Analysen her. Diverse Medien sind bereits Kunden von Impire, die Auswertung der Daten fliesst in die Berichterstattung mit ein. Die wöchentlich erscheinende «Sport Bild» etwa druckt auf zwei Doppelseiten jeweils die wichtigsten Statistiken des vergangenen Spieltages ab.

Eine Frage des Geldes

In der Schweiz ist solch ein System vorläufig nicht denkbar. Philippe Guggisberg, Medienkoordinator und Sprecher der Swiss Football League, bestätigt auf Anfrage von kurzpass.ch: «So weit wie die Datenbank Impire können wir (momentan) nicht gehen, der finanzielle Aufwand dafür ist zu gross. Die detaillierten Daten werden bei dieser Lösung oft erst im Nachhinein aufgrund der TV-Bilder erfasst und dafür fehlt uns das Budget. Momentan stellen die Clubs der Liga ehrenamtlich eine Person, die live im Stadion die wichtigsten Angaben (Aufstellung, Tore, Assists, Karten, Auswechslungen, Zuschauerzahlen) in einem verbandseigenen System eingibt. Die Daten erscheinen live bei uns im Internet. Weitere statistische Angaben werden zur Zeit – mit Ausnahme von Fairplay und U21-Trophy, die nachträglich geführt werden – nicht festgehalten.»

Guggisberg macht aber Hoffnung für die Zukunft: «Für die kommende Saison ist im Zusammenhang mit der neu organisierten TV-Produktion eine Software in Planung, mit welcher zusätzliche Angaben festgehalten werden können. Wie weit in die Tiefe wir damit gehen werden und können, ist noch Gegenstand von Abklärungen und Tests. Ein Problem stellen auch hier die personellen Ressourcen im Stadion dar.» Und weiter verrät uns Guggisberg noch: «Gemeinsam mit dem Fussballmagazin Zwölf steht die Idee im Raum, rückwirkend eine detaillierte Datenbank aufzubauen. Die Idee ist es, mit dieser Datenbank eine grosse (Statistik-)Lücke im Schweizer Fussball zu schliessen. Während die personellen Ressourcen in diesem Bereich gesichert scheinen, fehlt auch hier momentan leider das Budget, um endlich mit dem Erfassen der Daten beginnen zu können.»

Screenshot: www.football.ch

Anzeige
 

Kommentare  

 
#3 Nik 2012-02-03 10:18
Gibt genügend gute und sehr ausführliche Softwareprogram me nebst seiten die diese Manko beheben. z.b. DFS (Kostenloses Tool) Das Fussball Studio,.. klar nicht jede einzelheit, aber für statistik liebhaber ein genuss. Oder wer schoss schon wieder 1978/79 den FC Lugano in die NLA (gegen FC Winterthur?)
Zitieren
 
 
#2 hattrick.ch 2012-01-28 21:04
Aktuelle Statistiken der drei höchsten Ligen von heute bis 2004 findet man auf www.hattrick.ch
Zitieren
 
 
#1 Johann Vogel 2012-01-25 14:21
Meier schrib ned so en seich =)
Zitieren
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

LESENSWERT

Seit zehn Jahren kaum zu stoppen

Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.

Werbung

LESER EMPFEHLEN

NEUSTE ARTIKEL

  • Von Schaffhausen auf den Gipfel Europas Von Schaffhausen auf den Gipfel Europas
    Roberto Di Matteo führte den FC Chelsea als Interimstrainer in den morgigen Champions-League-Final gegen den FC Bayern. Noch ein Sieg, und der gebürtige Schweizer wäre auf Europas Thron angelangt.
  • Eine Region im Tal der Tränen Eine Region im Tal der Tränen
    Alles hatte so gut angefangen. Am Schluss war für die Luzerner ausser Spesen nichts gewesen. Die Sandoz-Trophäe findet erneut nicht den Weg in die Zentralschweiz. Unser Redaktor begleitete den Luzerner Anhang.
  • Wer holt den begehrten «Kübel»? Wer holt den begehrten «Kübel»?
    Im mit Spannung erwarteten 86. Schweizer Cupfinal duellieren sich mit dem FC Basel und dem FC Luzern die beiden erfolgreichsten Teams der Saison. Trotz klar verteilter Favoritenrolle dürfen sich die Innerschweizer Chancen auf die Trophäe ausrechnen.

FACEBOOK & TWITTER