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Fehlentscheidungen passieren den besten Schiedsrichtern. Doch dass diverse Vereinsexponenten öffentlich an deren Integrität zweifeln und der Boulevard sie als «Tomaten-Schiris» diffamiert, grenzt an blanken Hohn.
Ungeheuerliche Zweifel
Acht lange Runden vergingen ohne grosse Diskussionen über umstrittene Schiedsrichterentscheidungen, und kaum sind die ersten da, laufen Boulevardmedien und Verschwörungstheoretiker zu Höchstform auf. Sensationsorientierte Aufmachungen und mediale Polemik sind die Folge, ungestraft dürfen Journalisten und Vereinsverantwortliche Unparteiische an den Pranger stellen und öffentlich deren Integrität anzweifeln. Zu Recht bezeichnete Basels Sportdirektor Georg Heitz die Zweifel als «ungeheuerlich».
Natürlich entstanden am vergangenen Wochenende in St. Gallen, Lausanne und Bern Fehler, die möglicherweise Spiele entscheidend beeinflusst haben, unglücklicherweise alle in derselben Runde. Und natürlich sprachen die benachteiligten Spieler und Fans danach in der Hitze des Gefechts schnell von einem «Skandal» (kurzpass.ch berichtete). Nun, es mag abgedroschen klingen, doch Fehlurteile gleichen sich oft innerhalb einer Saison aus. Jede Mannschaft wird gelegentlich bevorzugt und bisweilen benachteiligt, Beispiele dafür finden sich unzählige. Auch Schiedsrichter sind bloss Menschen, die zuweilen Fehler machen, diese aber niemals vorsätzlich begehen.
Die Mär vom «Basel-Bonus»
Geradezu konspirativ witterte vor allem der «Blick» nach dem Fehlentscheid von Schiri Stephan Studer einen geheimen «Basel-Bonus», wohlwissend um die Emotionalität des Themas. Bekanntlich generieren vor allem Artikel über den Branchenprimus deutlich mehr Aufmerksamkeit und Kommentare der teilweise ganz schön hysterischen Leserschaft. Natürlich durften sich auch allerlei Protagonisten, die aktuell oder in der Vergangenheit vermeintliche Opfer schwerster Fehlentscheidungen wurden, entsprechend äussern.
YB-CEO Ilja Kaenzig liess sich – leicht kryptisch – zitieren, Basel werde nicht bevorteilt, sondern deren Gegner benachteiligt. «Das ist ein Unterschied. Die Schiedsrichter erstarren in Ehrfurcht, wenn der Branchenkrösus antritt. Die Refs haben schnell eine devote Haltung dem FCB gegenüber inne», so Kaenzig. Lausanne-Präsident Jean-François Collet meinte unverfroren: «Klar, Basel wird seit langem bevorteilt. Ich möchte aber den Baslern keinen Vorwurf machen. Die können nichts dafür.»
Ancillo Canepa, Präsident des FC Zürich und nie um eine Antwort verlegen, schwadronierte ganz im Sinne der inszenierten «Blick»-Kampagne, dass «auch der FCZ bei Spielen gegen Basel schon überraschende Entscheide von Herrn Studer zur Kenntnis nehmen musste.» Die Krone setzte dem Ganzen Sion-Alleinherrscher Christian Constantin auf, der gleich der ganzen Schiedsrichter-Gilde unterstellte, sie seien «doch alle Fans des FC Basel – und das seit Jahren!» Lächerliche Vorwürfe am Rande des guten Geschmacks.
«Das Fass ist am Überlaufen»
Nur erstaunlich, dass auch Luigi Ponte, Präsident der Schweizer Schiedsrichtervereinigung, ins gleiche Horn blies: «Das Fass ist am Überlaufen. Zuletzt ist viel zu viel passiert. Es ist sehr enttäuschend, was da zurzeit abgeht. Die Anhäufung von gravierenden Fehlentscheidungen ist alarmierend.» Genauso alarmierend wie Pontes Äusserungen, der die Referees in der Öffentlichkeit offenbar nicht mehr schützt, sondern populistisch und undifferenziert nachtritt und sie damit weiter schwächt.
Der momentane mediale Fokus auf die Schiris geht nun nämlich schon so weit, dass uns selbst das Schweizer Fernsehen (anlässlich der Partie Basel-Sion vom vergangenen Mittwoch) in etwas peinlicher und leicht beschämender Manier aufzeigen möchte, wie sich das Ref-Trio in der Kabine auf das Spiel vorbereitet. Und wir dann Zeugen werden, wie Alain Bieri und seine Assistenten dasitzen und versuchen, sich auf das Spiel zu konzentrieren und kurz vor dem Spiel eigentlich einfach in Ruhe gelassen werden möchten.
Die «Tomaten-Schiris»-Verunglimpfung
Dass Spieler im Eifer des Gefechts stupide Unsachlichkeiten von sich geben, mag teilweise entschuldbar sein, diejenigen angeblich ernsthafter Vereinsexponenten sind es nicht. Dass Boulevardblätter darauf zum verbalen Zweihänder greifen und die Unparteiischen unisono als «Tomaten-Schiris» verunglimpfen, überschreitet jedoch die Grenzen des Tolerierbaren. Doch der Fussball kennt keine Sentimentalitäten und Ereignisse wie der Rücktritt von Anders Frisk oder der Suizidversuch von Babak Rafati sind schnell vergessen.
Man vergisst ebenso schnell, dass dem Schiedsrichter immer noch keine technischen Hilfsmittel erlaubt sind und er keine unzählige Wiederholungen aus allen möglichen Winkeln ansehen kann, sondern innerhalb Sekundenbruchteilen eine Tatsachenentscheidung zu treffen hat. Wer einmal selber ein Spiel geleitet hat, kann ein Lied davon singen, wie tückisch es ist, jederzeit die richtige Entscheidung zu treffen. Vielleicht wäre es eine Option, wenn Medienleute oder grossmäulige Präsidenten wie Canepa, Collet oder Constantin hie und da selber Partien der Super League pfeifen müssten. |
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