How to Lose a Football Club in 40 Weeks |
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Kein ambitioniertes Klatsch-Heftli kommt ohne sie aus: eine «How to»-Seite. Da kann kurzpass.ch natürlich nicht abseitsstehen. Eine Anleitung für angehende Jungoligarchen, die ebenfalls einen Fussballclub kaputt machen wollen. Mit konkreten Beispielen und Dialogen aus der Praxis. Wie schafft man es, einen hundertjährigen Traditionsverein in nur neun Monaten an die Wand zu fahren? Ganz einfach: Man nehme viel übersteigerten Stolz, mische diesen immer wieder mit extremer Ungeduld, einem cholerischen Wesen, und nicht zu vergessen: ätzender Paranoia. Dann fehlt als Beigabe nur noch eine gehörige Portion Inkompetenz – und fertig ist das Werk! «Ich brauche kein Geld» Die Methode wurde von Bulat Chagaev mit Neuchâtel Xamax erfolgreich erprobt und darf mittlerweile bereits als Schulbeispiel gelten. Erstmal ist es wichtig, wie von Chagaev schön vorgezeigt, möglichst früh damit zu beginnen, den Verein von seiner Heimatregion zu entfremden und die Unterstützung der Fans und Behörden zu untergraben, indem man Pläne schmiedet, den Club in eine andere Stadt zu verlegen. Parallel müssen in schneller Kadenz Dutzende von Leuten entlassen werden – wichtig: die Identifikationsfiguren und verdienten Mitarbeiter zuerst! Als nächstes geht es daran, die lästige Unterstützung der Sponsoren loszuwerden. Es ist schwierig, einen Verein an die Wand zu fahren, wenn langjährige Sponsoren sich weiter engagieren wollen. Also – weg mit ihnen! Wie das konkret vor sich geht, hat Chagaev in der russischen Zeitschrift «Sport täglich» beschrieben: «Die ersten, die sich nach der Übernahme von Xamax mit mir treffen wollten, waren die Sponsoren. Der wichtigste unter ihnen, im Bereich 7,5 Millionen Franken, sagte gleich, dass er der Vertreter aller Sponsoren sei, dass er früher mal in Russland gearbeitet hat, und er hat gefragt, ob die Sponsoringbedingungen immer noch gleich sein werden, wie unter (dem Ex-Präsidenten) Bernasconi, und ob die neue Xamax-Führung diese einhalten werde. Ich habe ihn daraufhin gar nicht erst gefragt, wie diese Bedingungen aussehen würden. Warum nicht? Weil ich kein Geld brauche! Da sagt er mir: wenn das so ist, dann gehen wir. Da sagte ich ihm: Nein, ihr geht nicht, ich werfe euch raus! Und reden Sie nicht von Russland – ich weiss nicht, mit wem Sie dort gearbeitet haben – wir sind hier in der Schweiz, und Sie sind ein Schweizer.» «Dieser Telefonsex geht mir gegen den Strich» Die von Chagaev genannte Zahl von 7,5 Millionen Franken von einer einzigen Sponsoren-Gruppierung stimmt natürlich nicht. Dies ist ein weiterer Punkt, den es zu beachten gilt, wenn man einen Club ruinieren will: Es ist wichtig, die Zahlen nicht im Griff zu haben. Daneben sind aber auch «Soft Factors» nicht zu vernachlässigen. Zum Beispiel, dem Verein nahestehende Persönlichkeiten auf den Geist zu gehen oder sie gar zu beleidigen. Nicht gut zu sprechen war Bulat Chagaev zum Beispiel auf den Neuenburger und ehemaligen FIFA-Direktor Walter Gagg. Dieser habe ihn bereits kurz nach der Übernahme von Xamax im Frühling kontaktiert, und angeblich eine Arbeit für seinen Sohn gesucht. Chagaev schildert seine eigene Reaktion auf den Anruf folgendermassen: «Ich weiss nicht, wer am anderen Ende der Telefonleitung ist.» Gagg darauf: «Ich bin Direktor der FIFA.» Chagaev: «In der FIFA arbeiten auch Putzfrauen – eine Putzfrau könnte mich anrufen, und sich als Direktor vorstellen. Wenn Sie eine Frage haben – schreiben Sie. Oder kommen Sie vorbei. Oder laden Sie mich ein. Ich bin jünger als Sie – also würde ich bei Ihnen vorbeikommen. Aber dieser Telefonsex geht mir gegen den Strich.» Auch Mitglieder der Neuenburger Stadtregierung bekamen von der neuen Xamax-Clubführung gleich von Beginn weg ihr Fett ab, und wurden auf persönlicher Ebene angegriffen. Merke: Die Brüskierung der lokalen Politiker ist ein nicht zu unterschätzender Schritt beim Zerstören eines Clubs. Somit kann schon im Voraus die Wahrscheinlichkeit wesentlich verkleinert werden, dass diese irgendwann plötzlich auf die Idee kommen, dem in Problemen steckenden Club zu Hilfe zu eilen. 65 Gerichtsfälle parallel Wenn man all diese Tipps beherzigt, dann wird man schon bald mit Gerichtsfällen zeitlich gut ausgelastet sein, und für den Club selber keine Zeit mehr haben, was wiederum dessen Untergang weiter beschleunigt. Chagaev berichtete im Interview mit der russischen Publikation «Sport täglich» von 65 Gerichtsfällen, in die er parallel involviert sei – davon gingen 30% von ihm aus, und 70% seien gegen ihn gerichtet. Das ist schon mal ganz ordentlich, auch wenn hier noch Steigerungspotential besteht. Viele Jungoligarchen, die sich anschicken, einen Fussballclub zu zerstören, scheitern, weil sie in ihrer Unerfahrenheit viel zu logisch vorgehen. Chagaev macht es vor: Erst einmal muss man alle laufenden Kontrakte grundlos brechen. Dies führt dann zu saftigen Schadenersatzforderungen wie von der Versicherung AGS (700‘000 Franken). Den Vier-Punkte-Abzug der Liga hat Xamax gemäss Chagaev wegen dem fehlenden Audit aufgebrummt bekommen. Die Audit-Firma habe 36‘000 Franken zusätzlich verlangt. Für Chagaev Grund genug, den Vertrag mit dieser Firma wieder aufzulösen. Nun muss aber gemäss Liga-Statuten diejenige Audit-Firma, welche den Audit begonnen hat, diesen auch abschliessen. An solchen Beispielen zeigt sich eben die ganze Erfahrung und Genialität eines alten Hasen wie Chagaev: Den Medien erzählt er, er habe viel Geld, und dann halst er seinem Verein wegen läppischen 36‘000 Franken ein Lizenzvergehen auf. Sowas muss man erst mal hinkriegen! Das funktioniert nur, wenn man die störende Logik beiseite lässt. «Um schweizerisch zu denken, muss man Schweizer sein» Wer nun den Einwand vorbringt, Chagaev sei halt einfach «dumm», und deshalb sei es für ihn einfach, einen Club in den Abgrund zu reiten, der liegt falsch. Man darf nicht, wie das einigen Beobachtern zu Beginn passiert ist, von seiner skurrilen Art, sich zu kleiden, auf den Menschen schliessen. Chagaev ist intelligent, er ist umgänglich und umtriebig. Und viele seiner Aussagen deuten darauf hin, dass er in einigen Fussball-Dingen durchaus den Durchblick hat. Hier ein paar Auszüge aus Interviews mit «Le Monde» und dem «Teleclub»: «Wenn wir lauter Ausländer kaufen, wird sich der Schweizer Fussball nicht entwickeln – wir sollten aus dem Ausland nur solche Spieler und Trainer holen, die uns etwas Neues zeigen können.» «Man braucht nicht unbedingt Stars, um einen Titel zu gewinnen. Das beste Beispiel war der Sieg der amerikanischen Eishockey-Studenten gegen die Sowjetischen Stars an den Olympischen Spielen in Lake Placid. Auch ein Fussball-Team muss in erster Linie gut organisiert sein.» «Fussballer verdienen gutes Geld, Manager verdienen gutes Geld – die Besitzer hingegen zahlen immer drauf.» «Ein Künstler (Fussballer) sollte (seine Kunst) zeigen, nicht darüber reden.» «Ich liebe die Schweiz, aber ich bin kein Schweizer. Um schweizerisch zu denken, muss man Schweizer sein.» «Ich werde mit den Spielern auch so fertig.» Intelligenz, Bildung oder Fussballwissen stehen also der erfolgreichen Ruinierung eines Fussballclubs keinesfalls im Weg, und können bei Erfolglosigkeit des Unterfangens keinesfalls als Entschuldigung ins Feld geführt werden. Vor allem dann nicht, wenn dieses gewisse Wissen mit Beratungsresistenz und einem grenzenlosen Glauben an die eigenen Fähigkeiten, Ideen und Entscheidungen einhergeht. Kommunikation ist in einem solchen Fall nicht nötig, Monologe genügen voll und ganz. So konnte man Chagaev in seinen Genfer Büros telephonisch gar nicht erreichen, weil dort nur eine Fax-Maschine auf Empfang war. Monologe Chagaevs fanden hingegen überall statt. Bevorzugt in Umkleidekabinen mit seinen Spielern nach einem nicht gewonnenen Match. Wobei er die Story, er sei nach dem Lausanne-Heimspiel mit bewaffneten Bodyguards in die Kabine gestürmt, verneinte: «Niemand kam mit Waffen in die Garderobe. Es begleiteten mich mein Chauffeur und mein Bruder. Ich brauche doch keine Waffen, um meinen Spielern Angst zu machen. Ich werde mit ihnen auch so fertig», meinte Chagaev im «Teleclub»-Interview. Chagaev redet immer wieder von Gesprächen «von Mann zu Mann», und findet es abscheulich, wenn sich danach Spieler bei den Journalisten ausweinen gehen: «Die Schweizer Spieler bei Xamax beklagen sich nicht, sie spielen, so gut sie können. Aber die Ausländer – sie weinen und beklagen sich. Dabei haben sie mit mir einen Vertrag, eine Abmachung zwischen Männern ...» Bras d’honneur für die eigenen Fans Diesen Männern kommuniziert Chagaev ähnlich wie Ramzan Kadyrov in Grozny schon früh hochgesteckte Ziele. Von einem Trainer erwartet Chagaev dabei, dass er den Spieler Beine macht: «Das ist die höchste Liga. Fussballspielen muss man den Spielern nicht beibringen. Der Trainer muss wie ein Vater sein. Er muss wissen, was der Spieler am Tag macht, was er in der Nacht macht, worüber er nachdenkt, was er gerne möchte. Der Trainer sollte nicht für mein Geld gut zu den Spielern sein. Er erhält sein Geld dafür, damit das Team gut spielt – und nicht für Diskussionen mit den Spielern. Wenn bei Xamax ein Spieler von Barcelona engagiert ist, einer aus Valencia – von grossen Europäischen Clubs – und du hast sieben Trainer, die zehn Mal mehr verdienen, als jeder andere Trainer der Schweiz, und dann spielt das Team nicht so, wie es sollte, dann muss man mir nicht erzählen ‹alles wird gut!›.» Auf diese Art und Weise verhindert Chagaev erfolgreich ein Teambuilding, und dass die tägliche Arbeit der Trainer mit dem Team Früchte tragen kann. Die Monologe Chagaevs gingen auf der clubeigenen Webpage auf skurrile Art und Weise in die Verlängerung. Da wurde zeitweise in der Form von «Communiqués» mit allen möglichen Leuten «kommuniziert», sei es Liga-Boss Schifferle oder Ehrenpräsident Gilbert Facchinetti, als wäre die Webpage eine Email-Outbox. Für die Kommunikation mit den eigenen und gegnerischen Fans wiederum genügte die Zeichensprache vollauf. Der Bras d’honneur war dabei noch die am wenigsten vulgäre Form von Seiten Chagaevs. Dafür wurde er von der Liga mit 1‘000 Franken gebüsst. «Wie wenn ich das CERN leiten würde» Schon einige Charaktereigenschaften und Methoden, um einen Club in den Abgrund zu treiben, sind nun besprochen worden. Noch nicht eingegangen wurde auf die wohl wirkungsvollste unter ihnen: die Inkompetenz. «Ich kann keinen Fussball-Club führen und habe keine Erfahrung darin.» Mit diesen Worten soll Bulat Chagaev Club-Vizepräsident Hajdar Alchanov gebeten haben, bei Terek Grozny weiterhin eine führende Rolle zu spielen – sagt zumindest Alchanov selbst. Noch vernichtender fällt das Urteil von allen Seiten über Vizepräsident Islam Satujev aus, der nach dem Abgang von Andrei Rudakov die Geschäfte führte. Angestellte erzählen im «Blick», dass Satujev nicht wisse, «was die AHV sei, wie ein Leasing funktioniere, was Mietverträge seien». Ex-Spieler Geoffrey Tréand stellt einen Vergleich an: «Islam Satujev als Geschäftsführer von Xamax ist etwa das gleiche, wie wenn ich das CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) leiten würde.» Satujev ist seit bald zehn Jahren in der Schweiz, und bezog praktisch während der ganzen Zeit Sozialhilfe für sich und seine Familie. Er sagt, dass er zur Familie von Bulat Chagaev gehört. Seine einzige bekannte Stelle in der Schweiz hatte Satujev während sechs Monaten bei einem Gipser-/Malergeschäft in seinem Wohnort Bulle inne. Sein damaliger Chef Bashkim Kurtaj war sehr erstaunt, Satujev plötzlich an der Spitze eines bekannten Fussballclubs wie Xamax zu sehen: «Er war ein guter, korrekter Junge. Aber sehr diskret. Ich weiss nicht, was er seit seiner Zeit bei mir gemacht hat. Wenn er aber gegenüber den Medien behauptet, dass er schon lange Fan von Xamax sei, dann klingt dies für mich absurd. Ich habe ihm mal über Fussball erzählt, da hat er gesagt, dass ihn das nicht interessiere. Ich bin sicher, er wusste bis vor Kurzem nicht einmal von der Existenz eines solchen Vereins wie Neuchâtel Xamax. Gegenüber den Medien wirkt er abgeklärt. Das hat aber auch damit zu tun, dass er sich offensichtlich nicht bewusst ist, was die Aufgabe als Präsident oder Generaldirektor eines solchen Clubs alles beinhaltet. Er hat nicht das Wissen und die Fähigkeiten dazu.» Die grosse Verschwörung Die Paranoia des Besitzers kann einem angeschlagenen Fussballclub den letzten Schnauf nehmen. Bulat Chagaev ist das beste Beispiel dafür, wies geht: Am besten man sieht wie er eine Verschwörung von «allen» gegen sich. Auch der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa sei mit den Verschwörern unter einer Decke, ist Chagaev überzeugt. Dieser habe seine Klage gegen den Anwalt und Spieleragenten Ralph Isenegger absichtlich verschlampt. Auch den neugewählten Liga-Präsidenten Heinrich Schifferle sieht Chagaev als Teil der Verschwörung. Er habe sich schon am zweiten Tag nach seiner Wahl negativ über Xamax geäussert, ohne dass er die Situation richtig kenne. Was Chagaev offenbar nicht weiss, ist, dass Schifferle schon vor seiner Präsidentenwahl als Mitglied des Liga-Komitees jahrelang im entscheidenden Gremium mit dabei war. Verschwörungstheorien verbreitet Chagaev seit seinem Amtsantritt. So beschuldigte er beispielsweise im Sommer den Französischen Konditionstrainer Patrick Legain, Torhüter Logan Bailly absichtlich in eine Verletzung getrieben zu haben, um den Brasilianischen Torhüter Carlao einsetzen zu können. Als Credit Suisse Neuchâtel Chagaev bittet, seine Konten auf eine andere Bank zu verschieben, ist Chagaev entsetzt: «Wie ist das möglich, dass der Hauptsponsor der Liga, einem Club dieser Liga kein Konto mehr eröffnet?» Dass die Credit Suisse gar nicht Liga-Hauptsponsor ist, ist dabei nicht wirklich entscheidend. Wichtig ist nur: von einer Verschwörung felsenfest überzeugt zu sein. Warten auf die Rechnung Überall sieht Bulat Chagaev Gaunereien. In der russischsprachigen Schweizer Zeitschrift «Russische Schweiz» beschuldigt er den Verantwortlichen des Ticketverkaufs des Diebstahls: In einer Partie, in welcher geschätzte 4‘000 Zuschauer anwesend waren, seien gemäss Buchhaltung nur 700 Tickets verkauft worden. Chagaev ist offenbar nicht klar, dass dies in Neuchâtel und allgemein in der Schweiz eine normale Quote ist. Bei vielen Super-League-Partien haben 80% der zahlenden Zuschauer ein Jahresabo, manchmal sogar 90%. Dazu kommen die Zuschauer mit SFV-Ausweisen. Speziell an Chagaevs Neuchâtel ist allerdings, dass die meisten Abonnenten die ganze Vorrunde im Stadion die Spiele verfolgt haben, ohne dafür zu bezahlen. Nicht weil sie Gauner sind, sondern weil Satujevs Administration es erst gegen Weihnachten geschafft hat, die Rechnungen zu verschicken. Zu diesem Zeitpunkt war der Untergang von Xamax bereits absehbar, und bezahlt hat das Abo schliesslich wohl praktisch niemand mehr. Es ist so, wie Chagaev von Anfang an gesagt hat: «Ich brauche kein Geld!» Jetzt nicht mehr … Vom selben Autor: Bulats Welt – Lost in Translation |
Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.
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