Er spielte unter Hitzfeld – und feierte mit Bruce Willis |
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Ein schwerer Unfall beendete die Fussballkarriere von Lukas Christen abrupt. Im Interview mit kurzpass.ch erklärt er, wie er es dank seinem unbändigen Willen schaffte, danach einer der erfolgreichsten Behindertensportler zu werden.
kurzpass.ch: Mir gegenüber sitzt einer der erfolgreichsten Sportler der Schweiz. 7-facher Olympiasieger (1992, 1996 und 2000), 5-facher Weltmeister (1994-1998), 3-facher Europameister und Schweizer Sportler des Jahres 2000. Beeindruckend. Lukas Christen: Nach dem Unfall habe ich bemerkt, dass mein Dasein an einem dünnen Faden hängt. Der Überlebensinstinkt wurde dann sehr aktiv. Mir ist es gelungen diese grosse Kraft zu bündeln, zu stärken und zu kanalisieren. Das ist übrigens auch eines der Erfolgsrezepte meiner Unternehmensberatung: Fokussierung auf das Wesentliche. Ist der Stellenwert der Paralympics heutzutage besser als zu Ihrer Zeit? Er ist besser geworden. Jedoch besteht noch Nachholbedarf. Der Behindertensport wird in den Medien zu sehr rollstuhllastig dargestellt. Und dass es zwei verschiedene Verbände für die gleiche Sache gibt, ist sicher nicht optimal. Zudem holen viele Athleten nicht das Optimum aus sich heraus. Sie werden zu wenig gefördert und zu wenig gefordert. Mit gezieltem Athleten-Coaching könnte da wohl mehr erreicht werden. Man kennt den Leichtathleten Lukas Christen, aber es gibt auch einen Fussballer Lukas Christen. Vor Ihrem Unfall 1987 spielten Sie erfolgreich Fussball. Man kann sagen, dass ich eineinhalb Schritte vor dem Durchbruch stand. Ich wurde 1985 Junioren-Schweizermeister mit der U20 des FC Luzern. Es war eine erfolgreiche Saison für mich. Als linker Aussenverteidiger schoss ich acht Tore, sechs davon mit dem Kopf. Beim Finalspiel gelang mir sogar das Führungstor. Ende Saison stand ich vor der Wahl, weiterhin beim FC Luzern zu spielen oder zum FC Zug, der zu der Zeit in der damaligen Nationalliga B spielte, zu wechseln. Ich spürte, dass der Trainer vom FC Zug, Hubi Münch (FCZ 1963-1973) mich unbedingt wollte. Beim FC Luzern spürte ich das damals zu wenig. Also ging ich nach Zug. Die Nationalliga B bestand zu dieser Zeit aus 16 Mannschaften. Es waren Teams wie Locarno, Lugano, Bellinzona, Chiasso, Chênois, Bulle, Biel, Etoile Carouge etc. dabei. Das bedeutete sehr viel zu reisen. Zudem war es eine zusammengewürfelte Mannschaft, und ich fühlte mich nicht sehr wohl. Nach dem Training oder den Spielen ging oft jeder seine eigenen Wege. Den Teamgeist und den Zusammenhalt, wie wir ihn in Luzern hatten, vermisste ich sehr. Zu diesem Zeitpunkt kam ein Angebot vom FC Aarau für die U23. Ja. Ich kannte Ottmar Hitzfeld natürlich und war von seiner Arbeit als Trainer beim SC Zug und beim FC Aarau beeindruckt. Als ich dann gelegentlich mit Spielern wie Roberto Böckli, Rolf Osterwalder, Walter Iselin und Jens Bertelsen trainieren konnte, lernte ich viel. Thomy Wyss, mit dem ich beim FC Luzern spielte, war bereits Stammspieler. Das spornte mich an. Und es gefiel mir natürlich, dass ein Ottmar Hitzfeld für mich Perspektiven sah. Ich arbeitete hart, um den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen, doch die Konkurrenz war mit Spielern wie Kilian, Tschuppert, Schärer usw. zu diesem Zeitpunkt zu stark. Während der Saison 1987 passierte dann der Motorradunfall. Von einem auf den anderen Tag war es aus und vorbei mit der Karriere als Fussballspieler. Es war in der ersten Zeit enorm schwierig und hart. Doch ich lernte zunächst meinen Fokus auf wesentliche Dinge und auf die Zukunft zu richten. Die neue Situation forderte und stärkte meine Sinne, meinen Willen und öffnete mir neue Perspektiven. Und ich entdeckte, dass neben Talent, Willen und Tapferkeit vor allem der Glaube sehr wertvoll ist – ganz abgesehen von guten Freunden, für die ich sehr dankbar bin. Die nachhaltige und tiefer gehende Aufarbeitung des Geschehenen kam eigentlich erst Jahre später, als ich reif dafür war. Also war dieses Ereignis der entscheidende Moment für Ihre spätere Karriere als Spitzensportler? Ich diskutiere das oft mit meinen Sportkollegen, die auch eine Behinderung haben. Es fällt in erster Linie auf, dass körperlich unversehrte Sportler im Vergleich zu uns selten bis gar nie nach dem entscheidenden Moment in ihrem Leben gefragt werden. Im Wesentlichen kann man bei mir nicht sagen, dass es ein sportliches Leben vor oder nach dem Unfall gab. Auch ohne den Unfall wäre ich wohl Spitzensportler geworden. Viele Journalisten gehen davon aus, dass es die Leser interessiert, was der entscheidende Moment für die Sportkarriere war – und meinen damit den Unfall. Jedoch bezweifle ich das. Roger Federer, Sara Meier oder Arno Del Curto werden auch nicht ständig danach gefragt, wann ihr entscheidender Moment war. Sie werden nach dem Hier und Jetzt und der Zukunft befragt. Weshalb soll das bei uns anders sein? Zudem bezweifle ich, ob die Genannten diese Frage überhaupt beantworten könnten. Es sollten doch andere Aspekte mehr zählen, als die «Behinderung»! Dieser Ausdruck sollte sowieso hinterfragt werden, denn in gewisser Weise ist jeder durch irgendetwas «handicapiert». Bis zum ersten Olympiasieg 1992 dauerte es nur gerade fünf Jahre. Wie erlebten Sie diese Zeit? Die ersten zwei Jahre waren geprägt von der Reha. Ende der 1980er-Jahre gab es noch kaum geeignete Prothesen für den Laufsport. Ich musste zuerst einmal einen Partner finden, der diese Prothesen herstellt und bereit war, die Entwicklung voranzutreiben. Ende 1990 war ich endlich soweit, eine Prothese zu testen, mit der man schnell rennen konnte, ohne dass sie brach und der Körper Schaden davon trug. Parallel dazu war es wichtig, ein Ausgleichstraining zu machen. Zudem war Rolf Wullschläger (ehemaliger Leichtathletik Nationaltrainer) als Sprinttrainer für mich zu dieser Zeit entscheidend. Er brachte mir das Sprinten erst richtig bei. Fussball ist ein Team- und Laufsport ist ein Einzelsport. Während Ihrer Zeit als Spitzensportler spielten Sie auch Fussball. Ein Spagat? Nein, eher im Gegenteil, denn ich konnte bei beiden Sportarten von der anderen profitieren. Im Team wirst du von Mitspielern getragen und gefördert. Eigene Schwächen kannst du dadurch besser ausgleichen und relativieren. Wichtig war das Mentale: Ich habe als Verteidiger viele Tore aus Standardsituationen erzielt. Wenn du in die entscheidende Aktion gehst, musst du voll entschlossen, konzentriert und konsequent sein, denn dieser Moment kommt nur einmal und du musst sie zu 100% zu deinen Gunsten nutzen, wenn du erfolgreich sein willst. Genau so ist es z.B. beim 100m-Final. Diesem Druck musst du standhalten und ihn voll für dich zu nutzen wissen. In diesem Sinne habe ich vom Fussball viel in die Leichtathletik mitgenommen. Diese grossen Erwartungen an Entschlossenheit und Konsequenz, die ich an mich stelle, kann ich im Einzelsport voll und ganz selber bestimmen. Im Teamsport hingegen kann ich dies nicht 1:1 von meinen Teamkameraden einfordern. Da braucht es Toleranz, denn jeder tickt anders. Entscheidend ist: Als behinderter Einzelsportler wurde ich gezwungen, so intensiv an meinen Fähigkeiten und Ressourcen zu arbeiten, bis ich sie unbewusst auf Topniveau automatisiert hatte und im ultimativen Höhepunkt abrufen konnte. Es ist ein Supergefühl, wenn dir das regelmässig gelingt. Stell dir vor, es gelingt ein Team zu schweissen, das auch so arbeitet. Dann bist du ganz bestimmt vorne dabei.
Welches waren für Sie persönlich die Höhepunkte in Ihrer Karriere? Die Grossanlässe. Insbesondere der 200m-Final der Olympischen Spiele in Sydney 2000. Dort hatte ich vier Tage zuvor den 100m-Final gegen Earle Conner verloren. Das war der erste Showdown in meiner Karriere, den ich nicht gewann. Für den 200er-Final wusste ich, dass ich von der Bahneinteilung her benachteiligt sein würde, da die Bahn linkskurvig war und ich links amputiert bin. Da die Prothese auf der Innenseite ist, muss man mit der Hüfte noch etwas höher gehen und dadurch kann man weniger Druck geben. Zwischen den beiden Finals lagen vier Tage. In der Zeit dazwischen war somit der mentale Bereich der absolut entscheidende Punkt. Ich baute mich innerlich sehr präzis und konsequent auf den Moment hin auf. Das ist dann das totale Fokussing. Es ist anspruchsvoll. Und es ist auch wirkungsvoll. Da bist du zwar ganz allein – aber eben auch in vollkommener Harmonie und Synthese mit deinen Kräften und Ressourcen. Es ist Bereitschaft und Entschlossenheit pur, voll ausgerichtet auf die Herausforderung. Diese Erfahrung war ein absolutes Highlight meines Lebens. Ich bezwang meinen Gegner in Weltrekordzeit diesmal souverän und revanchierte mich. Seither weiss ich genau, was in diesem Bereich möglich ist und wie man ihn erschliessen und erfolgreich nutzen kann. Wie sahen Ihre Tiefpunkte aus? Der Bänderriss am Sprunggelenk im Jahr 2003. Die Reha brauchte Geduld. Ich lernte dabei, noch mehr auf meinen Körper zu hören und Verantwortung für meine Gesundheit zu übernehmen. Ich sehe viele Spitzensportler, die mit ihrer Gesundheit fahrlässig umgehen. Sie sind über- oder untertrainiert, sie lassen sich fitspritzen oder sie erholen sich falsch. Und vor allem wissen sie überhaupt nicht mehr, wie man sich mental stärkt, geistig richtig entspannt und innerlich voll regeneriert. Das wirkt auf Dauer schädlich und hemmt den Erfolg sehr. Der Körper und die Seele speichern den Umgang mit ihnen und zeigen uns die Quittung im Wettkampf und auch nach der Karriere. Darum ist es wichtig, dass die jungen Talente nicht nur sportlich und beruflich, sondern auch persönlich optimal betreut und geschult werden. Da helfe ich gerne mit, wenn ich kann. Erzählen Sie uns ein paar Anekdoten aus Ihrer bewegten Karriere. Meine Lieblingsanekdoten fanden 1996 an den Paralympics in Atlanta statt. Bedingt durch heftige Gewitter musste der 100m-Final auf spätabends verschoben werden. Die Medaillen-Zeremonie konnte aus logistischen Gründen jedoch nicht auf den nächsten Tag verschoben werden. Also fand die Übergabe der Medaillen um zwei Uhr morgens statt. Anstelle der Nationalhymne waren die Laubbläser, die für die Reinigung des Stadions benutzt wurden, zu hören. Wir hatten den Ort des Geschehens nach der Übergabe der Medaillen noch nicht verlassen, da wurde das Licht schon gelöscht und wir mussten im Dunkeln rausgehen. Die Tore der Arena waren geschlossen und wir standen mitten in der Nacht auf dem Parkplatz. Kein Bus und kein Taxi fuhr mehr. Es blieb uns drei Medaillengewinnern nichts anderes übrig, als per Anhalter ins Olympische Dorf zurückzukehren. Natürlich war auch dort schon alles leer. So feierten wir den Welterfolg halt im Aufenthaltsraum mit Joghurt und Wasser! Das war skurril. Nach dem gewonnen 200er-Final, fünf Tage später, wollte ich vermeiden, dass mir das erneut passiert. So schloss ich mich den Australiern, den Österreicher und den Amerikanern an und wir feierten diesmal im Planet Hollywood. Zu unserer grossen Freude und Überraschung tauchten dann tatsächlich Arnold Schwarzenegger und Bruce Willis auf und liessen es sich nicht nehmen, mit uns zu feiern. Es war toll, beide waren ganz normal, ohne Bodyguards, ohne Allüren. In diesem Sinn konnten die zwei Feiern gar nicht gegensätzlicher sein. Nach Ihrem schweren Unfall fingen Sie wieder an Fussball zu spielen. Ab 1993 fing ich mit dem Fussballspiel wieder an. Einmal pro Woche trainierte ich mit dem FC Sempach, meinem Stammverein Für mich war es ein Gefühl des Heimkommens. Es gab sogar Teileinsätze in der 3. Liga. Das war wohl vor allem für meine Gegenspieler sehr schwierig, denn sie wussten nie so recht wie weit sie in den Zweikämpfen gehen sollten. Meine eigene Maxime war, mit der Prothese niemanden zu verletzen, denn das würde mich innerlich sehr belasten. Dazu kam, dass ich von der Liga nur auf Zusehen hin geduldet war. Hätte eine gegnerische Mannschaft Protest eingelegt, wäre ich wegen den harten Bestandteilen der Prothese wohl in Schwierigkeiten geraten. Deshalb gebührt meinen Gegnern und den Schiris grossen Respekt, weil sie sich mir gegenüber sehr tolerant und menschlich verhalten hatten. Heute spiele ich noch immer bei den Senioren oder Veteranen. Es macht noch immer unglaublich Spass, genauso wie die Einsätze in Promi-Teams. Heute sind Sie ein erfolgreicher Unternehmer. Ihre Referate sind gefragt. Wie muss man sich ein Referat von Ihnen vorstellen? Meine Kernbotschaft ist, die eigenen Kräfte zu bündeln und sich auf ein Ziel zu fokussieren. Das kann man im Beruf, im Sport oder im privaten Umfeld machen. Da jeder Mensch quasi «Verwaltungsratspräsident» der wichtigsten Unternehmung ist, die es gibt – nämlich seines eigenen Lebens –, ist dieser verantwortungsvolle Umgang mit sich selbst absolut matchentscheidend. Und da weiss ich eben genau, wovon ich spreche. Die Unternehmung Mensch ist das griffige Konzept, das aus dieser Überlegung heraus entstanden ist und das ich seither in Beratung und Coaching von Firmen, Teams und Einzelpersonen (auch im Sport) erfolgreich einsetze. Haben Sie heute noch Interesse am Fussball? Heute schau ich mir gerne die Champions League, oder die EM bzw. WM an. Wenn Barça, ManU und diese Kaliber spielen, geniesse ich es noch immer sehr. In der Schweiz gefällt mir die professionelle Entwicklung, die im Umfeld vieler Clubs wie dem FC Basel, den Young Boys oder dem FCL seit Walter Stierli das Präsidium übernommen hat. In der Schweiz stimmt der Rahmen: Schöne Stadien und Hochglanzangebote. Doch beim Inhalt fehlt es noch. Das Spiel als solches könnte besser sein; eben mit noch mehr Professionalität und Konsequenz zelebriert werden. Wenn ich sehe, wie junge Menschen ihr Talent vergeuden und ihre Ressourcen viel zu wenig ausschöpfen, blutet mir das Herz. Ich weiss eben, was ein unversehrter Athlet erreichen könnte, wenn er oder sie es konsequent angeht. Haben Sie eine Lieblingsmannschaft? Da bin ich eher ein Langweiliger. Es ist Barcelona, wie bei vielen anderen auch. Mir gefallen ihre schnellen, präzisen Spielzüge, ihre Effizienz, ihre hohe taktische Intelligenz und die Disziplin. Auch dass sie auf Theater und Provokation weitgehend verzichten, finde ich schön. Weniger gefällt mir bei Barcelona und Real Madrid die wirtschaftliche Situation. Es kann nicht sein, dass Mannschaften Schulden in der Höhe von bis zu 400 Millionen Euro haben, ohne dass dies in Frage gestellt wird. Vorbild ist in diesen Belangen der FC Bayern München, der nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich zu den besten Clubs der Welt zählt. |
Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.
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