«Wir sind die Seele des Vereins» |
|
Vor dem Hintergrund des aufgeheizten medialen Klimas droht der FC Luzern seinen Anhängern mit Fahnenverbot, sollten sie nochmal Pyros zünden. Der Club versteht die Fankultur nicht, sagt ein FCL-Anhänger – und wagt einen Erklärungsversuch. Radikaler Entscheid des FCL Der FC Luzern hat am Donnerstag in einer Mitteilung bekannt gegeben, dass er seinen Fans ein Fahnen- und Doppelhalterverbot auferlegen wird, sollten diese noch einmal Pyromaterial abbrennen. Damit beginnt der Vorstand unter der Führung von Walter Stierli den wohl schweizweit radikalsten Kreuzzug gegen die eigenen Anhänger und die Seele des Vereins. Der Entscheid wurde in einem aufgeregten medialen Umfeld getroffen, das durch das offensichtliche Fehlverhalten von Einzelpersonen auf nationaler Ebene angeheizt war. Mitgetragen wurde die unsachliche und emotionalisierte Kampagne auch vom Luzerner Medienmonopolisten, der Neuen Luzerner Zeitung (NLZ), die sich gänzlich unbesorgt in der Wörterkiste des aktuellen Fussballfan-Diskurses bediente: «Pyro- Hooligans», «Fussball-Chaoten» und «sogenannte Fussballfans» dienen dabei als Projektionsfläche für alles Schlimme, was sich da so jedes Wochenende in einem Fussballstadion abspielen muss. Erschrocken über die Entwicklung der medialen Hysterie, bleibt eine grosse Fangemeinschaft zurück, die sich in vielen Belangen zutiefst missverstanden fühlt. Eingriff in die Fankultur Die offizielle Androhung eines Fahnen- und Doppehalterverbots in Luzern ist ein krasser Eingriff in die freie Fankultur, der von immenser Tragweite ist. Er kommt einem kompletten Vertrauensbruch zwischen Fans und Vorstand gleich. Das Geschirr ist zerbrochen, übrig bleibt der Scherbenhaufen. Damit hat der FCL hat den Weg der Eskalation gewählt, was zu bedauern ist. Aus Fansicht ist der Entscheid nur ein weiterer Hinweis, wie wenig die Entscheidungsträger in Vereinen, Verband, Medien und Politik über Inhalt und Dynamik der Fussballfankultur in der Schweiz Bescheid wissen. Sie sind sich der Bedeutung dieser Bewegung für Fussball und Gesellschaft nicht bewusst. Das Unwissen ist riesig, die Bereitschaft daran etwas zu ändern allerdings minim. Alternative Stimmen versiegen im Sturm der medialen Entrüstung. Doch der Wunsch und der Drang sich zu erkären bleiben bestehen. In den Fankurven der Schweizer Stadien treffen sich heutzutage die unterschiedlichsten Menschen, um an einem gemeinsamen Projekt teilzuhaben. Alle sind willkommen. Herkunft, Aussehen, Geschlecht oder Alter sind genauso unwichtig wie politische Haltung oder Beruf. Niemals zuvor in der Geschichte gab es eine offenere, zwangsfreiere Subkultur. Viele widmen ihre ganze Freizeit und viel Geld ihrer Leidenschaft. Choreos, Fahnen, Doppelhalter und Bänder sind Ausdruck ihrer Identität. Für viele sind bengalische Fackeln ein Bestandteil ihrer Leidenschaft. Pyros werden nicht als Akt der Aggression, sondern als feierliches Zeremoniell betrachtet, wie das an anderen Anlässen auch üblich ist. Die Schweizer Kurvenkultur ist lebendig, und sie hat eine unglaubliche Anziehungskraft. Sie ist heute eine der grössten urbanen Jugendkulturen, lautstark und ausserordentlich kreativ, und sie hat die Schweizer Fussballstadien an vielen Orten von stimmungsarmer Tristesse erlöst. Der mediale Diskurs verselbständigt sich Nun wird fleissig an der Demontage dieser Bewegung gearbeitet. Der mediale Diskurs hat sich verselbstständigt und wird im Tagesrhythmus repetiert, so dass selbst die absurdesten Meinungen nicht mehr unmöglich sind. Als beispielsweise vor ein paar Wochen die Fans des FC Basel in Anbetracht des riesigen Polizeiaufgebots das Spiel gegen den FCZ boykottierten und die Heimreise antraten, sassen nur wenige privat angereiste Fans, meist Väter mit ihren Kindern, im Gästesektor. Als einige von ihnen aus Solidarität den Gästesektor nach rund 15 Minuten ebenfalls verliessen, was gut von den Fernsehkameras festgehalten wurde, äusserte der unbeholfene SF-Reporter doch tatsächlich die Befürchtung, dass sich diese Leute vielleicht mit den Zürcher Fans prügeln werden. Die Gehirnwäsche wirkt, und dies offensichtlich stärker als jeglicher Drang nach Bildung. Seit einigen Jahren liegt der Fokus nun auf der Dämonisierung von Pyrotechnik. Während beispielsweise auf den Zuschauerrängen des vom Weltfussballverband lizenzierten Videospiels FIFA 2003 noch massenhaft Fackeln gezündet wurden, oder während Sportreporter Dani Wyler anlässlich eines Spiels zwischen Basel und Zürich in den 90er Jahren noch von toller Stimmung sprach, als das Stadion fast ringsum von Fackeln eingedeckt wurde, so werden Pyros heute immer von Chaoten, Hooligans und Trotteln abgefeuert. Repression statt Dialog Genau diese Kriminalisierung von Pyrotechnik ist heute einer der Gründe, weshalb sie häufig unkontrolliert und im dichten Gedränge gezündet werden. Ausserdem sind die Fackeln die Ursache, weshalb es an Stadioneingängen immer wieder zu Handgemengen und Auseinandersetzungen kommt. Fangruppen sind nicht bereit, sich das Abbrennen von Fackeln verbieten zu lassen. Dafür gehen sie hohe Risiken ein. Anstelle eines konstruktiven Dialoges, setzen Vereine und Polizei aber weiter auf Repression und perpetuieren das Problem. In der Tat haben die jüngsten Vorfälle in der Kurve des FCZ den Pyro-Befürwortern einen Bärendienst erwiesen. Der Fackelwurf im Derby wurde entsprechend rundum verurteilt, auch von den Ultras. Notiz davon nehmen aber nur die, die wollen, und dazu gehört weder der Blick noch die NLZ. Insgesamt ist die Entwicklung der Pyrodiskussion ein wunderschönes Beispiel dafür, wie schnell sich öffentliche Wahrnehmung und Einstellung gegenüber Themen verändern kann, wenn sich dominante Meinungsmacher jeglicher Diskussion verwehren. Wo Journalisten früher noch von guter Stimmung sprachen, sind heute Störenfriede und Deppen am Werk. Fussballfans geniessen heute mehr denn je einen schlechten Ruf. Es ist wahr, es gab und gibt immer wieder Gewalt im Umfeld von Fussball. Die Geschichte des Fussballs ist geprägt davon. Das soll nichts gutheissen, aber Relationen aufzeigen. Wo Menschen zusammenkommen entstehen Konflikte. Umso mehr in einem hochemotionalisierten Umfeld wie es der Fussball ist. Hier treffen Gegner aufeinander, gekleidet in verschiedenen Farben. Auf den Rängen Fans, die in ausgeprägter Weise ihre Verbundenheit und Identität mit der einen Mannschaft präsentieren und gegeneinander ansingen. Glaubt man der medialen Berichterstattung, muss man heute Angst haben, in ein Fussballstadion zu gehen. 17 Jahre Kurvenerfahrung zeigen jedoch, dass einem nie etwas geschieht, wenn man denn nicht unbedingt will. Schlussendlich gilt halt, dass der Fussballfan nicht der bessere Mensch ist, aber ganz bestimmt auch nicht der schlechtere. Fans sind die Seele des Vereins Es scheint, als ob sich die Diskussion um die Schweizer Fankultur in einem entscheidenden Stadium befindet. Die mediale und politische Dynamik ist an einem Höhepunkt angelangt. Die Geduld in beiden Lagern ist arg strapaziert. Es ist gut möglich, dass ein noch repressiveres Vorgehen die bestehende Fankultur aus den Stadien verdrängt. Es ist unumstritten, dass das sowohl aus fussballkultureller, als auch aus wirtschaftlicher Sicht ein grosser Fehler wäre. Die Konsequenz wären schlechtere Atmosphäre, weniger Zuschauer, keine Gästefans, weniger Emotionen, weniger Vermarktungspotenzial. Für den Schweizer Profifussball würde dies einen klaren Einschnitt bedeuten. Die Gruppe, welche die Clubs in ihren Communiques jeweils als kleine, unverbesserliche Minderheit beschimpfen, ist in der Realität weit grösser und von vitalerer Bedeutung, als diese erahnen, denn sie geniesst grosse Solidarität. Die Fussballfankultur selbst wird sich zu wehren wissen, denn sie sitzt am längeren Hebel. Vielerorts haben sich Fanszenen in Krisen als dynamisch und wandlungsfähig bewiesen. Helfen tut der feste Glaube, dass die Seele eines Vereins in der lokalen Fankultur selbst verankert ist, unabhängig von der äusseren Gestalt des Clubs. Denn weder Hakan Yakin noch Walter Stierli allein sind der FC Luzern. Ein Fussballclub, das sind Geschichten und Episoden, Erinnerungen und Erinnerungsorte, Legenden und Helden. Was den Verein aber vor allem ausmacht, sind die Leute, die ihn seit Jahrzehnten als Fans begleiten. Das sind die Väter, die ihre kleinen Jungen zum ersten mal mit ins Stadion nehmen. Das sind alle, die die Farben des Vereins in sich, und damit die Tradition weiter tragen. Deshalb gilt auch aktuell beim FC Luzern: Wer die eigenen Fans bekämpft, der bekämpft die Seele des Vereins. *Manuel Feer ist Projektmitarbeiter der FCL-Fansite justcantbeatthat.com. Zum Thema: Der FC Luzern auf Konfrontationskurs. |
Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.
Werbung
Kommentare
zitiere Stierlibier:
Schön wärs man dürfte Fahnen schwingen! Verbietet der FCL und der gute Herr Stierli neuerdings jedoch...unglaublich aber wahr!!
Nehmt endlich eure Verantwortung wahr und sorgt für die vielzitierte Selbstregulieru ng in der Kurve. Ihr habt es selbst in der Hand. Wenn ihr euch nicht mit denen, die sich nicht an die Regeln halten, solidarisieren würdet, dann wäre doch das Problem schnell gelöst.
Ihr dürft singen, johlen, tanzen, Fahnen schwingen, Transparente hochhalten, Choreos produzieren usw. Ihr könnt so viel Kreatives tun, einzig und alleine Fackeln dürft ihr nicht mitnehmen und im Stadion abbrennen. Und wenn der Fackel-Verzicht für euch keine Variante ist, dann müsst ihr euch halt ein neues Hobby suchen.
Und noch was zu den Pyros: Diese sind verboten, weil sie auch als "Waffe/Wurfgeschoss" eingesetzt werden/wurden und schwere Verletzungen verursachen können.
Singen, tanzen, schreien und ähnliches verletzt übrigens niemanden. Das ist der Unterschied.
sorry falscher ort gedrückt wollte einen kommentar zitieren
du hast es wohl nicht verstanden, oder willst es einfach nicht verstehen
nochmal ganz ein einfaches beispiel:
Pyros Fahnen Gesang = Stimmung
keine Stimmung = Keine Zuschauer
und wenn ultras von "tradition" der pyros reden, dann zeigen sie vor allem, dass sie nur genau soweit zurück blicken, wie es ihnen passt. mit tradition hat das aber nichts zu tun.
sonst ist der spielabbruch nächsten märz auch legitimerweise "traditionell" zu nennen, weil es jetzt einen gab.
"die seele des vereins sein" - das legitimiert dementsprechend alles, was einem gerade passt?
wenn ihr fahnen wollt - benutzt sie doch einfach nicht als schmuggelverpac kung!
die echt problematische verknüpfung von "gewalt" mit "pyros" wird mit deinem hysterischen artikel nicht gelöst, sondern die fronten zementiert. schade.
Alle Kommentare dieses Beitrages als RSS-Feed.