Schweigen ist Gold

Die Klubverantwortlichen hierzulande kritisieren nach Misserfolgen immer öfters die Offiziellen und geizen dabei nicht mit verbalen Unsachlichlichkeiten. In vielen Fällen wäre es besser, sie würden einfach einmal schweigen.

Reden ist Silber ...

... Schweigen ist Gold. Die deutsche Handball-Bundesliga führt einen Passus in ihren Regeln (den sogenannten «Durchführungsbestimmungen der TOYOTA Handball-Bundesliga Männer 2011/12»), unter Ziffer 6 heisst es da unter anderem: «Spielern, Offiziellen sowie Mitarbeitern oder Mandatsträgern eines Vereins, auch wenn sie nicht selbst am Spielgeschehen beteiligt waren, ist es untersagt, innerhalb von 48 Stunden nach Spielschluss sich über die Schiedsrichter, Zeitnehmer und Sekretär und den Technischen Delegierten zu äussern.»

Eine spannende Idee. Denn die diversen Vereinsexponenten hierzulande neigen immer mehr dazu, im Affekt nach den Spielen unüberlegte, emotionale Stellungnahmen abzugeben und damit ihrem Ärger Luft zu verschaffen. Die Äusserungen wiederholen sich wöchentlich, schliesslich gilt es, die Schuldigen eines Misserfolgs auszumachen. Es ist der ewige Reflex, scheinbare Ungerechtigkeiten als Ursache für ausbleibende Erfolge hinzuziehen. Kein Spieltag vergeht, ohne dass sich vermeintlich Betrogene in der Presse ausweinen dürfen.

Lamentieren in Bern und Luzern …

YB-Trainer Christian Gross beklagte sich nach dem 1:1 gegen Sion über – natürlich – Referee Stephan Studer. Den Ellenbogen-Rempler von Moreno Costanzo vor dem vermeintlichen Siegestreffer taxierte Gross als normalen Körpereinsatz und wunderte sich, dass man nämlich «überall in Europa so ein Tor gegeben hätte» (kurzpass.ch berichtete). Aha. Wenn als Ausrede nicht der ungeliebte Kunstrasen herhalten muss (der übrigens ab sofort kein Grund mehr sein kann für ungenügende Resultate), so muss halt der Schiedsrichter daran glauben. Gross äusserte sich zudem dahingehend, er wünsche sich von den Spielleitern mehr Fingerspitzengefühl, mehr Zivilcourage und ganz allgemein – fittere Schiedsrichter …

Murat Yakin echauffierte sich nach dem Spiel gegen Basel derweil über Alain Bieri. Er wolle nicht über den Schiedsrichter reden, sagte der Luzern-Trainer. Und tat es dann doch sehr ausführlich. Eines Spitzenspiels unwürdig sei dessen Leistung gewesen, urteilte Yakin, und Bieri habe das Spiel mit dem nicht gegebenen Elfmeter entschieden. «Wenn ein Spiel durch einen klaren Fehlentscheid eines Schiedsrichters entschieden wird, müssen wir mit Fussball spielen aufhören», fuhr Yakin fort, und man hätte ihm die Mikrofone am liebsten nur noch weggenommen. Auf der Gegenseite hatte Bieri übrigens ein korrektes Tor von Marco Streller für den FCB annulliert.

… sowie in Zürich

Der medial omnipräsente und nie um eine Antwort verlegene FCZ-Sportchef Fredy Bickel erklärte nach dem Cup-Aus in St. Gallen ebenfalls kurzerhand Schiedsrichter Stephan Studer zum Schuldigen an der Pleite. Studer sei zwar einer der besten Unparteiischen des Landes, aber «ich weiss nicht, warum er immer wieder gegen uns Fehler macht. Vielleicht sollte er fairnesshalber keine Spiele von uns mehr pfeifen!» Derjenige Studer übrigens, der den Zürchern noch Ende Oktober beim Heimspiel gegen Basel einen ungerechtfertigten Elfmeter zugesprochen hatte.

Bernard Challandes, aktuell gerade Trainer in Thun, tobte in der hektischen Schlussphase gegen GC im Letzigrund, man kennt seine legendären Wutausbrüche gegen die Offiziellen. Dass es nach der Rangelei mit Reinmann und der damit verbundenen roten Karte gegen GC-Torwart Roman Bürki zu Recht keinen Elfmeter gab, sah immerhin auch Challandes nach dem Spiel ein. Bürki hingegen setzt seine unglückliche Vorrunde fort. Der Schlussmann der Zürcher irritierte die Öffentlichkeit vor ein paar Wochen, als er in naiver Manier über Pyros plauderte und erklärte, «Schlegle» gehöre halt zum Fussball. Kurz darauf wurde er vom Verein zurückgepfiffen.

Die Folgen der Schiri-Kritik

Wohin solch ungeschickte Schiedsrichterkritik führen kann, hat man in der Vergangenheit immer wieder gesehen. Der Schwede Anders Frisk beendete seine Schiedsrichterlaufbahn 2005 abrupt, als er vom damaligen Chelsea-Trainer José Mourinho als Schuldigen für das Ausscheiden in der Champions League gegen Barcelona ausgemacht wurde und dann von Chelsea-Anhängern massive Morddrohungen erhielt. Erst kürzlich versuchte sich Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati vor dem Spiel Köln-Mainz das Leben zu nehmen, er wurde von den Akteuren mehrmals als schlechtester Bundesliga-Ref «ausgezeichnet». Eine Woche danach versuchte sich ein belgischer Linienrichter das Leben zu nehmen.

Das mögen Einzelschicksale sein, doch Trainer und Vereinsverantwortliche sollten sich der Worte bewusst sein, die sie wählen. Um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, wird aber scheinbar immer häufiger die Schuld bei den Unparteiischen gesucht. Doch Forderungen wie diejenige Bickels, dass gewisse Schiedsrichter die eigene Mannschaft bitte nicht mehr pfeifen mögen, schiessen arg am Ziel vorbei. Es würde hiesigen Klubverantwortlichen oft besser anstehen, sie würden ihre Worte weiser wählen. Wer das kurz nach einem Spiel nicht kann, soll doch bitte versuchen, sich die deutsche «48-Stunden-Regel» einmal zu Herzen zu nehmen.

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Kommentare  

 
#1 Raphi 2011-12-09 14:15
Ein äussert interessantes und auch wichtiges Thema. Ich störe mich immer wieder daran, dass die verschiedenen Medien den Trainern und Funktionären eine Plattform für ihre unüberlegten Äusserungen bieten, die dann seitens des Journalisten so guet wie nie kritisch aufgegriffen werden. Guter Artikel!
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