Bulat Chagaev – die wilden Jahre

Bulat Chagaev wirkt gelassen, selbst wenn er in Handschellen vorgeführt wird. Das ist keine Überraschung – im Vergleich mit seinen wilden Jahren in Tschetschenien ist das, was er zur Zeit in der Schweiz durchmacht, ein Kindergeburtstag.

Privilegierte Kindheit

Bulat Chagaev kommt 1961 in Tschetschenien zur Welt, kurz nachdem die unter Stalin nach Kasachstan deportierten Tschetschenen in den Kaukasus zurückkehren durften. Chagaev wächst privilegiert als Sohn eines hohen Funktionärs der Kommunistischen Partei auf. Im Alter von 22 schliesst er sein Universitätsstudium am Institut für Petroleum in Grozny ab. Er wird danach schon in ganz jungen Jahren Vizedirektor von Krasnij Molot, einem Zulieferer der Ölindustrie, und zugleich eines der grössten Industriekombinate Groznys. Chagaev selber sagt, er habe sich in kürzester Zeit aus eigener Kraft vom einfachen Mitarbeiter zum Chef «hochgearbeitet». Ganz allgemein arbeiteten zu Sowjetzeiten in Grozny nur sehr wenige ethnische Tschetschenen bei Unternehmen wie Krasnij Molot. Diese Jobs waren den privilegierteren Russen vorbehalten.

Staatsgeld für private Zwecke

Bulat Chagaev heiratet Irina, die Tochter eines anderen hohen Funktionärs, Doku Zavgaev, und wird damit definitiv Teil des obersten Establishments, nimmt Einsitz im Sowjet, dem «Parlament» Tschetschenien-Inguschetiens. Die Familie will die Ölindustrie unter ihre Kontrolle bringen. Dieses Projekt nimmt noch zu Sowjetzeiten konkrete Formen an. In diesem Zusammenhang reist Chagaev schon Ende 80er-Jahre häufig ins Ausland und gründet Filialen in New York und Moskau, und auch einen Ableger im schweizerischen Zug. 1989 wird sein Schwiegervater Doku Zavgaev als erster ethnischer Tschetschene seit der Stalinschen Deportation der 40er-Jahre Generalsekretär der Kommunistischen Partei Tschetscheniens und Inguschetiens.

Chagaev kann im Dezember 1990 mit der Ölhandelsfirma Sovamericantrade eines der ersten privaten Unternehmen überhaupt im Sowjetischen Tschetschenien ins Leben rufen. Es war ein Unternehmen, welches von der Regierung der Chechensko-Inguschischen SSR in Zusammenarbeit mit amerikanischen Partnern auf die Beine gestellt wurde. Sovamericantrade diversifizierte in viele unterschiedliche Geschäftsfelder. Das Unternehmen war neben Erdöl- und derivaten chemischen Produkten auch in Bereichen wie Lebensmittel, Lederwaren oder Elektronik tätig. Geld für Investitionen war vorhanden. Die tschetschenisch-inguschische Regierung unter Chagaevs Schwiegervater Zavgaev hat damals gemäss Radio Svoboda Sovamericantrade mehrere Millionen Rubel zur Verfügung gestellt, die sofort in Dollar konvertiert wurden.

Umsturz in Tschetschenien

Einen Monat davor hatte das tschetschenische Parlament die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet, die aber durch den Moskauer August-Putsch gegen Mikhail Gorbachov im darauf folgenden Sommer in letzter Sekunde wieder obsolet wurde. Der moskautreue Zavgaev äusserte damals  seine Unterstützung für die Putschisten. Zwei Wochen später, am 6. September 1991, stürmten bewaffnete Kräfte tschetschenischer Separatisten das Parlament in Grozny und übernahmen die Macht. Sehr wahrscheinlich hat Chagaev diese gewaltsame Machtübernahme, bei welcher der lokale Parteichef Vitaly Kutsenko aus dem Fenster des Parlamentsgebäudes stürzte und dabei ums Leben kam, hautnah miterlebt.

Schon nach wenigen Monaten des Bestehens von Sovamericantrade wurde eine Revision des Unternehmens durchgeführt. Die damalige tschetschenische Staatsanwältin Elza Sharipova wollte Anfangs der 90er-Jahre mehrmals gegen Chagaevs Firma ein Strafverfahren wegen des Verdachts des Missbrauchs von Staatsgeldern eröffnen. Die Journalistin Nina Efimova hat für die Zeitung Ichkeria damals Nachforschungen für einen Artikel über Sovamericantrade betrieben. Dieser Artikel wurde «aus unbekannten Gründen» nie publiziert. 1996 wurde Nina Efimova in Grozny ermordet. Angemerkt sei hier allerdings, dass Efimova viele kritische Artikel auch gegen noch «grössere Fische» als Chagaev geschrieben hat, und daher ihr Tod sehr wahrscheinlich nicht direkt mit Chagaev zu tun hat.

Fälschungen im grossen Stil

Der Machtwechsel in Grozny bringt für Bulat Chagaev noch weiteres Ungemach. Das neue Parlament will Einblick in seine Bücher haben, es läuft eine Strafuntersuchung, und gemäss Chagaev wird eine durch Sovamericantrade aufgebaute Bäckerei von den neu herrschenden Separatisten konfisziert. Nachdem die Separatisten die von Boris Jelzin entsandten Russischen Truppen in die Flucht schlagen konnten, verstärkt Chagaev seine Aktivitäten ausserhalb Groznys und verlegt seinen Schwerpunkt nach Moskau.

Sein dortiges Büro wurde von Ali Ibrahimov, einem alten Apparatschik-Kollegen aus Grozny, geleitet. Diese Moskauer Filiale von Sovamericantrade beteiligte sich in den folgenden drei Jahren an einem grossen Finanzbetrug mit gefälschten Avis, bei dem auch noch andere Tschetschenische Unternehmen involviert waren.  Ali Ibrahimov wurde im Jahr 2004 wegen betrügerischem Diebstahl von Staatseigentum in grossem Ausmass und Fälschung von Bankdokumenten zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Avis stammten von neun verschiedenen tschetschenischen Banken. Die gestohlenen Gelder wurden teilweise über Immobliendeals gewaschen, teilweise in die Vereinigten Arabischen Emirate, und teilweise an ein «Spital» im französischen Reims verschoben – Zahlungszweck: «Heilung von kranken Tschetschenen». Die Zahlungsadresse in Reims war aber gar kein Spital, sondern eine von einem Russen eingerichtete Briefkastenfirma.

Ein erstes Strafverfahren im Jahr 1992 versandete. 1997 wurde der Fall wieder aufgegriffen und auch gegen den Generaldirektor von Sovamericantrade, Bulat Chagaev, eine Untersuchung geführt. Dieser beschuldigte Ibrahimov der ungetreuen Geschäftsführung. Chagaev gab damals zwar zu, die Unterschrift unter die fraglichen Dokumente gesetzt zu haben, aber es seien Blankounterschriften gewesen, die dann Ali Ibrahimov für seine kriminellen Machenschaften missbraucht habe. Als in Moskau bekannt wurde, dass Chagaev der Schwiegersohn des von Moskau eingesetzten Tschetschenischen Präsidenten Doku Zavgaev ist, berichtete der zuständige Oberinspektor des Innenministeriums, Rashid Bulatov, von Druck, der auf ihn ausgeübt worden sei. Schlussendlich wurde Chagaev nicht verurteilt.

Staatskassen werden weiter geplündert

Aus dem Jahr 1994 ist aus Genfer Gerichtsakten ein weiterer Fall von betrügerischem Raub von russischen Staatsgeldern ersichtlich, in den Sovamericantrade verwickelt war. Der in der Schweiz lebende Grieche Spyridon Aspiotis mit seiner Firma Saracen hatte sich damals bereit erklärt, Bulat Chagaev und seiner Firma zu helfen, drei Millionen Tonnen Öl ins Ausland zu liefern. Sovamericantrade gab an, dass ihnen das Geld für den Transport fehlt. Über Aspiotis gelang es, beim staatlichen Moskauer Inkassobüro dafür einen Kredit von 12 Millionen Dollar zu erhalten. Das Inkassobüro war aber eigentlich gar nicht berechtigt, solche Kredite zu erteilen. Die Lieferung des Öls durch Sovamericantrade fand nie statt. Das Geld für den Kredit wurde trotzdem nicht zurückbezahlt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Aspiotis drei dieser 12 Millionen Dollar unterschlagen hat. Wo die restlichen neun Millionen verblieben waren, blieb im Dunkeln. Die Untersuchungen der extra nach Moskau geflogenen Schweizer Ermittler wurden unter anderem dadurch verkompliziert, dass gewisse wichtige Dokumente der Moskauer Filiale einer Russischen Bank in deren Hauptsitz im Sibirischen Nizhnevartovsk verlegt wurden.

Wenn er damals in Genf war, wohnte Chagaev bei Aspiotis. Auch in den Augen des Moskauer Inkassobüros arbeiteten Saracen und Sovamericantrade sehr eng zusammen. Als dann aber Aspiotis 1999 vor Gericht stand, wurde er wie zuvor in Moskau Ibrahimov von Chagaev des Betrugs beschuldigt. Chagaev wurde nicht als Zeuge vernommen, war aber trotzdem während der Gerichtsverhandlung anwesend, und verlangte eine Wiedergutmachung.  Spyridon Aspiotis wurde wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren und fünf Jahren Landesverweis verurteilt. Der zuständige Genfer Staatsanwalt war damals Bernard Bertossa, der Vater von Yves Bertossa, welcher nun im Fall Xamax gegen Chagaev ermittelt hat, bevor die Neuenburger Kollegen den Fall übernommen haben.

2001 wurde zudem in Moskau der ehemalige russische Justizminister Valentin Kovalev wegen Veruntreuung, Unterschlagung und Bestechung verurteilt – unter anderem wegen seiner Rolle im Fall Aspiotis. Kovalev war in seiner Amtszeit 1996 vom Moskauer Inkassobüro angehalten worden, in die Schweiz zu fliegen, und die verlorenen Staatsgelder von 12 Millionen Dollar aufzuspüren. Kovalev hatte danach angegeben, die Gelder nicht gefunden zu haben. Wie sich aber herausstellte, haben Kovalev und sein Assistent nach ihrer Rückkehr von der damaligen Führung des Moskauer Inkassobüros Grundstücke und Wohnungen in der Nähe von Moskau erhalten.

Der aus Tschetschenien vertriebene Chagaev bewegte sich mit seiner Firma Sovamericantrade mitten in diesen zahlreichen kriminellen Machenschaften von ehemaligen Sowjetkadern, die den russischen Staat in den 90er-Jahren in den Ruin trieben. Wie aktiv seine Rolle dabei war, oder ob er tatsächlich jedes Mal immer nur ein Opfer seiner Angestellten wurde, wie er es in diesen Gerichtsfällen dargestellt hat, und wie er es jetzt auch im Falle von Xamax wieder darstellt, lässt sich nicht abschliessend sagen. Von einer Verurteilung Chagaevs ist auf jeden Fall nichts bekannt.

Ziel: Einfluss und Macht in Tschetschenien

Parallel zu diesen Aktivitäten arbeiteten Chagaev und vor allem sein Schwiegervater Zavgaev zu Beginn der 90er-Jahre vor allem darauf hin, ihre Macht und ihren Einfluss in Tschetschenien wieder zurückzugewinnen. Zavgaev weibelte in der Kommission für den Kaukasus in der russischen Staatsduma für eine militärische Intervention – und bekam sie. Boris Jelzin gibt sein Okay – was folgt, ist ab Dezember 1994 der Erste Tschetschenische Krieg.

Moskau installiert eine Parallelregierung angeführt von Zavgaev und erneut mit Bulat Chagaev als «Parlamentarier». Zavgaev und Chagaev können das Vertrauen der Bevölkerung aber nicht gewinnen, und müssen sich wie auch die russische Armee wieder zurückziehen. Die Separatisten bleiben vorläufig an der Macht.  Dies durchkreuzt auch die Pläne Doku Zavgaevs bezüglich dem tschetschenischen Öl. Die Zeitung Izvestija berichtete damals über die eingeleiteten Umwälzungen des Erdölsektors unter dem Einfluss Zavgaevs unter dem Dach der sogenannten «Südlichen Ölfirma» in Zusammenarbeit mit Mintopenergo und den relevanten russischen Ministerien. Gerüchteweise habe Zavgaev damals versucht, seinen Schwiegersohn Chagaev an der Spitze dieser Ölfirma zu etablieren, was Zavgaev im Interview nicht bestätigen wollte: «Ich wäre glücklich darüber, aber leider geht das nicht – ich werde niemals zulassen, dass sich Clan-Macht-Strukturen etablieren.»

Im nächstenTeil unserer Xamax-Serie: Wie Bulat Chagaev den Kreml aufmischelte.

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