Schiff ohne Kapitän

Viele Indizien sprechen dafür, dass Bulat Chagaev genug Geld gehabt hätte, um Xamax weiterzubetreiben. Das Management des Clubs war aber ein Chaos sondergleichen.

Einige Schweizer Sportjournalisten haben sich in den letzten Wochen darüber beklagt, dass man über Chagaev so wenig weiss und dass es so gut wie unmöglich sei, einen Interviewtermin mit ihm zu bekommen. Höhepunkt der journalistischen Ideen- und Niveaulosigkeit war ein Beitrag von SF-Reporterin Claudia Moor vor etwas mehr als einem Monat, wo sie nach sechs Minuten gebührenfinanziertem Blabla zum Schluss kommt: «Welche Erkenntnisse habe ich gewonnen? Wirklich besser kenne ich Chagaev und seine Motivation immer noch nicht ... Die volle Wahrheit wird ausser Chagaev vermutlich in diesem Fall nie jemand wissen.» Tatsache ist: Informationen über Bulat Chagaev sind massenhaft vorhanden. Und in den letzten Monaten hat mit Sicherheit kein Schweizer Clubbesitzer so viele Interviews gegeben wie Bulat Chagaev. Selbst Kleinstpublikationen oder Internetportalen stand er Red und Antwort. Dem Teleclub gab er er ein beinahe einstündiges Interview. Das Schweizer Fernsehen hat definitiv irgendetwas falsch gemacht.

Bernard Tapie und der FC Bulat


Im ersten Artikel auf kurzpass.ch zum Thema der Motive Chagaevs und anderer russischen Fussball-Investoren vor acht Monaten war die Schlussfolgerung, dass der Tschetschene mit Sicherheit einerseits einen Fussballclub auch aus Freude an der Sache unterstützt, andererseits aber vor allem die Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Akzeptanz die wichtigste Rolle spielt, wobei Politik und Wirtschaft vor allem in dem Teil der Weltwirtschaft, die von autoritären Regimes wie dem russischen kontrolliert wird, ein und dasselbe sind. Es geht um Image, Popularität und politischen Einfluss im Ausland, aber vor allem in der Heimat, im Dunstkreis der grossen Staatsunternehmen, was im Endeffekt auch die Türe zum grossen Geld aufmacht. Dies kann auch acht Monate später, im zwölften Artikel dieser Serie nur noch mal bestätigt werden.

Dass Chagaev einen Fussballclub gekauft hat, um Geld zu waschen, wie vielerorts gemutmasst wurde, ist sehr unwahrscheinlich. Dafür ist ein so kleiner Club wie Xamax nicht geeignet. Der Stolz und ein gewisser Hang zu Extravaganzen spielt da schon viel eher eine Rolle. Zudem war Chagaev dem Fussball schon von klein auf verbunden. Im Sommerlager der Lenin-Jugend wurde er nicht in die Fussball-Mannschaft gewählt, hat sich davon aber nicht beirren lassen, und weiter Fussball gespielt. Laut eigenen Angaben hat Chagaev in Grozny später mit Terek den ersten Profibetrieb der Sowjetunion auf die Beine gestellt, auf der Basis der übersetzten Statuten von Olympique Marseille, die ihm dessen damaliger Präsident Bernard Tapie gegeben habe. Dieses Team habe er nach dem Machtwechsel in Grozny nach Uzbekistan verfrachtet, wo es an der dortigen Meisterschaft als «FC Bulat» teilgenommen habe. Die Mannschaft sei dort aber nicht willkommen gewesen und nach einer gewissen Zeit musste es aufgelöst werden, weil die Behörden die Spieler gezielt in den Militärdienst rekrutiert hätten.

Xamax statt Servette

In der Schweiz habe er in der Saison 2002/2003 dem damaligen Xamax-Präsidenten Gilbert Facchinetti ein Darlehen gegeben, welches dieser später zurückbezahlt habe. Nicht lange danach hat Chagaev Marc Roger Servette abkaufen wollen, aber dieser wollte nicht wirklich verkaufen und nannte einen zu hohen Preis. Chagaevs Traum war aber immer gewesen, irgendwann wieder bei seinem früheren Club Terek Grozny einzusteigen. Dies gelang ihm im Dezember 2010, als er von Ramzan Kadyrov zum Vizepräsidenten bei seinem geliebten Heimatverein ernannt wurde. Chagaev, der bei Terek als «Geschäftsmann aus der Schweiz» vorgestellt wurde, versprach mit Hilfe seiner Beziehungen im Westen viele Stars in den Kaukasus zu locken. Im tschetschenischen Fernsehen war zu sehen, wie Kadyrov Chagaev beim Team vorstellt: «Wir sind Bulat Chagaev sehr dankbar. Er macht sehr viel Gutes für Tschetschenien. Wir werden grosse Ziele erreichen, Minimum Europacup. Chagaev wird ab jetzt für alles verantwortlich sein, für die Mannschaft, für das Finanzielle, für alles…» Dann erklärt Kadyrov dem lavierenden Trainer, mit welcher Taktik er das Team spielen lassen soll und legt auch gleich fest, dass sein Lieblingsspieler weiterhin Captain sein wird.     

Etwas überraschend bekam Chagaev nur wenig später gleich auch noch die Chance, doch noch einen Schweizer Club zu übernehmen. Spontan hat Chagaev die Chance gepackt. Es war für ihn aber immer ein Nebenprojekt – erste Priorität hatte Terek Grozny. Andauernd suchte Chagaev nach Möglichkeiten, wie er Xamax für seine Ziele in Tschetschenien nutzen konnte. Der Cupfinal gegen Sion wurde live im tschetschenischen TV übertragen (620‘000 Zuschauer), Chagaev wollte Xamax in «Xamax Vainach» umbenennen, und träumte im Interview mit «L’Illustré» von Traininglagern mit Xamax in Grozny und regelmässigen Freundschaftsspielen zwischen den beiden Clubs. Er wollte Xamax zu einer europäischen Homebase für Terek aufbauen, durch die auch Spieler hin- und hertransferiert werden können. Beispielsweise wurde der Transfer des bei Terek nicht mehr benötigten polnischen Verteidigers Piotr Polczak von Terek zu Xamax von Chagaev vor der Saison bereits als fix gemeldet, kam dann aber doch nicht zustande.

Xamax nur zweite Priorität

Einen guten Einblick in die Denkweise Chagaevs gibt die Frage des Journalisten von «Russkaja Shvejtsarija» nach der Kritik an seiner geplanten Umbenennung von Xamax in «Xamax Vajnach». Zuerst relativiert Chagaev: «Das war als Katalysator, als Denkanstoss gedacht. Ich wollte Xamax nicht wirklich umbenennen.» Und gerade als der Leser sich denkt: «ist das jetzt nur eine Ausrede, oder hat Chagaev vielleicht doch etwas dazugelernt…?»,  fährt dieser fort: «Ich bin doch nicht so unzurechnungsfähig, einem Schweizer Outsider-Club einen stolzen tschetschenischen Namen zu geben. Bei einem FC Barcelona wäre das etwas anderes gewesen. Da wäre ich für eine solche Umbenennung gefeiert worden.»  Gefeiert … In Tschetschenien wohlgemerkt, sicher nicht in Barcelona! Aber sein Image in Tschetschenien ist das Einzige, was Chagaev interessiert, worauf er seine Tätigkeiten in den letzten Jahren ausgerichtet hat. Der russischen Sportzeitung «Sport täglich» erklärte er es so: «Stellen Sie sich vor, Sie wären Schweizer und würden nach Russland gehen, einen Aussenseiterclub nehmen, und ihn in «Basel» umbenennen. Das würden Sie natürlich nicht tun, denn so würden Sie ja den Namen (Basel) schänden, der ihnen am Herzen liegt.»

Dass Xamax nur zweite Priorität war, wurde schnell ersichtlich: nach dem Rauswurf der alten Administration durch Bulat Chagaev existierte lange kein richtiges Management. Rudakov, Danese, Satujev, Perriard, Imwinkelried,…. – die (offiziellen) Präsidenten, Vizepräsidenten und Administratoren gaben sich die Klinke in die Hand. Wer aber hatte den Überblick und die Zügel in der Hand? Denn gleichzeitig wurde der Spielerberater Paulo Tavares von Bulat Chagaev mit dem Aufbau des Teams beauftragt, wie dieser in der Zeitung «Le Matin» enthüllt hat.

Kanouté und Trézéguet an der Angel

Tavares bot als Verhandlungsbasis seine Dienste für 800‘000 Euro an, wäre aber mit 600‘000 auch sehr zufrieden gewesen. Chagaev wollte aber eine Million geben – da sagte Tavares natürlich nicht nein.  Als erstes hat Tavares Sonny Anderson engagiert und wollte ihm einen guten Assistenten an die Seite stellen, aber Chagaev habe für diese Position nicht viel Geld ausgeben wollen. Dann holte Tavares Bailly, Sanchez und Navarro. Tavares sieht es als seine grosse Leistung an, dass er Sanchez ablösefrei von Barcelona loseisen konnte, und dass Navarro, der davor 1,5 Millionen Euro im Jahr verdient hatte, sich nun mit der Hälfte davon zufrieden gab - und dies erst noch auf Kunstrasen.

Weiterhin interessierte Bulat Chagaev aber in erster Linie Terek Grozny. Tavares hatte nach eigenen Aussagen die Weltstars Frédéric Kanouté und David Trézéguet an der Angel. Kanouté sei nach Genf geflogen und wäre bereit gewesen für Xamax zu spielen. Chagaev wollte ihn aber unbedingt für Terek Grozny verpflichten, was Kanouté ablehnte und wieder abreiste. Genau das gleiche passierte mit Trezeguet. Chagaev war offenbar bereit, dem Franzosen die geforderten fünf Millionen Euro pro Jahr zu bezahlen, aber wiederum nur für Grozny, was Trezeguet ablehnte.

Agent führt Fussballclub

Mittlerweile war bereits Anfang Juli, die Trainer sind im Vergleich mit anderen Super League Teams sehr spät eingetroffen und erst die Hälfte des Kaders war zu dieser Zeit beisammen. Und Xamax hat weitherhin keine Administration, die einen solchen Namen verdiente. Die Website tot und niemand war da, um die Anfragen der erzürnten Fans zu beantworten, die auch dieses Jahr wieder bereit waren, ihr Erspartes in die Erneuerung ihres Xamax-Saisonabos zu investieren.

Der Spielervermittler Tavares hatte aber offenbar in den Augen von Chagaev gute Arbeit geleistet. Erst mit der Organisation eines Gala-Spiels in Grozny (wofür Tavares zwei Millionen Euro erhalten hat), dann mit der Transferkampagne. Nun offerierte Chagaev Tavares einen Betrag von drei Millionen Euro, um als Vize-Präsident die Geschäfte der 1. Mannschaft komplett zu übernehmen und auch alle anstehenden Rechnungen zu bezahlen. Chagaev will also seinen neu akquirierten Club im Mandatsverhältnis führen lassen: wohl ein absolutes Novum in der Welt des Fussballs! Tavares akzeptiert die Offerte, welche Chagaev im Namen von Dagmara Trading unterschreibt, wohlgemerkt nicht in demjenigen der Neuchâtel Xamax SA.

Anderson kennt Shaqiri nicht

Sonny Anderson hat sich dann schnell als Flop herausgestellt, was auch Tavares nicht leugnen kann. Vor dem Spiel gegen den FC Basel habe er mit Anderson geredet und bemerkt, dass dieser beispielsweise Xherdan Shaqiri überhaupt nicht kennt. Nach den turbulenten Szenen in der Xamax-Kabine des St. Jakob-Parks wird nicht nur der ganze Staff entlassen, sondern es kommt auch zum Bruch zwischen Tavares und Chagaev. Mit Luis Pereira steht daraufhin der nächste Agent bereit, welcher auf die Schnelle den nächsten Trainer Joaquin Caparros organisiert. Gleichzeitig äussert Chagaev in einem Interview die Überzeugung, dass ein Komplott gegen ihn im Gange sein, an welchem viele Personen aus verschiedenen Bereichen beteiligt seien.

Tavares wiederum, der bis Ende Juli offenbar viele Rechnungen von Xamax, zum Beispiel gegenüber der Liga, übernommen hatte, hat gemäss seinen eigenen Angaben von Chagaev seit Anfang Mai keinen Rappen von dem gesehen, was vereinbart war. Auch ein späterer Deal zur Überweisung von zumindest einer Million Euro der ursprünglich vereinbarten drei habe Chagaev nicht eingehalten. Im Oktober habe Chagaev ihm zwar noch pathetisch versichert: «Ich werde stehlen, ich werde sogar töten, wenn nötig, aber du wirst dein Geld bekommen, mein Bruder.» Im Dezember hat Chagaev dann aber gesagt, dass er erst andere Dinge regeln müsse und Tavares zur Zeit nicht bezahlen könne. Tavares hat daraufhin die Betreibung gegen Dagmara Trading eingeleitet. Chagaev versuchte derweil auf eher skurrile Art und Weise zu Geld zu kommen: er verklagt in kurzer Abfolge zwischen dem 28. Dezember und 5. Januar die Medienhäuser Ringier, Edipresse und SNP auf insgesamt 2,5 Millionen Franken Schadenersatz wegen den Artikeln, die über ihn publiziert worden waren. Mittlerweile hat Chagaev diese Klagen wieder zurückgezogen.

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Kommentare  

 
#2 2012-03-27 00:41
@Malo - die Indizien sind die privaten Transaktionen von BC im gleichen Zeitraum, und auch seine privaten Vermögenswerte - Xamax funktionierte in dieser Zeit nie wirklich - das Ende kam durch eine Mischung von Desinteresse, chaotischem Management und gekränktem Stolz. BC hat sich wohl kaum mit Kadyrov angelegt. Kadyrov hat BC vielmehr eine Zeit lang benutzt, und dann wieder fallen gelassen, wie er es schon mit Hunderten anderen gemacht hat.
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#1 2012-03-24 22:26
Ein weiterer interessante Bericht. Nur ist für mich absolut unverständlich, welche Indizien genau dafür sprechen sollen, dass BC genug Geld gehabt hätte um Xamax weiter zu finanzieren.

Ich gehe davon aus, dass Xamax einigermassen funktionierte und Bulat Geld hatte, bis er sich dann mit den Kadyrov anlegte und bei Terek rausgeschmissen wurde. Da begann der Niedergang und am Schluss war kein Geld mehr vorhanden.
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