
Auge um Auge |
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Die Ultras, die eingefleischten Fans, haben die Stadien in der Schweiz belebt. Doch in jüngster Zeit sind sie auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Die Schweiz ist ein glückliches Land. Sie leistet sich eine Diskussion über Fangewalt, die etwa in Polen, Griechenland und Argentinien mit einem müden Lächeln quittiert werden würde. Oder auch in Serbien. Dort bilden Ultra-Gruppierungen von Roter Stern und Partizan Belgrad kriminelle Vereinigungen. Ihre Mitglieder sind Teil einer faschistischen Bewegung, die für die Kriegsverbrecher Radovan Karadžić und Ratko Mladić auf die Strasse geht. Kurvengänger greifen die Gay-Parade in Belgrad an und liefern sich Scharmützel mit KFOR-Soldaten an der Grenze zu Kosovo. Im Vergleich dazu sind die Verhältnisse in der Schweiz mit wenigen Ausnahmen friedlich. Trotzdem hat der Staat die rund 800 Ultras und 200 Hooligans zum Problem der inneren Sicherheit erklärt. Das sogenannte Hooligangesetz, zwei Jahre vor der EM 2008 in Kraft getreten und seit 2009 als interkantonales Konkordat weitergeführt, sieht im Fussballfan eine Gefahr für die demokratische Ordnung. Wettrüsten der Rat- und Fantasielosen Das ist eine verzerrte Sicht der Realität, hat jedoch Folgen. Das Gesetz hat nämlich eine Aufrüstungsspirale auf allen Seiten in Gang gesetzt. Nach jedem Vorkommnis überbieten sich Politiker mit Vorschlägen für Massnahmen, die noch mehr Härte und noch mehr Effizienz versprechen: Nach den Fackelwürfen von FCZ-Ultras am letzten Zürcher Derby forderte Stadtrat Gerold Bührer, dass ein Spiel abzubrechen sei, sobald Pyros gezündet wird, und zwar unabhängig davon, ob sie als Stimmungsmittel oder als Waffe eingesetzt werden. Bührer kaschierte damit lediglich seine eigene Ratlosigkeit und Ohnmacht. Die meisten Medien nehmen solche Vorschläge willfährig auf und drehen so mit an der Repressionsschraube. Mangels Zugang zur Szene wegen der Verweigerungshaltung der Ultras bleibt ihnen wenig anderes übrig, als Polizeicommuniqués abzuschreiben oder Politikern eine Plattform zu bieten. Die Ultras selber reagieren auf diese Entwicklung weitgehend mit Fantasielosigkeit. Seit einiger Zeit sieht man auf Fanmärschen vermehrt Vermummte mit Sturmhauben. Was als Schutz der eigenen Identität gerechtfertigt wird, erweckt den Eindruck steigender Gewaltbereitschaft. Die Polizei wird faktisch eingeladen, Tränengas und Wasserwerfer schneller einzusetzen – was die Gegenseite wiederum zum Anlass für die weitere Aufrüstung nimmt. Sie wirft Journalisten aus ihren Extrazügen, diffamiert Hardliner auf Transparenten («Banause» für den Berner Sicherheitsdirektor Nause) und unterbietet das Niveau von Medienschaffenden, die sich um Persönlichkeitsrechte scheren: Als der «Blick» nach dem Unfall mit einer Knallpetarde in der Südkurve beim Europacupspiel in Rom eine tagelange Kampagne gegen einen FCZ-Fan fuhr, veröffentlichten Ultras die Namen und Telefonnummern von «Blick»-Journalisten auf Flyern. Ein Journalist wurde als «stadtbekannter Kinderschänder» bezeichnet. Keine Unterstützung von links Mit Ausnahme von ein paar Bloggern, Sozialarbeitern und wenigen aufgeschlossenen Vereinsfunktionären werden die Ultras von niemandem unterstützt. Sie stehen einer Mauer der Ablehnung gegenüber. Dabei müssten eigentlich wenigstens linke Politiker Sympathie für die Ultra-Bewegung haben, ist doch das Interesse der Linken für Subkulturen traditionell hoch. Doch entweder schweigt die Linke, oder einzelne Exponenten wie die Nationalräte Daniel Jositsch und Chantal Galladé schwimmen im Fahrwasser der Repression mit. Warum ist das so? Die Ultra-Kultur gelangte in den frühen 90er-Jahren aus Italien über die Eishockeyfankurven in Lugano und Ambri-Piotta in die Deutschschweiz. Bis zum Zeitpunkt, als die Schweiz (zusammen mit Österreich) den Zuschlag für die EM 2008 erhielt, entwickelte sich in den Fussballkurven eine Form des Supports, der für die Schweiz neu war: Choreografien, Doppelhalter, bengalische Fackeln, reiches Liedgut. Diese Ausdrucksformen grosser Leidenschaft für den eigenen Verein waren damals auch in Kreisen gern gesehen, die heute die Ultras bekämpfen: Der bald 15 Jahre alte Satz von Beni Thurnheer anlässlich eines Spiels in Basel, mit den bengalischen Fackeln habe in der Schweiz südländische Stimmung Einzug gehalten, wird heute in Fan-Foren immer wieder in Erinnerung gerufen, wenn die Pyro-Diskussion hysterische Züge annimmt. Auseinandersetzungen zwischen Ultra-Gruppierungen gegnerischer Vereine gab es bereits damals. Doch sie standen nicht im Vordergrund. Nach aussen wirkten die Kurven bis in die Mitte der 2000er-Jahre weniger als Kampfverband, sondern als Protestbewegung gegen die Kommerzialisierung im Fussball: Man forderte einheitliche Anspielzeiten, weil das Fernsehen den Spielplan diktierte. Man protestierte gegen Stadionverbote, weil diese willkürlich ausgesprochen wurden. Und man setzte sich dafür ein, dass die Kurve ein autonomer Raum bleiben konnte, den man selber gestalten wollte. Charme des Untergrunds Auf diese Weise knüpften die Schweizer Ultras an ihre historischen Vorbilder aus Italien an: Dort hatte ein Teil der Studentenbewegung Ende der 60er-Jahre das Stadion als Ort entdeckt, wo man sich von einer Aura des Widerstandes umgeben fühlte. Die Jugend von 68 verzichtete aus Enttäuschung über die unerfüllten Erwartungen darauf, das ganze Land umgestalten zu wollen. Stattdessen schuf sie sich mit der Kurve einen kleinen Raum, der zum Symbol für ihre Andersartigkeit wurde. Mit den ersten Ultras kamen auch die Stilmittel und Symbole der Studentendemonstrationen ins Stadion: Transparente, Megafone, dieselben Lieder, später Choreografien und Pyrotechnik. Ohne die Ultras würde heute in den Schweizer Stadien eine triste Atmosphäre herrschen. Und ohne sie würde ein Verein wie der FCZ kaum zwei Millionen Umsatz mit dem Verkauf von Fanartikeln machen. Der FCZ hat seine Kleiderlinie an den Ultra-Stil in der Südkurve angelehnt, wie die «WoZ» kürzlich aufzeigte. Die Kleider versprühen gleichzeitig den Charme von Hipness und von Untergrund, was beim jungen Publikum offensichtlich gut ankommt. Die Gewalteruption am 13. Mai 2006 in Basel und die Fehde zwischen FCZ- und GC-Fans haben allerdings eine Seite der Ultra-Bewegung offengelegt, mit der sie sich viele Sympathien verspielte. Sowohl in Basel wie auch in der Fehde spielte Pyro eine Rolle: Ein Basler Anhänger warf eine brennende Fackel auf den FCZ-Meistertorschützen Julian Filipescu. Und im letzten Zürcher Derby griffen zwei FCZ-Fans mit Bengalen zur Selbstjustiz, nachdem ihnen GC-Anhänger die gestohlenen Fan-Utensilien präsentiert hatten. Doch in beiden Fällen ging es nicht in erster Linie um Pyros, so wie es in der gesamten Gewaltdiskussion im Schweizer Fussball nicht um sie geht. Pyros sind lediglich das Symbol der Auseinandersetzung: Die Ultras halten daran fest, weil sie sich ihre Autonomie nicht beschneiden lassen wollen. Politiker und Funktionäre dagegen wollen das Verbot durchsetzen, weil das Feuer gelöscht werden soll. Ihr Ziel ist, die Ultra-Kultur insgesamt zu zerstören. Fankultur mit totalitären Zügen Dass sie dabei kaum kritisiert werden, ist nicht verwunderlich. Ultra-Gruppierungen pflegen nämlich eine Form von Männlichkeit, für die sich kein ernst zu nehmender Politiker einsetzen wird. Die Gewalteruption in Basel hatte ihre Ursache in einem archaischen Rachebedürfnis: FCB-Fans wollten die Schmach der spät verlorenen Meisterschaft tilgen. In der Fehde in Zürich geht es um die Vorherrschaft in der Stadt, die die Ultras beider Seiten sehr wörtlich nehmen: Sie schrecken nicht zurück vor Schlägereien in der Freizeit, Überfällen, Entführungen und als jüngste Episode eben vor Fackelwürfen in Menschenmengen. Fussballfankultur dieser Art hat totalitäre Züge: Die eigenen Farben und die eigene Gruppe werden über alles gestellt, selbst über das Recht des Gegners auf körperliche Unversehrtheit. Die Fackelwürfe im Letzigrund haben die Ultras selber erschreckt. Die besonnenen Köpfe unter ihnen wollen zum «ehrlichen Kampf» zurückkehren: ohne Waffen, nur mit Fäusten. Wie sie das anstellen, wissen sie selber nicht. Bild: Josef Gruber |
Er ist eine deutsche Fernsehlegende mit Kultstatus. Im Interview mit kurzpass.ch rechnet Waldemar Hartmann mit der ARD ab, spricht über die Steueraffäre um Uli Hoeness und lobt seine Wahlheimat Chur.
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Kommentare
Finde den text gesamt sehr gut bis auf den letzen Satz da bekommt man das Gefühl das alle Schläger seien
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