PRESENTED BY

Der Untergang

Von der Deutschschweiz unbemerkt, ereignete sich letztes Jahr der tiefste Fall eines Traditionsklubs der neueren Schweizer Fussballgeschichte. Im FC La Chaux-de-Fonds träumte man den Traum vom Fliegen – und ist hart gelandet.

Nostalgie hilft gegen den Schmerz. Und der sitzt tief, immer noch. Zumal der endgültige Schlussstrich unter dieses verfluchte Jahr erst am 16. September gezogen werden konnte. Gemeint ist die Saison 2009/10, das Jahr eins nach dem Zwangsabstieg aus der Challenge League in die fünfthöchste Spielklasse. Doch ab nun soll der Blick wieder nach vorne gerichtet werden. Präsident Raffaele Lieta klammert sich an sein Positionspapier und versucht mit fester Stimme Optimismus zu verbreiten. Es ist ebendieser 16. September, der Tag der Generalversammlung des FC La Chaux-de-Fonds, gekommen sind etwa dreissig Mitarbeiter und Sympathisanten des Klubs – die erste Mannschaft eingerechnet.

Ziel ist der Aufstieg in die 2. Liga

Auf absehbare Zeit wird der dreimalige Schweizer Meister und sechsfache Cupsieger La Chaux-de-Fonds keine Rolle mehr im nationalen Fussball spielen. Lieta, ein gross gewachsener, schlanker Endfünfziger, dessen vollständig ergrautes Haar nicht so recht zu seinen immer noch feurig schwarzen Augenbrauen passen will, ist seit 25 Jahren im Verein engagiert und war schon zu Challenge-League-Zeiten Präsident. Er ist sich der Schwierigkeiten bewusst, zeigt sich aber dennoch unbeeindruckt. «Klar wollen wir so schnell wie möglich wieder hoch, in die 1. Liga, in die Challenge League oder sogar in die Super League. Aber das braucht natürlich Zeit.» Das Ziel für diese Saison ist der Aufstieg in die 2. Liga interregional, erreicht werden soll dies mit einer Truppe, die vor allem aus Junioren besteht. Doch auch bei allfälligen Rückschlägen will man nicht vom eingeschlagenen Weg abweichen. «Wir wollen die Karte Jugend spielen und nicht links und rechts erfahrene Spieler zusammensammeln. Unsere Junioren sollen sehen, dass sie reelle Chancen haben, in der ersten Mannschaft auch auf einem höheren Niveau zu spielen. Und sie sollen einen Hunger auf dieses höhere Niveau entwickeln.»

Bis jetzt scheint der Plan aufzugehen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten grüsst der FCC nach sieben Spieltagen von der Tabellenspitze. Etwas weniger gut passt allerdings, dass nur eine Woche nach der GV mit Kevin Bone (18, Locarno) und Yassine El-Allaoui (25, aus der zweiten zypriotischen Liga) zwei neue Stürmer verpflichtet wurden, die den eigenen Junioren nun vor der Sonne stehen dürften. Möglich wurde dies durch eine wundersame Aufblähung des Budgets. Im Gespräch vor der Generalversammlung nannte Lieta einen Betrag von 150 000 bis 160 000 Franken, auf Rückfrage bestätigte er ihn. Zwei Tage später trifft eine E-Mail in der ZWÖLF-Redaktion ein, in der höflicher Dank für das Interesse am FC La Chaux-de-Fonds geäussert und die Angabe zum Budget auf 340 000 Franken nach oben korrigiert wird. Diese Episode zeigt, dass die Lage beim Klub nach wie vor etwas unübersichtlich ist.

Sponsoren wurden vertrieben

Ob das Geld sinnvoll investiert wurde, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. El-Allaoui wurde in seiner Zeit beim FC Schweinfurt 05 zwar Ballgewandtheit attestiert, dafür soll er mit dem körperbetonten Spiel in der Bayer-nliga seine Probleme gehabt haben. Bekannt geworden ist er aber vor allem dadurch, dass er nach einem Spiel seinen Ersatzgoalie spitalreif schlug. Solche Ausfälle sind im Neuenburger Jura allerdings nicht unbekannt. Wenn man nach einem symbolhaften Beginn der Abwärtsspirale des FC La Chaux-de-Fonds sucht, dann bietet sich der 6. März 2008 an. An diesem Tag liess sich der damalige FCC-Trainer Vittorio Bevilacqua zu einer Ohrfeige an seinem Spieler Alexandre Barroso hinreissen – er soll ihm gar mit dem Tod gedroht haben. Im Klub folgten Chaostage. Als zunächst am Trainer festgehalten wurde, traten die Spieler in den Streik – erst jetzt musste der Coach gehen. Dieser Vorfall stellte dem Präsidenten des Vereins, Antonio Tacconi, kein gutes Zeugnis aus. Die Presse bezeichnet den Italiener im Nachhinein als einen unfähigen Kommunikator, als einen, der die Menschen gespalten, nicht geeint habe. Tacconi hatte sich ab 2003 an der Finanzierung der ersten Mannschaft beteiligt, wurde bald Mehrheitsaktionär und war ab 2007 Präsident. Er hegte hochfliegende Immobilienpläne im Bereich des Stadions La Charriere und leitete nun – als Investor – die Geschicke der FCC SA. Diese Aktiengesellschaft war losgekoppelt vom Rest des Vereins und für die Finanzierung der ersten Mannschaft zuständig.

Für einen kurzen Moment schien dem FC La Chaux-de-Fonds eine rosige Zukunft bevorzustehen. Pläne für eine Totalsanierung des Stadions wurden gemacht. Tacconi stemmte die Kos-ten für die erste Mannschaft quasi im Alleingang. Doch genau das stellte sich im Nachhinein als Problem dar. Durch diese Monokultur wurde der Verein auf eine schmale Basis gestellt. Andere potenzielle Sponsoren seien regelrecht «vertrieben» worden, bemängelten die Kritiker. Der Verein hatte sich in die Hände eines Mannes begeben, der die meiste Zeit unerreichbar war, irgendwo in der Nähe von Rom lebte und den nur monetäre Interessen mit dem Klub verbanden. So besassen zwei Wochen vor Beginn der Challenge-League-Saison 2008/09 keine elf Spieler einen gültigen Vertrag. Auf FCC-nahen Internet-foren wurde der Unmut grösser. Tacconi wurde zwar nicht direkt angegriffen, es war aber die Rede von «den Leuten, die namentlich nicht genannt werden, aber wissen, wer damit gemeint ist».

Der Ton wurde ruppiger

Die Befürchtungen, mit Tacconi ein zu grosses Risiko eingegangen zu sein, bestätigten sich vollends, als die Swiss Football League der FCC SA von Tacconi im Frühling 2009 die Lizenz verweigerte, unter anderem wegen fehlender Juniorenabteilungen. Tacconis Immobilienpläne hatten sich mittlerweile aber zerschlagen, und der Italiener hatte die Lust am Fussballgeschäft verloren. Tacconi zerstritt sich mit dem Rest des Vereins, der als FCC Association zeichnete. Dann folgte der Eklat: Tacconi zog den Rekurs gegen den Lizenz-entzug zurück und machte damit den Zwangsabstieg in die 1. Liga unvermeidlich, verkündete zugleich aber auch, dass die SA keine Mannschaft für die 1. Liga einschreiben werde, solange er Aktionär und Präsident sei. Der Ton wurde ruppiger, Tacconi wurde beschuldigt, «das Copyright auf Inkompetenz und Arroganz in dieser ganzen Sache zu haben». Die FCC Association befand sich nun zwischen den Fronten: auf der einen Seite die SA, die die von der SFL beanstandeten Probleme nicht lösen konnte bzw. wollte; auf der anderen die Football League, die nur die SA als Ansprechpartnerin sah. Zwischenzeitlich wusste Association-Präsident Lieta im Sommer 2009 nicht einmal, für welche Liga Tacconi den FC La Chaux-de-Fonds angemeldet hatte. In seiner Verzweiflung bemühte man sogar das Internationale Sportgericht. Freddy Rumo, Anwalt und früher selber mal Nationalliga-Präsident, sollte den Ligaerhalt gegen die Football League erstreiten, blitzte aber ab. Die Bienen, wie der Klub aufgrund des eigentümlichen Bienenstocks im Stadtwappen auch genannt wird, standen vor dem Nichts. Durch den Rückzug Tacconis und die Auflösung der SA drohte gar der freie Fall in die 4. Liga. Lieta gelang es wenigstens, in intensiven Gesprächen mit dem Neuenburger Fussballverband einen Platz für den FCC in der 2. Liga zu ergattern. Da auch die SFL nichts dagegen einzuwenden hatte, stand dem Neustart in der höchsten regionalen Liga nichts mehr im Wege. Dadurch konnten die Juniorenabteilungen und die Infrastruktur des Vereins vor der Auflösung gerettet werden. Das Durchatmen muss durch das ganze Tal hörbar gewesen sein. Trotzdem lässt sich unschwer erahnen, dass der Sommer 2009 an nicht wenigen von Lietas grauen Haaren Schuld trägt.

«Ahh, les italiens...»

Was ist denn nun die Quintessenz der ganzen Angelegenheit? Obwohl die Geschichte des Klubs stark geprägt ist von Ausländern, gerade auch von Italienern, ist man auf selbige nicht mehr gut zu sprechen. Auf der offiziellen Fan-Homepage wird unter Tacconis Porträt eindringlich dazu aufgerufen, nicht zu vergessen, dass «dieser Mann den Verein zerstört hat». Ein geseufztes «Ahhh, les italiens…» hört man auch im «Fairplay», einer Bar im Herzen der Stadt, die vom ehemaligen FCC-Spieler Willy Kernen gegründet und so benannt wurde, weil er in seiner Karriere keine einzige Gelbe Karte bekommen hatte. Doch Kernen ist Legende, und mittlerweile versammeln sich dort nur noch einige enttäuschte Ex-Vereinsmitglieder, die sich von Tacconi und seinen Gefährten mehr Fairplay erhofft hatten. Ein Hauch von Italianità ist jedoch geblieben – die Generalversammlung findet nur ein paar Gehminuten von Kernens Bar in der Trattoria Toscana statt. Dort steht Vereinspräsident Lieta (übrigens selber ein Schweizer italienischer Abstammung) noch immer vor den Mitgliedern und formuliert die neuen Ziele. Der Klub soll breiter abgestützt werden, mit zahlreichen Sponsoren und lokal ansässigen Firmen wie Wilkinson oder Energizer. «Die Zeit der Mäzene ist vorbei.» Die Sponsorenbeiträge sollen auch im Fall eines Aufstiegs nicht erhöht werden – so will man Vertrauen zurückgewinnen.

Mittelfristig wieder in der NLB

Sosehr die Geschichte den Niedergängen zahlreicher anderer Klubs gleicht, die zu sehr auf eine Figur setzten, gibt es doch einen Unterschied. Während in anderen Vereinen die Ungeduld im Umfeld zu Unvorsichtigkeiten verleitete, beklagt Lieta nun eher ein gewisses Desinteresse. «Es ist ein bisschen speziell hier. Die Chaux-de-Fonniers sind begeisterungsfähig, wenn es läuft. Wenn nicht, dann…» Lieta bricht ab und versucht es erneut. «Auf der einen Seite ist es zwar gar nicht so schlecht, nicht so sehr im Fokus zu stehen; wir haben genug Zeit, um ungestört etwas aufzubauen. Andererseits braucht es aber doch auch einen gewissen Druck von aussen, um genügend Energien freizusetzen und Kreativität zu entwickeln.» Um wieder auf die Beine zu kommen, soll eine Kooperation mit dem FC Le Locle helfen, die ebenfalls Mitte September unterzeichnet wurde. Vorgesehen ist, dass der FC La Chaux-de-Fonds dabei die Rolle des Seniorpartners einnimmt – man sieht sich mittelfristig in der 1. Liga oder der Challenge League, während Le Locle in der 2. bzw. 1. Liga verortet wird. Auch eine Übereinkunft mit dem grossen Bruder Xamax wird angestrebt, liegt aber noch in der Schwebe. Im Kanton bedauert man das mangelnde Interesse der Hauptstädter am regionalen Fussball. An dieser Stelle sei nur die Weigerung des Super-League-Klubs erwähnt, dem 2.-Ligisten Béroche-Gorgier für das Cupspiel gegen GC für 150 Franken einen Matchball zu spendieren. In der Region wird dies als weiterer Beweis dafür gesehen, dass Xamax sich mehr und mehr dem lokalen Fussball entfremdet. Man darf also gespannt sein, was die Zukunft bringen wird und wie lange es dauert, bis «La Tchaux» zumindest im überregionalen Fussball wieder eine Rolle spielt. Bis dahin ist der Verein der am schlechtesten klassierte ehemalige Schweizer Meister überhaupt. Den Fans bleibt nur die Erinnerung an grosse Spielernamen wie Kernen, Allemann, Csernai, Jeandupeux oder Alphonse. Und der Gang in die Patinoire – nicht zum HC La Chaux-de-Fonds, sondern zu den dort veranstalteten «Soirées Nostalgie» des FC La Chaux-de-Fonds.

Bild: Andreas Eggler

Das grosse La Chaux-de-Fonds

Der Aufstieg des FC La Chaux-de-Fonds zu einem Spitzenklub im Schweizer Fussball fällt mit der Hausse der Uhrenindustrie im Jura zusammen. In der Uhrenmetropole La Chaux-de-Fonds waren stets Unternehmen aus der Branche bereit, den Spitzenfussball in der Kleinstadt finanziell zu fördern. So wurde der FC La Chaux-de-Fonds in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zum Mass der Dinge im Schweizer Fussball: Dreimal wurde er Meister, sechsmal Cupsieger. Die etwas exponierte Lage des Stadions La Charrière auf 1000 Metern über Meer erwies sich auf europäischem Parkett als nützlich: Die Spieler von Benfica Lissabon sollen in der eisigen Novemberkälte anno 1964 wie gelähmt gewesen sein, ausserdem rangen sie in der Höhenluft um Atem. Das Spiel endete 1:1. Als finanzstarker Klub konnte der FC La Chaux-de-Fonds einheimische Talente wie Charles «Kiki» Antenen oder Willi Kernen im Klub halten. Beide debütierten übrigens vor ihrem 16. Geburtstag in der ersten Mannschaft und wurden später zu Legenden der Schweizer Nati. Antenen ist überdies der einzige Schweizer Fussballer, der an drei WM-Endrunden teilnahm. Die finanziellen Mittel erlaubten es auch, internationale Stars wie den Genfer André «Trello» Abegglen in den garstigen Neuenburger Jura lotsen. Dieser war Torschützenkönig in Frankreich und mit Sochaux zweifacher Meister. Spielertrainer Abegglen kam 1944 bei einem Zugunglück ums Leben, als die Mannschaft des FC La Chaux-de-Fonds von einem Spiel im Tessin zurückkehrte. Ab den Sechzigerahren ging es mit der Uhrenindustrie im Jura bergab. Dies war auch das Ende der glorreichen Zeiten des FC La Chaux-de-Fonds. Ausserdem wandten sich Zuschauer und Geldgeber zunehmend dem örtlichen Eishockeyklub zu.

Anzeige
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

ZWÖLF ABONNIEREN

Das neue ZWÖLF-Heft ist jetzt am Kiosk!
Oder bestellen Sie gleich hier ein Abo.

LESENSWERT

Seit zehn Jahren kaum zu stoppen

Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.

Werbung

LESER EMPFEHLEN

FACEBOOK & TWITTER

WEITERE ZWÖLF-ARTIKEL

  • Die Pishyar-Falle Die Pishyar-Falle
    Er versprach den Schnee in die Wüste zu bringen und Servette in die Champions League: Doch mit Majid Pishyar geraten Vereine und Firmen in Existenznot. Nach dem stets gleichen Muster.
  • Milito! Tévez! Neymar! Milito! Tévez! Neymar!
    Ihr Ruf ist schlecht, doch mit den Stars sind sie auf Du und Du: die Spielervermittler. Eintauchen in eine Welt voller Abenteuer und verpasster Chancen. Mit zwei renommierten Vertretern.
  • «Ich bin mehr der Cervelat-Typ» «Ich bin mehr der Cervelat-Typ»
    Spätzünder, Sündenbock, Publikumsliebling: Die treue Seele Marc Zellweger war in seiner langen Karriere schon vieles. Ein sehr entspanntes Gespräch über lukrative, eindeutige und ausgebliebene Angebote.