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«Natürlich ist die Schweiz meine Heimat»

Zdravko Kuzmanović hat hierzulande viel Kredit verspielt. Im Interview mit dem Magazin ZWÖLF erklärt er sich. Ein Gespräch über den Entscheid für Serbien, aber auch über zornige Tifosi, Hierarchien und Adrian Mutu.

Der Schweiz-Kroate Mario Gavranović von Schalke 04 hat sich in diesem Jahr entschieden, für die Schweizer Nationalmannschaft zu spielen. Warum hast du dich gegen die Schweiz und für dein Vaterland Serbien entschieden?

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und habe meine gesamte Jugend hier verbracht. Schlussendlich war es für mich eine Herzensangelegenheit, weil meine ganze Familie aus Serbien stammt. Für mich war es ein Traum, als mir die serbische Nationalmannschaft ein Angebot machte. Es war überhaupt keine einfache Entscheidung, aber dieser Entschluss war sehr gut überlegt. Ich habe mich nicht von einem Tag auf den anderen entschieden, sondern habe mir sehr viel Zeit gelassen. Mit dem serbischen Verband stand ich ohnehin schon lange in Kontakt, während die Schweizer gar nichts unternahmen. Ich hatte lange die Hoffnung, dass auch vonseiten des Schweizer Verbands ein Angebot kommen würde, dies blieb aber aus. Ich wollte mich auch nicht aufdrängen, etwa indem ich den Serben gegenüber behauptet hätte, auch die Schweizer hätten mir ein Angebot gemacht. Trotz der langen Überlegungszeit kann ich nun sagen, dass ich mich schliesslich mit voller Überzeugung für die serbische Auswahl entschieden habe.

Du würdest also sagen, dass du dich eventuell anders entschieden hättest, wenn die Schweizer eher reagiert hätten?

Während dieser Zeit war ich beim FC Basel immer Stammspieler. Da hätte ich schon erwartet, dass ich das Interesse der Schweizer zu spüren bekomme. Dies war wie gesagt nicht der Fall. Alles andere stand in der Folge gar nicht zur Debatte.

Welche Rolle spielte bei diesem Entscheid für Serbien und gegen die Schweiz dein Elternhaus?

Meine Eltern haben keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt. Sie liessen mir freie Wahl bei diesem wichtigen Entscheid. Ich war völlig unvoreingenommen und hatte auch noch keine Tendenz. Serbien war einfach schneller, die Schweizer reagierten erst, als sie wussten, dass die Serben an mir interessiert waren. Das war für mich einfach zu spät!

Wie reagierten deine Klubkameraden auf deinen Entscheid?

Ich war ja damals schon in Florenz und damit weit weg vom FC Basel und der Schweiz, wo das eher zu einem Thema geworden wäre. Für die Teamkollegen in Italien spielte es überhaupt keine Rolle, ob ich jetzt für die Schweiz oder für Serbien auflaufen würde.

Gab es auch keine negativen Reaktionen von deinen Schweizer Kollegen?

Nein, überhaupt nicht! Das war mein Entscheid, und ich wollte das ganz alleine bestimmen. Das müssen nicht andere für mich übernehmen. Das wurde auch so akzeptiert. Ich denke, ich habe alles richtig gemacht und diesen wichtigen Schritt niemals bereut.

Doppelbürger stehen ja oft zwischen zwei Kulturen. Wie ist das bei dir? Was bezeichnest du als deine Heimat?

Natürlich ist die Schweiz meine Heimat. Ich habe immer hier gelebt und habe ein Haus in der Schweiz, in dem ich noch immer teilweise lebe. Ein Teil meiner Familie lebt in Serbien, meine Eltern und meine Schwester in der Schweiz, wobei mein Vater auch viel Zeit in seiner Heimat verbringt. Ich versuche, beiden Seiten möglichst gerecht zu werden.

Du würdest also deine Heimat als zweigeteilt ansehen?

Absolut! Ich habe immer noch viele Freunde in der Schweiz, vor allem in Basel. Zum Glück ist es nun, da ich in Stuttgart spiele, auch möglich, diese regelmässig zu besuchen. Die Distanz ist ja wirklich nicht gerade gross.

Deine Schweizer Vergangenheit hat dich sicher geprägt. Was würdest du an dir als typisch schweizerisch bezeichnen?

Ich bin pünktlich und ehrgeizig. Diese Schweizer Mentalität hat mir sehr viel geholfen auf meinem ganzen Weg. Dagegen ist mein Temperament natürlich ganz klar serbisch, was schlussendlich eine ganz gute Mischung ergibt.

Fussballer ist für viele ein Traumberuf, du hast es bis dahin gebracht. Was würdest du eigentlich machen, wenn du nicht Profi geworden wärst?

Keine Ahnung. Wirklich nicht die leiseste Ahnung. Ich habe von Anfang an auf die Karte Fussball gesetzt, und das hat sich ausbezahlt. Etwas anderes hätte ich mir gar nicht vorstellen können. Ich war in der Schule nicht gut und hätte damit auch nicht die besten Voraussetzungen gehabt, einen befriedigenden Beruf zu finden.

Du sprichst das Wort Schule an. Du hast die YB-Tagesschule absolviert?

(Lacht.) Ja, so nebenbei!

Wieso «so nebenbei»? Ist die YB-Tagesschule kein gutes Instrument zur Förderung des Nachwuchses?

Die Idee an sich ist sogar sehr gut. Aber die langen Reisewege sind für einen jungen Spieler alles andere als vorteilhaft. Ich zum Beispiel musste jeden Tag um sechs Uhr aufstehen und kam dann erst um zirka elf Uhr abends nach einem langen, anstrengenden Tag wieder nach Hause. Natürlich hätte ich daraufhin noch Hausaufgaben machen müssen. Aber das wurde dann doch zu viel. Als damals 14-Jähriger war das schlicht zu hart. Es war eine gute Erfahrung, aber schlussendlich war das wahrlich nicht optimal gelöst.

In solchen Situationen muss man dann auf die Unterstützung von anderen Personen zählen können. Wer hat dich am meisten bei deiner Karriere unterstützt?

Ganz klar meine Familie und vor allem mein Vater. Die waren immer und überall für mich da. Seit vier Jahren unterstützt mich auch mein Manager Marko Naletilić. Er hält mir immer den Rücken frei und unterstützt mich in allen möglichen Belangen.

Mit Stuttgart hast du eine sehr schwierige Saison durchgemacht. Da ist es sehr wichtig, auch einmal vom Fussball Abstand zu gewinnen. Wie gelingt dir das?

Ich gehe nach Hause zu meiner Freundin und versuche dort, ein wenig abzuschalten. Mittlerweile gelingt es mir deutlich besser, vom Fussball Abstand zu nehmen. Ich habe trotz meines jungen Alters schon relativ viel erlebt, diese Erfahrungen helfen mir sehr dabei. Klar macht man sich dann so seine Gedanken über die eigene Leistung, wenn diese nicht den eigenen Ansprüchen entspricht. Das kann einen an gewissen Tagen doch sehr beschäftigen, aber zu Hause in der eigenen Wohnung geht das dann meistens schon wieder.

Bei schlechten Leistungen sparen auch die Medien nicht mit Kritik, in Italien und Deutschland wohl noch ausgeprägter als hierzulande.

Damit habe ich keine Probleme. Es ist mir sogar mehrheitlich egal. Eigentlich motiviert mich diese Kritik meistens zusätzlich. Je härter ich kritisiert werde, desto besser spiele ich. Gleiches gilt für die Zuschauer im Stadion. Du wirst es nie 40 000 Zuschauern recht machen können. Also muss man damit umgehen können, dass es auch negative Reaktionen von der Tribüne geben kann.

Du kamst als 20-Jähriger zur Fiorentina, einer Mannschaft mit einigen grossen Stars in ihren Reihen. Was war deine Stellung innerhalb der Mannschaft?

Ich hatte zwar am Anfang ein wenig Probleme, weil ich die Sprache nicht beherrschte. Darauf hatte ich mich aber eingestellt. Auf dem Platz konnte ich meine Leistung jedoch glücklicherweise stets abrufen. So konnte ich mich schnell durchsetzen und spielte fast jedes Spiel von Anfang an. In den zweieinhalb Jahren dort konnte ich unglaublich viel lernen. Mit der Zeit hatte ich dann auch einen gewissen Stellenwert innerhalb der Mannschaft.

Wie hast du die als heissblütig geltenden Tifosi erlebt?

Ich habe sehr unterschiedliche Reaktionen erlebt. Nach guten Leistungen wurde man sehr positiv auf der Strasse angesprochen. Bei schlechten Darbietungen verlangten viele Erklärungen für die nicht zufriedenstellenden Ergebnisse. Das ist hier in Deutschland sehr unterschiedlich. Hier lassen dich die Menschen grösstenteils in Ruhe, wenn du privat unterwegs bist. In Italien gilt dies nicht.

Gab es auch sehr unerfreuliche Begegnungen?

Angegriffen wurde ich nie. Es gab aber mal eine Szene, als wir zwei Niederlagen in Folge hatten einstecken müssen und beim Essen von ein paar Fans aufgefordert wurden, nach Hause zu gehen. Mir machte das aber nicht viel aus, weil ich ein ziemlich sturer Typ bin. Solche Vorkommnisse habe ich in der Folge einfach ausgeblendet und mich besser auf den Fussball konzentriert.

Wie muss man sich eigentlich die Freundschaften innerhalb der Mannschaft vorstellen?

Wir sind in einem Geschäft, bei dem es um sehr viel Geld geht. Auf dem Platz gibt jeder dementsprechend hundert Prozent oder manchmal noch mehr. Aber mit jedem wirst du nicht auskommen können, wie das überall im Leben auch so ist. Du hast in der Garderobe vielleicht zwei bis drei Freunde. Auf dem Platz aber muss die Mannschaft geschlossen auftreten können, und jeder Spieler muss seine Aufgaben erledigen. Jeder muss sich rein auf das Spiel fokussieren, persönliche Befindlichkeiten dürfen keine Rolle spielen. Dass nicht alle beste Freunde sind, ist ja auch logisch. Vielleicht hat man ja sogar drei bis vier Spieler als direkte Konkurrenten auf der eigenen Position.

Gibt es da Unterschiede zwischen Bundesliga und der Serie A?

Ganz einfach: In Italien ist es viel brutaler!

Als Neuling in Italien wurdest du also jeweils dazu verdonnert, das Tor zu tragen und Bälle zu pumpen?

(Lacht.) Das macht man überall! In Italien ist die Hierarchie einfach viel wichtiger als in anderen Ligen. Wer zum Beispiel 100 Serie-A-Spiele auf dem Buckel hat, ist viel anerkannter und respektierter als ein junger Profi. Und diesen Unterschied bekommt man in Italien viel deutlicher zu spüren als in anderen Ländern.

In Florenz hast du mit dem Rumänen Adrian Mutu gespielt, der wohl aktuell grössten Skandalnudel im Weltfussball. Wie kamst du mit ihm klar?

Er kann nur so gute Leistungen bringen, weil er gegen aussen so unnahbar wirkt. Mutu ist sehr aggressiv und kann ein Spiel ohne Probleme alleine entscheiden. Aber ja, es ist wirklich ein verrückter Typ! Ich habe mit ihm zusammengespielt und halte ihn für einen absoluten Weltklassespieler. Die privaten Sachen sind halt dann immer so eine eigene Geschichte. Weil er eben so richtig berühmt ist, versuchen die Journalisten natürlich stets, ein Skandälchen aufzudecken. Das macht es ihm bestimmt nicht einfacher, sein Image zu verbessern.

Was hast du denn Verrücktes mit ihm erlebt?

Ich habe mit ihm zusammen sehr viel erlebt. Das möchte ich jedoch nicht mit der Öffentlichkeit teilen. Wenn er will, kann er gewisse spannende Geschichten auspacken, aber ich möchte das nicht tun.

Seit deinem Abgang bei Fiorentina wurde Mutu wiederum positiv auf Doping getestet, 9 Monate gesperrt, später aus disziplinarischen Gründen suspendiert und wieder begnadigt. Auch bei euch in Stuttgart blieb es nicht lange ruhig. Wie hast du das Chaos nach der Entlassung von Christian Gross erlebt?

Christian Gross kam nach Stuttgart und erzielte vor allem in der Anfangsphase sehr gute Ergebnisse. Er hatte damals die Mannschaft komplett im Griff. Nach dem Absturz in der Tabelle kam es halt zur Trennung, und eine nicht einfache Phase begann. Es war nicht einfach, einen guten Trainer zu finden, doch unter Bruno Labbadia fingen wir uns wieder.

Erkennst du zwischen den beiden Trainertypen Gross und Labbadia Parallelen?

Beide Trainer sind Anhänger von langen und sehr harten Trainingssequenzen. Sie ähneln sich auch in der Eigenschaft, konsequent durchzugreifen, wenn es nötig ist. Beide halten zudem nicht stets an den gleichen Spielern fest. Nur wer in guter Form ist, darf auch spielen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Methode.

Zdravko Kuzmanović
Der Serbe mit Schweizer Wurzeln (*1987) begann seine Profikarriere 2005 beim FC Basel. Während der Winterpause 2007 wechselte der damalige Schweizer U-21-Nationalspieler für 3 Millionen Euro zur AC Fiorentina. Dort konnte sich der Mittelfeldspieler schnell einen Stammplatz erkämpfen und absolvierte bis zu seinem Transfer nach Deutschland 70 Serie-A-Spiele. Für Gesprächsstoff sorgte sein Entscheid im Jahr 2007, dem Schweizer Verband den Rücken zu kehren und für die serbische Nationalmannschaft zu spielen. Seit Sommer 2009 spielt der ehemalige FCB- und YB-Junior für den VfB Stuttgart. Auch dort ist er Stammspieler.

Bild: fcb.ch

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Kommentare  

 
#1 Ruedi von Steiger 2012-01-27 14:00
Ich habe Verständnis für seine Situation als Secondo und respektiere seinen Entscheid, für Serbien zu spielen. Allerdings kann ich nicht verstehen, wie er behaupten kann, der Schweizer Verband sei erst auf ihn zugekommen, als er sich für Serbien entschieden habe. Er war ja in der CH-U21-Nati und somit in ständigem Kontakt mit Leuten des SFV.
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