
Provinz-Charme und Dänen-Schalk |
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Ohne den FC Bern gäbe es YB nicht. Heute aber machen die Young Boys dem Zweitligisten im eigenen Stadion die Räume eng. So viel Tradition wie Bern hat sonst kein Zweitligist. Einen solch bekannten Trainer auch nicht: Lars Lunde ist wieder in Bern. «Gesehen habe ich ihn noch nicht», tönt es vom Tisch in der Ecke des Stadionrestaurants, «aber gehört.» Er, von dem die Rede ist, setzt sich, bestellt ein Weizenbier und – grinsend auf den Gast am Nebentisch zeigend – «ein Stück Pizza vom Teller von dem da». Er redet schnell, verschluckt Wörter, spricht mit zwei oder mehr Personen gleichzeitig, nimmt den Faden eines Gesprächs wieder auf, um wieder zu unterbrechen. Immer wieder sagt er, er habe jetzt nur noch wenig Zeit, um dann zu fragen, worüber man noch reden wolle. Er ist immer noch schnell, immer noch direkt, und er ist immer noch ein Schlitzohr. Wie damals, 1986, als er YB mit 21 Treffern zum bis heute letzten Meistertitel schoss. Lars Lunde ist wieder in Bern. Nicht im Wankdorf, sondern im Neufeldstadion, seit vier Monaten als Trainer beim FC Bern, 2. Liga interregional, die Gegner heissen Portalban/Gletterens, Lerchenfeld oder Gumefens/Sorens. Zu den Spielen kommen gegen 150 Zuschauer ins Neufeldstadion. Im Neufeld ists eng geworden Das Neufeldstadion, das ist jener Spielort, wo neben der hölzernen Haupttribüne das Chalet mit der Abwartswohnung steht. Vor wenigen Jahren war das Stadion ständig im Fernsehen zu sehen. Von 2002 bis 2005 strömten Tausende hierher, als YB während des Baus des Stade de Suisse hier spielte. Danach wurde zurückgebaut: Die Plattform für die TV-Kameras und die Zusatztribüne verschwanden. Doch YB kam zurück. Per 2009 hat die Stade de Suisse AG Betrieb und Unterhalt des Neufeldstadions von der Stadt übernommen, und YB lässt seine Junioren auf den neu erstellten und mitfinanzierten Kunstrasenplätzen trainieren. Seither ist der Platz enger geworden für die Teams des FC Bern, des eigentlichen Heimklubs. «Wir kommen zwar aneinander vorbei, aber paradiesische Zustände sind es nicht», sagt Christian Wyss, der Finanzchef des FC Bern, der dem Verein seit vielen Jahren in verschiedenen Funktionen verbunden ist. «Wir wehren uns für unsere Bedürfnisse, solange wir können.» Einiges ist ungeklärt. Demnächst sollen Verträge unterschrieben werden, welche die Benutzung klarer regeln. Besitzerin der Anlage und auch des Stadionrestaurants ist die Stadt; YB und der viel kleinere FC Bern sind Mieter. Dem FC fehlen dadurch Einnahmen. Andere Klubs auf diesem Niveau verdienen bis zu 80 000 Franken mit ihrer Stadionbeiz, weiss Christian Wyss – «ein tolles Fundament für ein Budget». Diese Basis fehle Bern bei einem Etat von rund 170 000 Franken für den Gesamtverein. Geld könne der Verein seinen Spielern daher nicht bieten, so Wyss, «dafür Nestwärme». «Mit mir hätte ich den grössten Krach» Und jetzt also Lars Lunde. Der Däne, der Mitte Achtzigerjahre bei YB viel Nestwärme bekam und dem nach seinem Transfer zu Bayern München genau diese fehlte. Ist Lunde, der bisher 2.- und 3.-Liga- sowie Nachwuchsteams coachte, ein guter Trainer? «Er ist gesellig, er ist Däne und hat schnell Zugang zu den Spielern gefunden», sagt Christian Wyss und lacht. «Er hat die Mannschaft ziemlich aufgemischt», erzählen Spieler. «Mit mir als Trainer hätte ich den grössten Krach», sagt Lunde über sich selber. Dann ergänzt Wyss ernsthafter: «Lunde fordert viel. Aber die Tabelle gibt ihm recht.» Nach der Vorrunde steht Bern auf Rang 3 und damit gleich gut da wie Ende letzte Saison. Der heute 46-jährige Lunde sagt über sich als Trainer: «Ich bin launisch. Wenn einer schlecht spielt, werde ich wütend. Und ich bin schlecht im Loben.» Er plane kein Training, wisse aber genau, was die Spieler brauchten. Im Sommer hatte der FC Bern Trainer Hans-Peter Kilchenmann nach Grenchen ziehen lassen müssen. Als Bern-Präsident Maurus Rohner in der Zeitung einen Artikel über Lars Lunde las, blieb er bei einer Aussage hängen: Der Däne erzählte, dass er sich vorstellen könne, einen 2.- oder 1.-Liga-Verein zu trainieren. Rohner fragte nach, und Lunde sagte nach zehn Tagen Ferien zu. Macht die Trainerarbeit Spass? «Die Spieler kommen freiwillig zum Training», feixt Lunde erst und ergänzt dann: «Ohne diesen Job hätte ich mehr Lebensqualität.» Vier Monate lang habe er kein Golf mehr gespielt und kaum Freunde getroffen. Seit fast 20 Jahren arbeitet Lunde als Lagerungspfleger im Spital in Aarau. Es ist jenes Spital, in das er nach seinem schweren Unfall 1988 eingeliefert worden war. Mit dem Auto kollidierte der damalige Aarau-Spieler mit einem Zug und lag lange im Koma. Nach dem Unfall fand er nicht mehr zu seiner früheren Form zurück, hat seither Probleme mit der Feinmotorik. Sein Blick schweift ins Leere, als er sagt: «Das Leben ist eine Leistung.» Aber der Fussball, macht der Spass? «Es gibt Momente, ja, da macht es Spass», sagt Lunde, der seit zwei Jahren wieder in Bern lebt. Auch wenn es mehr Minus- als Plustage gebe: Fussball sei wie eine Droge für ihn. Der Verein gefalle ihm. Und er habe Freude, wenn er sehe, dass die Spieler beim FC Bern «füreinander Fussball» spielten. «Ich spielte doch immer nur Fussball für mich.» Der vergessene Meistertitel Lunde ist bei Weitem nicht der einzige Akteur, der sowohl für YB als auch für den FC Bern wirkte. Auch Finanzchef Christian Wyss war jahrelang ein YBler. Aus der YB-Meistermannschaft von 1985/86 versuchten sich Meistertrainer Alexander Mandziara und Spieler Jürg Wittwer als Coaches im Neufeld. Geni Meier war 1967 Trainer, Hans-Peter Zaugg spielte Ende der Siebziger für Bern. Lange ists her, dass die beiden Vereine erbitterte Stadtrivalen waren. Dabei gehörten sie mal zusammen. Vier Jahre nach der Vereinsgründung brodelte es 1898 im FC Bern. Der Grund: das «selbstständige und sogar arrogante» Auftreten der eigenen Schülermannschaft. Diese machte sich daraufhin selbstständig und spielte unter dem Namen «Young Boys» weiter. Viele Jahre waren YB und der FC Bern Rivalen, der FC Bern in den 1920er-Jahren eine nationale Spitzenmannschaft. 45 Jahre hielt sich Bern insgesamt in der höchsten Spielklasse, zuletzt 1954. Im Palmarès steht auch ein Meistertitel – theoretisch, denn der Titel wurde dem FC Bern 1923 wieder aberkannt, weil ein nicht qualifizierter Spieler eingesetzt worden war. In der 2. Liga gibt es keinen Verein mit einer solchen Tradition. Als der Beckenbauer-Nachfolger kam 1978 bis 1983 spielte Bern letztmals in der NLB. Dem Verein gelang in dieser Zeit der wohl bemerkenswerteste Transfer seiner Geschichte. 1979 wechselte Rolf Höfert vom Bundeszweitligisten St. Pauli ins Neufeld. Höfert war in Bern der einzige Profi, hatte Lohn, eine Wohnung, ein Auto und jährlich zwei Freiflüge nach Hamburg – finanziert vom privaten Sponsor Walter Weegst. Im finanziell maroden Verein sorgte der Transfer für Skepsis. «Selber habe ich das nicht so stark mitbekommen», erinnert sich Höfert heute. Sein damaliger Teamkollege, FCB-Legende Rico Jauner, habe jeweils gesagt, wenn man auch dank Höferts Leistungen Prämien bekomme, sei das doch gut für alle. Höfert sei der beste Spieler gewesen, den er je im Neufeld habe spielen sehen, sagt FCB-Finanzchef Wyss. «Es gab Zuschauer, die kamen schon, um ihm beim Aufwärmen zuzusehen, das er live und sehr amüsant kommentierte.» Auch Bayern München hatte Höfert gejagt. Er war als Nachfolger von Franz Beckenbauer vorgesehen, der 1977 nach New York zu Cosmos wechselte. Ende 1978 musste sich Höfert an der Achillessehne operieren lassen und fiel ein halbes Jahr aus. «Das kostete mich den Wechsel zu Bayern», sagt Höfert heute. Der Hanseate spielte bis 1988 in Bern und baute sich ein berufliches Standbein als Vertreiber von Spezialdichtungen und Gummiringen auf. Noch heute führt er die Rolf Höfert AG in Ueberstorf. FC-Bern-Spiele schaut er sich oft mit früheren Teamkollegen an. Zur Lage des Vereins meint er in breitestem Hamburger Dialekt: «Nun gut, ohne Moos nix los.» Die Wachablösung vom 1. April Transfers wie jenen von Höfert gibt es heute nicht mehr. Die Spieler der ersten Mannschaft sind zum grossen Teil ehemalige eigene Junioren. Spieler mit Ambitionen muss der FC Bern ziehen lassen, wie im September, als der beste Torschütze leihweise zum Berner Quartierverein Breitenrain in die 1. Liga wechselte. «Das Wunder von Bern ist nur 3 Kilometer entfernt», steht auf einem Werbeplakat auf dem Stadiongelände. Hätte das Plakat 1998 schon hier gehangen, es wäre als Provokation aufgefasst worden. Damals lag YB im künstlichen Koma und stand vor dem Abstieg in die 1. Liga. Genau in dieser Zeit liess der FC Bern aufhorchen. An einer Pressekonferenz verblüffte der Verein aus der regionalen 2. Liga mit der Präsentation einer dreiköpfigen Geschäftsleitung, professionellen Strukturen und grossen Zielen. Erfolg könne man planen, und das mache man nun auch, hiess es. «Der FC Bern will in die Nationalliga», stand tags darauf, am 1. April (!), in den Zeitungen. «Ein Missverständnis», sagt Christian Wyss, der an diesem Tag als Spiko-Präsident vorgestellt wurde. Geschäftsführer Roland Bertschi sei gefragt worden, ob es angesichts der YB-Krise in Bern zu einer Art Wachablösung kommen solle. Bertschi habe dann gesagt, dass man das nicht wissen und der Weg bis in die Nationalliga führen könne. Wenige Wochen nach der Pressekonferenz stieg der FC Bern erstmals in die 3. Liga ab. Seit einigen Jahren hat sich der FCB gefangen, wird von engagierten Leuten geführt und spielt nun im zweiten Jahr an der Spitze der interregionalen 2. Liga mit. «Wir wollen in kleinen Schritten weiter in die Zukunft», sagt Christian Wyss diplomatisch zu weiteren Zielen. «Ein Verein gehört immer in jene Liga, in die er sportlich passt.» Bei Bern sei dies im Moment die interregionale 2. Liga. Aufstieg in die 1. Liga? Kein Kommentar. Lars Lunde jedenfalls könnte sich vorstellen, einen Verein in einer höheren Liga zu trainieren, «irgendwann, irgendwo ... vielleicht fragt ja YB», sagt er und lacht. Dann steht er auf. Er muss jetzt wirklich gehen, er hat einem Spieler versprochen, ihn mit dem Auto nach Hause zu bringen. «Musst du noch was wissen?», fragt er noch, «ruf mich einfach an.» Bild: Stefan Bohrer, ZWÖLF |
Der FC Basel dominiert die Meisterschaft seit einem Jahrzehnt. kurzpass.ch blickt auf die erfolgreichsten Jahre der Clubgeschichte zurück.
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