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Sicherheit

Die Gewalt im Fussball ist für einige ein lohnendes Geschäft. Eine Lösung zu finden, zahlt sich also nicht für alle aus.

Fussball als öffentliches Gut einerseits und Gewalt als betroffen machender oder faszinierender Bestandteil unserer Gesellschaft andererseits – diese Kombination löst nicht nur bei den Fans, sondern bei der breiten Bevölkerung Emotionen und entsprechende Reaktionen aus. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch das Entstehen einer Profilierungsfläche, die nicht zuletzt in einem Wahljahr von tragender Bedeutung ist. Sie bildet eine unheilige Allianz mit dem «Event-Journalismus», welcher durch den Online- und Gratiszeitungsmarkt Auftrieb bekam und wo die Gewalt-Fussball-Thematik ein wesentlicher Profitfaktor ist (Werbeeinahmen entstehen durch Anzahl Klicks auf einen Artikel – man beachte die Liste «meistgelesener Artikel»). Eine objektive Debatte über die Gewaltrealität im Fussball und im Eishockey scheint dabei gar nicht mal mehr nötig zu sein.

Vor Kurzem äusserte ich diese Gedanken an einem Podium, veranstaltet vom Arxhof, einem bekannten Massnahmenzentrum für junge Erwachsene. Die Reaktion einer Frau aus dem Publikum war interessant: «Die Lösungsfindung in dieser Gewaltthematik befindet sich in einer ständigen Ambivalenz. Einerseits rufen die Medien zur Lösungsfindung auf, andererseits können sie gar kein Interesse daran haben, dass diese Thematik von der Medienbildfläche verschwindet.»

Die Sicherheitsdebatte im Fussball ist zu einem bedeutenden ökonomischen Faktor und zu einem Profilierungsfeld geworden. Es lohnt sich, dieses Thema zu bewirtschaften. Mit Sicherheit wird Profit gemacht. Eine «Lösung» zu finden, zahlt sich nicht für alle aus. Mit Betroffenheit und Aktivismus erhält man schnell Zuspruch und Bekanntheit in der Bevölkerung. Immer mehr (Finanz-)Mittel werden so legitimiert und generiert, um gleichzeitig die Entrüstung darüber auszudrücken, dass Steuergelder dazu verwendet werden.

Profiteure allerorten

Die Polizei ist daran, dank dem Fussball ihre Mittel auszubauen. Das Klagen über Personalnotstände kann Realität und Strategie sein. In Bern verzehnfachten sich die Polizeikosten in den letzten acht Jahren auf 4 Millionen Franken pro Jahr. Auch die privaten Sicherheitskräfte konnten aufrüsten. Die Stadioninfrastruktur mit ihren teuren hochauflösenden Kameras, den Hochsicherheitssektoren und der sonstigen Sicherheitsinfrastruktur bringt einigen Unternehmen grössere wiederkehrende Erträge ein. Beim FC Basel ist der Anteil der Organisationskosten, der pro Zuschauer in die Sicherheit fliesst, von 2.57 Franken (2004) auf 4.89 Franken (2009) gestiegen. Hundertausende Franken werden in Projekte (wie die Prüfung einer Fancard) gesteckt. Projektleiter kommen und gehen und werden teuer bezahlt.

Im «Club» des Schweizer Fernsehens zum Thema Gewalt im Fussball durften mehrere potenzielle Mit-Debattierende, die sich in den letzten Monaten immer wieder prominent geäussert haben, nicht eingeladen werden, weil sie im Wahlkampf stehen. Und selbstkritisch ist anzumerken: Auch die Soziale Arbeit konnte dank der Gewaltdebatte ihr Tätigkeitsfeld auf die Stadien ausbreiten und neue Stellen schaffen. Und ich kann hier, in Interviews und auf Podien meine Meinung ausbreiten.

Auch die Fankurven stehen in dieser Ambivalenz. Die Sicherheitsdebatte bildet Reibungsfläche, Konfrontationsmöglichkeiten und Wege, sich abzugrenzen. Alles wichtige Mechanismen, die es einer Subkultur – zu der sich die Fankurven in der Schweiz entwickelt haben – ermöglichen, noch näher zusammenzurücken, ihre Ideale zu leben und eine Solidarität aufzubauen. Begleitet von einem Widerstand, der für viele Jugendliche attraktiv und spannend ist.

Subjektives Sicherheitsempfinden

Das gesellschaftsdominierende Thema Sicherheit macht auch vor dem Stadion nicht halt und funktioniert nach dem immer gleichen Muster: Man nehme einen gravierenden Einzelfall (lange war es der 13. Mai 2006 in Basel, nun ist es der Spielabbruch im Züricher Derby vom 2. Oktober 2011), nütze die Macht der Bilder aus und kreiere daraus einen allgemeinen Zustand oder eine Tendenz. Die mediale Inszenierung und die politische Vereinnahmung werden dabei kaum durchschaut. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten – für die Quote und für Trittbrettfahrer. Je mehr wir davon sehen, hören und lesen, desto höher schätzen wir die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Ereignis ein Dauerzustand ist  – auch wenn dies nicht der Realität entspricht. Eine permanente Bedrohung sowie eine abstrakte Gefahr, bei jedem Spiel Hunderten von gewaltbereiten Fussballfans zu begegnen, werden vermittelt. Das Ergebnis: zig reale Massnahmenvorschläge, die meist pauschal die Gesamtheit der Fans treffen. Die Forschung subsummiert dieses Phänomen unter der Verfügbarkeitstheorie (Availability Heuristic). Die Folge ist eine Wahrnehmungsverzerrung in der Öffentlichkeit. Es entsteht ein völlig anderes Bild, als es die Matchbesucherinnen und Matchbesucher – trotz den gravierenden Ereignissen, die sich im Abstand von ein paar Jahren wiederholen –  selber erleben. Als Beispiel: 2010 führten der FC Basel, die Fanarbeit Basel und die Universität Bern eine Online-Befragung durch, an der über 4200 Fans des FC Basel aus allen Stadionsektoren teilnahmen. Befragt zur Wahrnehmung der eigenen Sicherheit, gaben 98,3% an, dass sie sich während des Heimspiels sicher oder sehr sicher fühlten. Nach oder vor einem Heimspiel fühlten sich 95,1% aller Befragten sicher oder sehr sicher.

Die Aussage, dass der Besuch eines Fussballspiels nicht gefährlich ist, dass Gewalt an einem Fussballspiel aber durchaus vorkommen und ein(e) Matchbesucher(in) damit konfrontiert werden kann, ist in unserer heutigen von Ängsten geleiteten Gesellschaft kaum nachvollziehbar, geschweige denn akzeptierbar. Schnell wird man so in die Ecke der Verharmloser oder gar Gewaltbefürworter gedrängt. Schliesslich gilt es dem Bild der absoluten Sicherheit und dem unrealistischen Idealbild der völligen Gewaltfreiheit nachzustreben. Umso wichtiger wäre es, über die Sicherheit im Fussball möglichst sachlich zu diskutieren. Dies passiert auch: Letztes Mal konnte ich dies an einem lokalen runden Tisch erleben. Dabei ist feststellbar, dass jede «Partei» den Begriff Sicherheit anders definiert und auch die Risikobereitschaft ganz unterschiedlich beschrieben wird. Ein auswegloser Weg also? Nein!

Geförderte Machtspiele

Die Philosophin Katrin Meyer, welche zu normativen Theorien von Macht, Gewalt und Sicherheit forscht, plädiert in einem WoZ-Artikel dafür, die Prämisse von Sicherheit um 180 Grad zu überdenken. «Sicher ist nicht nur, wer sich gegen Gefahren wehren, sondern vor allem auch, wer sich auf etwas verlassen kann», schreibt sie. Sicherheit sei nicht nur ein Ausdruck von Verteidigung, Abwehr und Gefahr, sondern auch ein Zustand von Vertrauen und Verlässlichkeit.

Dieser für mich sehr gesellschaftsliberale Ansatz hat bestenfalls zur Folge, dass man nicht reflexartig versucht, sein Gegenüber oder seinen Kontrahenten zu einem Feind zu machen, sondern man sich bewusst ist, dass man sich auf diesen verlassen können muss, um seine eigene Handlungsfreiheit zu behalten. Zugespitzt formuliert ist sich jeder in einer Fankurve bewusst, dass es die Polizei rund um Fussballspiele braucht und sie mit ihrer Präsenz auch die Selbstregulierung in der Fankurve unterstützt. Statt jedoch einen konstruktiven Dialog aufzubauen, über Verhalten und Wirkung zu diskutieren, herrscht ein gegenseitiges Misstrauen. Machtspiele werden gefördert und Feindbilder geschürt. Nicht selten entsteht daraus die Legitimation von Gewalt.

Bernhard Heusler, Vizepräsident des FC Basel 1893, hat praxiserfahren in einem sehr interessanten Interview auf kurzpass.ch diesen Zusammenhang eindrücklich in Worte gefasst:

«Neben einer konsequenten und glaubwürdigen Fanpolitik des Klubs gehört dazu eine konstruktive und ständige Zusammenarbeit mit Behörden und Polizei. Dies setzt voraus, dass man sich gegenseitig ein Mindestmass an Vertrauen und Respekt entgegenbringt. Weder sind die Fans unter Generalverdacht zu stellen und als Haufen von Chaoten und Kriminellen zu «entmenschlichen», noch sollten sich Fanbetreuer, Sicherheitsleute, Klubverantwortliche und Polizei gegenseitig mit Vorurteilen und Argwohn begegnen, um sich beim erstbesten Negativereignis gegenseitig die Schuld zuweisen zu können. Offener Dialog und Zusammenarbeit bedeuten eben, dass man sich auf Augenhöhe begegnet, die allenfalls abweichende Positionen des Gegenübers anerkennt, zuhört und – soweit möglich – zu verstehen versucht. Diese Haltung gilt auch ganz besonders gegenüber den Anliegen der Fans.

Oder: «Eins dürfte klar sein: Mit populistischer Stimmungsmache ausserhalb dieser offiziellen Gremien und ohne Dialog gewinnen wir im delikaten Bereich der Fanpolitik und Sicherheit gar nichts. Wer den Weg der Polemik und des Populismus sucht, muss sich bewusst sein, dass damit der schwierigen Aufgabe der Bekämpfung von Gewalt in und ausserhalb der Stadien mehr geschadet als zur Verbesserung der Situation beigetragen wird. Denn bestärkt und gestärkt werden damit diejenigen radikalen Kräfte, welche die Konfrontation suchen. Es wird damit der Nährboden geschaffen für die von uns allen schon beobachtete und gefürchtete Vorwand-Gewalt, die zu einer gefährlichen Solidarisierung unter den Fans führen kann.»

Hier spricht nicht irgendein Sozialromantiker, sondern der Hauptverantwortliche des zurzeit erfolgreichsten Klubs der Schweiz mit dem grössten – nicht immer pflegeleichten – Anhang, der die «Fanpolitik» vor fünf Jahren zur Chefsache erklärt hat. Dies übrigens sehr erfolgreich.

Dialog ist keine naive Floskel. Dialog schafft Sicherheit! Selbst dann, wenn wir nicht die gleiche Definition von Sicherheit verfolgen. Dialog schafft auch einen gesunden Pragmatismus. Er verhindert in einer aufgeheizten Debatte, in eine lähmende Hysterie zu verfallen, und hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren. Erst recht, wenn ein gravierendes Ereignis den Motor dieser «unheiligen Allianz» wieder in Gang setzt und den ganzen gemeinsamen Weg infrage stellt. Mit Sicherheit.

Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz (FaCH)

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