
«Ich bin mehr der Cervelat-Typ» |
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Spätzünder, Sündenbock, Publikumsliebling: Die treue Seele Marc Zellweger war in seiner langen Karriere schon vieles. Ein sehr entspanntes Gespräch über lukrative, eindeutige und ausgebliebene Angebote. ZWÖLF: Marc, um gleich zu Beginn diese Unklarheit endlich ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen: Bist du wirklich mal Torschützenkönig gewesen in der 2. Liga? Marc Zellweger: In der Saison, in der ich im Winter zu St. Gallen gewechselt habe, wäre ich sicher Torschützenkönig geworden. Bis zum Transfer hatte ich für Seuzach in 7 Spielen 14 Mal getroffen. Mit 21 erst in der Nationalliga A, mit 27 Debüt in der Nationalmannschaft, mit 28 der Auslandtransfer – wahrlich ein Spätzünder. Wann hast du mit dem Fussball begonnen? Mit 7 Jahren besuchte ich zum ersten Mal ein Training der E-Junioren des FC Oberwinterthur. Ich hatte zuvor schon eine ganze Weile gequengelt, bis ich gehen durfte. Als es dann endlich so weit war, hab ich nur geheult und wollte nicht mehr hingehen. Mein Vater musste mich zwingen. Nein, überhaupt nicht. Das war alleine mein Wunsch. Mein Vater hat zwar regelmässig mit Freunden gekickt, war GC-Fan und hat mich auch jeweils an die Spiele mitgenommen. Ich bekam GC-Wimpel und -Fahnen und wurde so auch bald zum Fan. Heute bin ich das natürlich nicht mehr. Das hat sich bald geändert. Kurz war ich noch Lausanne-Fan, mittlerweile natürlich FC St. Gallen. Ich kam damals sogar zu ersten Einsätzen in der 1. Mannschaft in der 3. Liga, allerdings sind wir in dem Jahr gleich abgestiegen. Dann kam die Anfrage vom FC Seuzach aus der 2. Liga; ich nahm sie an und begann gleichzeitig eine Lehre als Elektromonteur. Natürlich war es mein Traum, Profifussballer zu werden. Aber es war eigentlich nur Wunschdenken. Wenn man mit 20 noch in der 2. Liga kickt, liegt dieser Traum ja auch wahrlich nicht gerade vor der Haustür. Bei den allermeisten ist der Zug dann schon abgefahren. Ich war ja auch nicht ein derart überragender Spieler in der Liga, der die Gegner auseinandernehmen konnte. Nur eben Tore schiessen konnte ich ziemlich gut. Wie kam der FCSG überhaupt auf die irre Idee, einen bereits 21-jährigen Spieler aus den Niederungen des Amateurfussballs zu verpflichten? Wir waren mit Seuzach einst in einem Trainingslager auf Lanzarote. Dort hielt sich auch der Erstligaklub FC Monthey gerade auf, damals trainiert von Uwe Rapolder. Ich war 17 oder 18 und bin ihm anscheinend im Testspiel ein bisschen aufgefallen. Unser Vereinspräsident erhielt den Kontakt zu Rapolder aufrecht, und so konnte ich nach dessen Wechsel zu St. Gallen Probetrainings absolvieren. Auch GC interessierte sich für mich. Bei GC trainierte ich nur mit dem Nachwuchs, zusammen mit Johann Vogel, De Napoli und Jan Berger. Ich habe zwei Monate lang jeweils am Morgen mit GC trainiert und am Nachmittag dann mit St. Gallen. Natürlich wussten die Vereine voneinander, das war keine geheime Affäre. (Lacht.) Erich Vogel konnte ich nicht überzeugen. Er meinte, sie hätten bei GC jüngere Spieler, die ebenso talentiert seien. St. Gallen wollte es ein halbes Jahr mit mir versuchen. Nicht wirklich. Im 4. Lehrjahr hatte ich 900 Franken verdient, bei St. Gallen waren es dann 700 Franken plus Punkteprämie. Ohne Unterstützung der Eltern wäre das nicht möglich gewesen, zumal ich ja jeden Tag noch zwischen Winterthur und St. Gallen pendeln musste. Nie. Mein Anker in Winterthur ist ziemlich fest. Hier ist meine Familie, hier sind alle meine Freunde. Ich bin sogar während meiner Zeit in Köln jedes Wochenende nach Hause gefahren. Ich habe mir sogar überlegt zu pendeln, die Zugverbindungen hätten es zugelassen. Ich bin nun mal ein sehr treuer Mensch, meine Eltern sind mir sehr wichtig, und ich fühle mich hier sehr wohl. Wäre so etwas heute noch möglich, ein Sprung vier Ligen höher mit über 20 Jahren? Ich kann es mir nicht vorstellen. Es war damals schon ungewöhnlich, aber heute ist die Schere zwischen Super League und 2. Liga noch viel grösser geworden. Mir wurde der Einstieg dank meinem Mitspieler Markus Wanner, den ich schon länger kannte, zum Glück leicht gemacht. Auch die erfahrenen Profis wie Urs Fischer, Gambino oder Bouderbala haben mich gut aufgenommen. Ich musste also nicht deren Schuhe putzen. Kannst du dich an deinen ersten Einsatz erinnern? Das war im Espenmoos gegen Yverdon, Auf-/Abstiegsrunde 1994/95. Ich weiss es gar nicht mehr genau, das ist schon so lange her, aber ich nehme an, dass ich doch ziemlich nervös gewesen bin. Zum ersten Mal von Beginn an durfte ich gegen Solothurn ran, und mir gelangen gleich zwei Treffer. Hm, man muss halt dort stehen. (Lacht.) Es war jedenfalls ein wichtiges Spiel für den Klassenerhalt. In der Mannschaftssitzung nach der Partie sagte Rapolder zu mir: «Du musst jetzt nicht das Gefühl haben, du würdest im nächsten Spiel wieder in der Startelf stehen, nur weil du heute getroffen hast.» Davon hat man bei St. Gallen nichts gemerkt. In puncto Professionalität liess einiges zu wünschen übrig, nur schon die Garderoben etwa. Mich hat das aber nicht gross gestört, ich erlebte eine tolle Zeit. Da hat viel gestimmt. Unsere Mannschaft war schon lange zusammen, Koller hat uns dann dieses «GC-Gen» eingepflanzt, diese Selbstsicherheit, diese Selbstverständlichkeit, dass man den nächsten Match gewinnen wird. Zudem haben seine Transfers ideal gepasst, namentlich Amoah und Jairo. Das funktionierte perfekt, und zwar nicht nur in der Meistersaison, sondern auch in der darauffolgenden, als wir die Titelverteidigung erst im letzten Match verspielt Für mich blieb es bei Letzterem, bei anderen ergaben sich auch Freundschaften. Ich hatte meine Freundschaften nie im Fussballbusiness, sondern aus der Jugend oder aus der Schule. Im Fussball habe ich keinen Freund. Wenn ich in den Ausgang gegangen bin, dann nicht in St. Gallen und nicht mit den Teamkollegen. (Lacht.) Nein, ich bin keiner, der Exzesse oder Frauengeschichten hat. Ich denke, er hat das genossen, dass sich die Leute für ihn und seine Arbeit interessierten. Er kannte ja zuvor nur Meisterfeiern mit GC mit ein paar Hundert Leuten. Da waren das bei uns schon andere Dimensionen. Woher rührt diese Begeisterung für den Verein FC St. Gallen? Vielleicht bekommen die Neugeborenen im Kantonsspital gleich eine Spritze mit dem FCSG-Virus, ich weiss es nicht. Die Stadt bietet natürlich nicht die gleichen Möglichkeiten wie etwa Zürich. Dazu gesellt sich auch noch dieses «Verschupfte», diese Trotzreaktionen dagegen, dass die Schweiz spätestens bei Winterthur endet. Es hat sicher mit meiner Art zu spielen zu tun. Ich war ja kein Riesenfussballer, der die Zuschauer begeistern konnte, aber ich war ein Kämpfer, und das wollte man in St. Gallen sehen. Zudem habe ich mich nie in den Vordergrund gedrängt. Ich muss nicht im «Blick» stehen, damit es mir gut geht. Geschätzt haben die Fans vielleicht auch, dass ich nach dem Meisterjahr nicht wie viele andere Spieler einfach abgehauen bin, ohne mich um einen schönen Abschied zu bemühen. Das hätte ich nie gemacht! Als die konkrete Offerte von Köln kam, war meine Bedingung, mindestens noch ein Heimspiel bestreiten zu dürfen, um mich von den Fans verabschieden zu können. Das haben die Zuschauer honoriert. Es ist mir natürlich lieber, wenn sie «Marc Zellweger Fussballgott» rufen, als wenn sie pfeifen. Es ist eine Anerkennung für den Job, den ich gemacht habe, das ist immer schön. Daran gewöhnt man sich gerne. Haben dich deine ehemaligen Kollegen enttäuscht, von denen einer nach dem anderen nach dem Titelgewinn den Klub verliess? Ich bin ja dann auch gegangen. (Lacht.) Ich denke, das ist normal nach so einem Triumph. Die Spieler wollen sich weiterentwickeln und auch mal mehr verdienen. So ist nun mal das Business. Ich hatte nicht den gleichen Drang zu wechseln wie andere. Erst zu dieser Zeit nahm ich mir einen Manager, Vinicio Fioranelli (der schon Zamorano zum FCSG holte, Anm. d. Red), der den Kontakt zu Köln herstellte. Auch italienische Vereine waren an mir dran, das wurde hingegen nie konkreter. Basel war auch interessiert, aber das hätte St. Gallen nie zugelassen. Lienen wollte mich unbedingt, und im Gespräch mit dem Präsidenten hatte ich den Eindruck, dass er auf jeden Fall am Trainer festhalten würde. Es kam dann leider doch völlig anders. Ganz so blauäugig ging ich natürlich nicht nach Deutschland. Mir war sehr wohl bewusst, dass so etwas eintreffen könnte und dass es in diesem Fall sehr schwierig für mich sein würde. Perfekt. Köln hatte 7 Mal in Folge verloren, wir spielten auswärts gegen St. Pauli. Wir gewannen 2:1, und ich schoss ein Tor. Wunderbar. Obwohl bei Köln alles noch ein gutes Stück grösser ist als in St. Gallen, fiel mir die Umstellung leicht. Ich war zwar zum ersten Mal weg von zu Hause, aber immerhin schon 28 Jahre alt und Nationalspieler. Mit diesem Status brauchte ich mich nicht zu verstecken. Ich hab da sicher nicht gut gespielt, aber die alleinige Schuld trug ich bestimmt nicht am Rückstand. Schon in der Kabine wusste ich, dass meine Zeit bei Köln damit vorbei war. Ich hab das irgendwie gespürt. Funkel hat mir dann auch gesagt: «Solange ich Trainer hier bin, wirst du nicht mehr spielen.» Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum das so gelaufen ist. Vielleicht war es einfach so, dass ich als letzter Transfer des alten Trainers als Sündenbock herhalten musste. Das vielleicht nicht gerade, aber das Wohlbefinden kam schnell zurück. Ich kannte noch immer viele Leute, vor allem aus dem Umfeld, und ich hatte schon einen Stellenwert. Ein Unterschied zur ersten Zeit war es für mich ansonsten nicht. Als Spieler bekommt man das gar nicht so mit. Ende Monat war stets der Lohn auf dem Konto, die Zuschauer waren immer grossartig, das ist für die Spieler entscheidend. Was in der Führungsetage geschieht, kann man ohnehin nicht beeinflussen. Obwohl du dich in diesen Gefilden auskennst, zumindest wenn jene Anekdote aus der Meistersaison stimmt: Ihr wart nach eurem Heimsieg eingeladen, in der Direktionsetage einer Bank am Marktplatz das Spiel Servette gegen Basel zu schauen, wobei euch der Punktverlust Basels vorzeitig zum Meister gemacht hat. Während die Mannschaft das Spiel geschaut hat, seist du im Sessel des Direktors gesessen und hättest im Internet gesurft. Gabs damals schon Internet? (Lacht.) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was ich da gemacht habe. Ich dachte, ich hätte den Match geschaut, zusammen mit der Mannschaft. Und Kubilay Türkyilmaz. Kubi? Damals war seine Schwester mit Mazzarelli zusammen. Heute ist sie die Freundin von Ianu. Ich hatte immer feste Freundinnen, und da ich ja ein treuer Mensch bin ... Ich habe nur einmal in Köln in einer Disco ein eindeutiges Angebot bekommen. Sehr direkt: «Gehen wir zu mir oder zu dir?» Da war ich schon etwas baff. An solchen Dingen merkt man, dass der Fussball dort einen anderen Stellenwert hat. Deine letzten Jahre mit St. Gallen brachten vorallem zwei bittere Momente: Den Abstieg 2008 und dein nicht mehr verlängerter Vertrag 2010. Was war bitterer? Der Abstieg schmerzte extrem, es war ja auch gleich der Abschied vom Espenmoos. Ob ich einen neuen Vertrag verdient hätte, darüber kann man sich streiten. Ich hätte mir einen gegeben. (Lacht.) Aber ich muss auch akzeptieren, dass andere Leute das anders gesehen haben. Damit hatte ich keine Probleme. Enttäuscht hat mich hingegen der Weg zu dieser Entscheidung. Wurden dir falsche Versprechungen gemacht? Nein, das nicht. Aber ich hätte als Vereinsführung mit einem Spieler wie mir das Gespräch gesucht und die Situation dargelegt, um gemeinsam zu einem Entscheid zu kommen. Mir wurde lediglich mitgeteilt, dass der Verein auf Junge setzen wolle und ich darum keinen neuen Vertrag bekommen würde. Ich bin aber deswegen nicht sauer auf den Verein, wir gingen nicht im Streit auseinander. Unter Trossero war ich Stammspieler. Das war eine schöne Zeit, auch wenn wir nicht oft gewonnen haben. Dann kam Köbi Kuhn, da war ich anfangs auch noch gesetzt. Schon bald kam aber kein Aufgebot mehr, mit mir geredet hat er indes nie. Er hat zwar immer von der «Familie» gesprochen, vorgelebt hat er sie aber nicht. Ich hätte das anders gelöst an seiner Stelle. Aber jeder hat nun mal seine eigene Haltung und seine eigenen Lösungswege. Ich kann mich nicht daran erinnern, mal richtig wütend gewesen zu sein. Auch meine Freundinnen haben mir jeweils vorgeworfen, dass man mit mir nicht streiten könne. Ich akzeptiere alle Leute so, wie sie sind. Wenn jemand etwas völlig anders angeht, als ich das machen würde, dann ist das nun mal so. Deshalb werde ich nicht sauer. Ich habe erst ein Praktikum gemacht und arbeite jetzt zwei Tage die Woche im Marketing. Trainer kommt für mich nicht infrage. Dafür muss man ein Zigeuner sein, und das bin ich nicht. Es war eigentlich nicht mein Ziel, weiterhin zu kicken. Brühl kam auf mich zu und signalisierte Interesse, wollte mir auch beim Berufseinstieg helfen. Ich fühlte mich eigentlich noch fit, und darum habe ich zugesagt, wobei ich das Engagement jederzeit hätte beenden können. Dafür gab es aber keinen Grund, das Jahr hat riesigen Spass gemacht. Jetzt denke ich das. (Lacht.) Für meine Mitspieler hat es mich hingegen extrem gefreut. Viele kommen aus der Gegend, für die ist es natürlich das Grösste, jetzt in der AFG Arena gegen den FCSG spielen zu dürfen. Mitzuhelfen, ihnen diesen Traum erfüllen zu können, war toll. Für mich persönlich hätte es nicht unbedingt sein müssen. Der Aufwand ist halt doch höher, die Distanzen zu den Auswärtsspielen sind grösser, und es reicht für mich nicht mehr, im Sparmodus zu spielen. Eigentlich habe ich ja Anfang Saison verkündet, dass ich schon dafür sorgen werde, dass wir nicht aufsteigen. (Lacht.) Ähm, ich glaube, jetzt wird vier Mal trainiert. Wenn bei uns mal einer nicht kommen kann, ist das nicht so tragisch. Die Spieler arbeiten ja alle 100 Prozent. Ich versuche schon, immer dabei zu sein, einen Sonderstatus will ich nicht haben. Dass ich kein Trainingsweltmeister bin, ist ja hinlänglich bekannt, in meinem Alter muss ich meine Kräfte noch mehr einteilen. Erholt bin ich jetzt zumindest, nach drei Wochen Amerika und einem Abstecher nach Istanbul. Ich geniesse es sehr, solche Dinge nun endlich nachholen zu können. Während der Profikarriere war das leider nie möglich. Wir hatten es zum Schluss nicht mehr so gut miteinander. Das wäre aber ohnehin für mich kein Thema mehr gewesen, ich hätte der Mannschaft in meiner Verfassung nicht helfen können. Es hängt schon lange dort, man sieht es bloss nicht. (Lacht.) Der Platzwart hat sich für jene Panne schon tausend Mal entschuldigt. Anscheinend hat es bei den Tests immer funktioniert, nur eben am Tag X nicht. Nun ist es aber eingerahmt an der Wand im Espenblock. Im Espenmoos ist auch eine Kabine nach mir benannt. Die St. Galler Bratwurst esse ich selbstverständlich ohne, die anderen mit Senf. Aber ich habe auch schon eine St. Galler mit Senf gegessen. Zu Hause auf dem Balkon, da sieht es ja keiner. (Lacht.) Aber ich bin ohnehin mehr der Cervelat-Typ. Das Catering ist zwar ausgegliedert, aber ich werde mich drum kümmern. (Lacht.) Das Interview erschien in der Oktober-Ausgabe 2011 des ZWÖLF-Magazins. Foto: Christian Breitler |
Er ist eine deutsche Fernsehlegende mit Kultstatus. Im Interview mit kurzpass.ch rechnet Waldemar Hartmann mit der ARD ab, spricht über die Steueraffäre um Uli Hoeness und lobt seine Wahlheimat Chur.
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