Für die Trainer ist der Frust Teil des Berufs: Ciriaco Sforza bei einem Spiel im Jahr 2011. (Bild: kurzpass.ch)
Für die Trainer ist der Frust Teil des Berufs: Ciriaco Sforza bei einem Spiel im Jahr 2011. (Bild: kurzpass.ch)
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Die Sucht nach Vergessen

Warum pilgern Fans selbst dann ins Stadion, wenn sie wissen, dass sie enttäuscht werden? Eine persönliche Reflexion.

Ich hätte meine Weihnachtseinkäufe ausnahmsweise rechtzeitig erledigen können. Mir in der warmen Stube einen guten Film anschauen und mich von der anstrengenden Arbeitswoche erholen. Wenigstens ausschlafen, redete ich mir ein. Doch ich wusste, dass ich nicht wirklich eine Wahl habe.

Im Extrazug nach Thun versuchte ich mich zu erinnern, wann ich die Kontrolle über meine Wochenenden verloren hatte. Meine Gedanken blieben irgendwo um die Jahrtausendwende hängen. Beim ersten Spiel im Letzigrund, an das ich mich zu erinnern glaubte: Der FC Zürich gegen den FC Baden, Auf-/Abstiegsrunde, Osttribüne mit meinem Vater. Das Stadion war ziemlich voll, das Ergebnis enttäuschend: Der FCZ spielte 2:2.

Von der Begegnung in Thun erhoffte ich mir mehr. Doch den grossen Unterschied gab es kaum: Das Spiel war wenig berauschend und endete enttäuschend, 1:2. Immerhin hat Ur-FCZler Urs Fischer, heute Trainer beim FC Thun, die Punkte geholt, versuchte ich den sportlich missglückten Ausflug schönzureden.

Die Tage werden kürzer, der Rückstand grösser

Eigentlich hätte ich wissen müssen, wie der Ausflug endet. Es war wie immer zu dieser Jahreszeit: Die Tage werden kürzer, die Temperaturen fallen und der Rückstand auf den FC Basel wächst. Seit sechs Jahren hat der FCZ das letzte Spiel vor der Winterpause nicht mehr gewinnen können. Damals resultierte zuhause gegen den späteren Absteiger Vaduz ein mageres 1:0.

Und wie jedes Jahr fragte ich mich, als ich auf der Rückfahrt meine Füsse langsam wieder zu spüren begann, warum ich mir das immer wieder antat. Und schon sass ich wieder mit meinem Vater auf der Osttribüne. Was hatte dieses Spiel, das mich seit Jahren fesselt? Das Internet half mir schnell auf die Sprünge: Der FCZ hat das Spiel gegen Baden im April 2000 vor 2900 Zuschauern mit 1:2 verloren. Es muss richtig weh getan haben, sich das anzuschauen. Der «SonntagsBlick» schrieb danach: «Die Spieler wirkten völlig verunsichert, liefen konzept-, hilf- und kopflos in die Katastrophe und die Konter der Gäste hinein.» Da kamen mir plötzlich ganz viele, längst vergangene Enttäuschungen in den Sinn.

Fan sein heisst vergessen können

Und in diesem Moment realisierte ich: Das Fandasein beruht auf Vergessen. Ohne Vergessen könnte niemand, der den Schmerz eines Gegentreffers in der Nachspielzeit kennt, je wieder ein Stadion betreten. Niederlagen gegen den Letztplatzierten hätten den sofortigen Liebesentzug zur Folge. Auch der Unterschied zwischen Freund und Feind wäre plötzlich nicht mehr ganz so klar. Trainer des FC Baden bei jenem Spiel im Jahr 2000 war Urs Meier – der zuvor mehrere Jahre bei GC verbrachte.

Erst die Mischung aus Fussballsucht und Vergesslichkeit ermöglicht es, die nötige Leidenschaft zu entwickeln, die mich an diesem Nachmittag nach Thun führte. Bereits dort hätte ich auf die Idee mit dem Vergessen kommen können: Marc Schneider, Kapitän der Meistermannschaft 2006 und heute Co-Trainer beim FC Thun, wurde beim Interview vor dem Spiel von einigen Gästefans ausgepfiffen – wohl vor allem des Pfeifens wegen. Mich schmerzte das dennoch, und ich erinnerte mich an frühere Opfer dieses Phänomens: Fredi Chassot, Dani Gygax, Florian Stahel.

So lange für Urs Fischer noch applaudiert wird, muss ich damit wohl leben, sagte ich mir. Mir grauts vor dem Tag, an dem sich das ändert. Ich werde mich dann fragen müssen, warum ich mir das noch antue. Und meinen Kindern erzählen, wie früher alles besser war. Damals, beim Sieg in Thun.

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