Sions Moussa Konaté lässt sich im Duell gegen FCB-Torhüter Vaclik fallen. Bild: Screenshot SRF
Sions Moussa Konaté lässt sich im Duell gegen FCB-Torhüter Vaclik fallen. Bild: Screenshot SRF
Allgemein

Warum sich Fans mit Schwalben abfinden müssen

Sions Moussa Konaté wird für seine Schwalbe gegen Basel nicht gesperrt. Dafür gibt es gute Gründe.

Vor dem Start der Rückrunde outete sich Aarau-Stürmer Stephan Andrist im «Blick» als «Schwalbenkönig» und sorgte damit für Aufregung. Im darauf folgenden Spiel holte er sich prompt zum vierten Mal in der laufenden Saison eine Gelbe Karte wegen einer Schauspieleinlage. Eine Runde später lässt sich Sions Moussa Konaté im Duell mit FCB-Torhüter Tomas Vaclik fallen. Hier wird der Spieler vom Schiedsrichter nicht erwischt: Penalty und Rot für den Goalie. Die Fussballschweiz diskutiert schon wieder über etwas, das mit Fussball angeblich nichts zu tun hat.

Natürlich gäbe es Mittel, um Schwalben von Fussballern auf ein Minimum zu beschränken. Im Eishockey etwa kann auch der gefoulte Spieler bestraft werden, wenn er den Schiedsrichter durch übertriebenes Fallenlassen auf das Foul des Gegners aufmerksam macht. Wäre das im Fussball ebenfalls möglich, könnte ein Umdenken bei den Spielern stattfinden: Sich fallenzulassen – auch dann, wenn eine Berührung stattfindet – wäre zu riskant.

Auch härtere Strafen in Form von Spielsperren könnten auf lange Sicht eine erzieherische Wirkung haben; Vereine würden den Spielern wohl ins Gewissen reden, wenn die Gefahr gross wäre, dass diese wegen einer Schwalbe in wichtigen Begegnungen fehlen.

Das Zauberwort heisst Tatsachenentscheid

Dafür müsste allerdings der Verband eingreifen und offensichtliche Schauspieler nachträglich sperren. Das will die Liga partout nicht: Sions Konaté kommt ohne ein Verfahren ungeschoren davon. In ähnlichen Fällen in der Vergangenheit (Virgile Reset 2008 und Stephan Andrist 2010) hat die Disziplinarkommission die Spieler freigesprochen, nachdem sie zuvor vom Einzelrichter gesperrt wurden.

Das Zauberwort heisst Tatsachenentscheid: Der Entscheid des Schiedsrichters im Moment des Geschehens ist für die Swiss Football League heilig. Damit stärkt die Liga den Schiedsrichtern erstens den Rücken und spricht ihnen ihr Vertrauen aus. Zweitens dürfte diese Einschätzung auch praktische Gründe haben: Wenn Schiedsrichterentscheide nachträglich umgestossen werden können, droht der Liga ein Chaos. Bald schon sähe sie sich mit Anträgen konfrontiert, Spiele wegen Fehlentscheiden anders zu werten oder zu wiederholen – wie es Sion-Präsident Constantin 2010 forderte, als Andrist wegen einer spielentscheidenden Schwalbe in erster Instanz für zwei Spiele gesperrt wurde.

Auch Unsportlichkeiten gehören zum Spiel

Die Swiss Football League wird ihre Haltung zum Tatsachenentscheid deshalb kaum so bald ändern. Schwalben bleiben für die Spieler attraktiv und die Zuschauer müssen sich damit abfinden. Das sollte gar nicht so schwer fallen, wie es für viele zunächst tönen mag und wie es die hitzigen Diskussionen zum Thema vermuten lassen. Denn ihr Argument, Schwalben hätten nichts mit Fussball zu tun und müssten deshalb hart bestraft werden, zieht nicht: Viele Dinge, die nichts mit Fussball zu tun haben, haben mittlerweile eben doch etwas mit Fussball zu tun.

Auswechslungen in der Nachspielzeit etwa sind bei knappem Spielstand zur Gewohnheit geworden, ohne dass sie etwas Produktives zum Spiel beitragen. Dass der ausgewechselte Spieler sich dabei ausreichend Zeit lässt – und sich womöglich noch von Mitspielern und Schiedsrichter verabschiedet – wird zwar mit Pfiffen begleitet, doch ist längst als taktisches Mittel akzeptiert. Apropos Pfiffe: Schmähgesänge und Pfiffe von den Rängen mit dem Ziel, Gegner und Schiedsrichter zu verunsichern, sind ebenso ein unsportlicher Teil des Spiels. Genau wie die Diskussionen der Trainer mit dem vierten Offiziellen am Spielfeldrand.

Schwalben sind nicht schlimmer als andere Unsportlichkeiten. Auch Zeitverzögerung hat das Potenzial, ein Spiel entscheidend zu beeinflussen. Ebenso taktische Fouls, die auch bloss mit einer Gelben Karte bestraft werden.

Ärger gehört dazu

Wer Schwalben dennoch als so viel schlimmer beurteilt, dem sei zum x-ten Male versichert: Fehlentscheide gleichen sich auf Dauer aus. Welchem Team wurde noch nie in der letzten Minute der Verlängerung nach einem unglaublich dramatischen Spiel ein klarer Penalty verwehrt? Wer profitierte noch nie von einem zu weit vorne ausgeführten Einwurf? Und wem wurde noch nie ein entscheidender Elfmeter zugesprochen, obwohl der Stürmer aus Offsideposition startete, es kein Foul war und sich die Szene eh ausserhalb des Strafraums abspielte?

Solche Szenen sind ärgerlich. Doch die Fehler der eigenen Spieler oder reguläre Gegentreffer sind das genauso. Ärger gehört zum Spiel.

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