90 Minuten lang dreht sich der Zeiger. Doch fast die Hälfte eines Fussballspiels besteht aus Spielunterbrüchen. Bild: Jerzovskaja Illustration
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Der Ball ist rund und das Spiel dauert 51 Minuten

Das Zitat der deutschen Trainer-Legende Sepp Herberger hat seit Jahrzehnten Kultstatus: Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten. Doch stimmt das wirklich? kurzpass.ch hat beim Spiel Aarau gegen GC ganz genau hingeschaut und mit der Stoppuhr mitgezählt. Das Ergebnis ist erstaunlich.

GC lässt sich pro Eckball 11 Sekunden mehr Zeit

Erst 27 Sekunden sind im Spiel Aarau gegen GC am Samstagabend gespielt, als der Ball das Spielfeld ein erstes Mal verlässt und es zum ersten Spielunterbruch der Partie kommt. Die Gäste aus Zürich bekommen einen Eckball zugesprochen. Es ist der erste von insgesamt 162 Spielunterbrüchen an diesem Abend. 25 Sekunden lassen sich die Hoppers Zeit, ehe sie den Eckball ausführen. Insgesamt kommen die Hoppers zu 9 Eckbällen, bei welchen es durchschnittlich 29 Sekunden dauert, bis sie ausgeführt werden. Der FC Aarau lässt sich bei seinen 6 Cornern im Schnitt nur gerade 18 Sekunden Zeit bis zur Ausführung.

Das liegt daran, dass die Aarauer früh in Rückstand geraten und deshalb fast das ganze Spiel lang einem Rückstand nachrennen. Da drängt natürlich die Zeit. GC seinerseits gewinnt bei jedem Unterbruch wertvolle Sekunden auf dem Weg zum ersten Saisonsieg und hat deshalb verständlicherweise keine Eile bei der Wiederaufnahme des Spiels. Am Ende verstreichen über 6 Minuten für die Ausführung der insgesamt 15 Eckbälle.

Eine Viertelstunde für 94 Einwürfe

Noch mehr Zeit, nämlich 8:56 Minuten, geht für die Ausführung von Freistössen drauf. Auch hier sind es wenig erstaunlich die Grasshoppers, die sich mehr Zeit lassen, bis die Freistösse gespielt werden. In Führung liegend bleibt jeder Gefoulte gerne noch ein paar Sekunden länger liegen, als die Schmerzen anhalten. So dauert es beim Rekordmeister durchschnittlich 30 Sekunden zwischen Foulpfiff des Schiedsrichters und Wiederaufnahme des Spiels. Beim FC Aarau sind es im Schnitt nur 21 Sekunden.

Der grösste Zeitfresser allerdings sind Einwürfe. 94 sind es am Ende. Knapp über 7 Minuten braucht alleine der FC Aarau für die Ausführung seiner 54 Einwürfe (8 Sekunden pro Einwurf). Gar fast 8 Minuten sind es beim Grasshopper-Club (12 Sekunden im Schnitt), obwohl dieser 14 Mal weniger einwerfen darf. Einwürfe eignen sich optimal um wertvolle Sekunden zu gewinnen. Mal kurz beim Schiedsrichterassistenten nachfragen, wo genau der Einwurf ausgeführt werden muss, mal am Ball vorbeilaufen und den Einwurf dem 20 Meter entfernten Kollegen überlassen, oder in der Schlussphase auch mal solange mit der Ausführung warten, bis der Schiedsrichter die gelbe Karte zeigt. Somit sind zusammen mit den Eckbällen und den Freistössen schon mehr als 30 Minuten verstrichen.

44 ereignislose Minuten

Den längsten Unterbruch bei Aarau gegen GC gibt es bei der Verletzung von FCA-Stürmer Dante Senger. 72 Sekunden dauert es, bis der Argentinier nach dem Pfiff von Schiedsrichter Erlachner den Platz verlassen hat und das Spiel wieder aufgenommen werden kann. Die Nachspielzeit von einer Minute in der ersten Hälfte ist also schon alleine durch diese Szene zu knapp kalkuliert. Auch die Unterbrüche nach dem 2:0 der Grasshoppers durch Anatole in der 80. Minute oder der Wechsel der Zürcher in der Nachspielzeit dauern fast eine Minute, auch hier hat GC natürlich keine Eile.

95:14 Minuten beträgt die Bruttospielzeit dieser Partie, als sie um 19:37 Uhr abgepfiffen wird. Unglaubliche 44 Minuten und 4 Sekunden war der Ball dabei nicht im Spiel. 19 Minuten in der ersten und 25 Minuten in der zweiten Halbzeit. Die Aarauer liessen sich bei Unterbrüchen total knapp 20 Minuten Zeit, die Hoppers 24. Ergibt unter dem Strich eine Nettospielzeit von gerade einmal 51 Minuten und 10 Sekunden. Deshalb heisst es vielleicht schon bald: «Die Nachspielzeit beträgt mindestens 25 Minuten». Sepp Herberger würde sich wohl im Grab umdrehen.

2 Kommentare

  1. Mäsi

    Vor ein paar Jahren hatte ich mal gehört, dass die effektive Spielzeit eines Matches bei ca. einer Stunde liegt. Zu meinem Erstaunen haben dies meine ‘Nachforschungen’ (es gab eine Studie dazu) bestätigt.

    Auch die FIFA hat die Spiele der WM 2014 ausgewertet und der Schnitt ist mittlerweile noch tiefer:
    http://de.fifa.com/worldcup/statistics/

    Besten Dank Kurzpass für die Details. Ich habe mich schon mal gefragt, wo die Zeit durchschnittlich verloren geht. Auch wenn dies nur ein einzelnes Spiel ist durchaus interessant.

  2. Martin Leimgruber

    Niemand hätte gedacht dass die Spielverzögerungen und Unterbrüche so gravierend ins Gewicht fallen. Darum wäre es gut wenn man eine solche Statistik bei jedem Matsch aufstellen könnte um damit die Mannschaft mit der grössten Spielverzögerung herauszufiltern. Oder noch besser: Wie beim Eishockey bei jedem Unterbruch die Matschuhr anzuhalten. Das würde gerechte Verhältnisse schaffen.

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