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Am Montag griffen andere Medien - darunter mit 20minuten.ch und blick.ch die beiden meistgelesen Newssites der Schweiz – die Geschichte der «SonntagsZeitung» auf.
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Gewalt-Statistik: So nahm die Falsch-Behauptung ihren Lauf

Aus Zahlen rund um Delikte im Umfeld von Sportanlagen kreierte die «SonntagsZeitung» einen Anstieg der «Fan-Gewalt». «Eine falsche Behauptung», sagt dazu das Bundesamt für Statistik. Und auch die im Artikel zitierte Swiss Football League wehrt sich. Der Fall zeigt, wie schnell sich in den Schweizer Medien Fehlinterpretationen verbreiten.

Es ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie von den Medien bewusst Stimmung gegen Fussballfans gemacht werden kann. Am Dienstag kommentierte kurzpass.ch bereits die fragwürdige Berichterstattung der «SonntagsZeitung» vom letzten Wochenende über die Gewalt im Umfeld von Sportanlagen. Die Zeitung sprach von einer «starken Zunahme der Gewalt» und einer «Trendwende». Anfragen von kurzpass.ch beim Bundesamt für Statistik (BfS) und bei der Swiss Football League (SFL) bestätigen, dass der Journalist dabei absichtlich oder zumindest grobfahrlässig Daten fehlinterpretiert und so zu einer reisserischen Geschichte verpackt hat. Andere Medien griffen diese auf, worauf sich die Meldung, Gewalt im Rahmen von Fussballspielen habe in der Schweiz stark zugenommen, national verbreitete.

Bundesamt für Statistik: «Falsche Behauptung»

Grundlage für die Aussagen waren Daten des Bundesamts für Statistik. Das BfS erhebt seit mehreren Jahren,  wie viele Gewalttaten von der Polizei in Sportanlagen gemeldet werden. Die Statistik ist öffentlich einsehbar, wurde jedoch zum ersten Mal medial verbreitet – und falsch interpretiert, wie Philippe Hayoz, Leiter der polizeilichen Kriminalstatistik beim Bundesamt für Statistik, gegenüber kurzpass.ch bestätigt. Mehrere Punkte sind an der Interpretation im Zeitungsartikel falsch:

  1. «Es handelt sich um Gewaltdelikte in der Polizeistatistik, deren Lokalisierung sich im Umfeld einer Sportanlage befindet. Die Delikte können jedoch nicht zwingend und direkt mit Sportveranstaltungen wie zum Beispiel Fussballspielen in Verbindung werden», so Hayoz. So befinden sich unter den Gewalttaten zwei Vergewaltigungen und eine Tötung – Straftaten, die sicher nicht im Rahmen einer Sportveranstaltung stattfanden.
  2. Abgesehen von schweren Gewalttaten (letztes Jahr bloss 5 von 258!) ist die Polizei nicht gezwungen, die Örtlichkeit eines Delikts anzugeben. Ob ein Polizist die Örtlichkeit angibt liegt also in seiner Entscheidung. Veränderungen in den Daten können durch viele willkürliche Faktoren – beispielsweise durch eine interne Weisung der Polizei, zukünftig den Ort genauer anzugeben – stark beeinflusst werden. Philippe Hayoz bestätigt: «Das ist eine mögliche Erklärung für die Veränderungen der Zahlen.» Für ihn ist klar: Aus der einfachen Betrachtung der Daten können keine klaren Aussagen formuliert werden, da die Hintergründe der Zahlen nicht bekannt sind.
  3. Gemäss dem BfS-Vertreter kann man aufgrund der kleinen Anzahl Delikte in der Statistik keine kurzfristigen Veränderungen interpretieren, sondern höchstens eine langfristige Tendenz ablesen. Diese fällt in den letzten Jahren positiv aus: Verglichen mit den Jahren 2009-2011 sind die Zahlen 2012 und 2013 deutlich tiefer. «Die Entwicklung zeigt also eher eine Verbesserung als das Gegenteil», so Hayoz. Zusätzlich müsse man die Zahlen zwingend mit den Daten der gesamten Polizeistatistik vergleichen, wovon sie bloss 0,6% ausmachen und deshalb vernachlässigbar klein sind.

Abschliessend hält Hayoz fest: «Wenn man die Zahlen über die letzten Jahre betrachtet ist es eine falsche Behauptung, von einem Anstieg der Gewalt zu sprechen.» Als man von der «SonntagsZeitung» wegen der Daten angefragt worden sei, habe das BfS auf die Schwierigkeit der Interpretation hingewiesen. Das BfS habe den Artikel vor der Publikation jedoch nicht gesehen.

Auch die Liga nimmt Stellung

Verärgert ist man auch bei der Swiss Football League (SFL). CEO Claudius Schäfer wurde im Artikel so zitiert, dass es den Anschein machte, er teile die Beobachtung, Gewalt vor und nach Fussballspielen sei stark gestiegen. Gegenüber kurzpass.ch stellt Philippe Guggisberg, Kommunikationsverantwortlicher der SFL, klar: «Wir haben diese Statistik zwar vorgelegt bekommen, das Zitat bezieht sich aber einzig auf die Erkenntnis, Drohung und Gewalt gegen Beamte habe zugenommen. Dies deckt sich mit unserer Wahrnehmung. Eine generelle Zunahme der Gewalt rund um Fussballspiele weisen wir ganz klar zurück.» Die Interpretation der «SonntagsZeitung» hält auch er für fragwürdig: «Es werden auf der Grundlage einer externen Statistik Zusammenhänge hergestellt, die es so nicht gibt.» Die SFL erhebt selbst Statistiken über die Gewalt innerhalb von Fussballstadien. Diese zeigen einen positiven Trend: In der Hinrunde 2013 wurden nur sechs Gewaltdelikte registriert – weniger als in den Vorjahren.

«Gewalttatten in Sportstätten». In der Grafik sind die Gesamtsumme sowie die wichtigsten Delikte-Kategorien aufgeführt. Es zeigt sich: Insgesamt ist die Gesamttendenz über die letzten fünf Jahre rückläufig. Zwischen 2012 und 2013 gibt es eine Zunahme der Gesamtzahl, was auf den Anstieg bei den  Tätlichkeiten (Ohrfeigen, Fusstritte oder Faustschläge ohne gesundheitliche Folgen) und Drohungen/Gewalt gegenüber Beamten zurückzuführen ist. Andere Kategorien (wie etwa einfache Körperverletzung) haben dagegen konstant abgenommen. In dieser Tabelle sind nur die häufigsten Gewalttaten ausgewiesen; die ausführliche Statistik ist hier einsehbar. Zur Erinnerung: Die Taten stehen in keinem direkten Zusammenhang zu Sportveranstaltungen.

So schlecht funktioniert die Qualitätskontrolle

Der Fall zeigt das skrupellose Vorgehen eines Mediums auf der Suche nach einer spannenden Geschichte – aber noch mehr: Er ist auch ein Lehrstück dafür, wie schlecht die Qualitätskontrolle bei vielen Schweizer Medien funktioniert. Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) verbreitete nämlich die Interpretation der «SonntagsZeitung» in einer Agenturmeldung ungefiltert weiter. Diverse Medien übernahmen die SDA-Meldung danach eins zu eins – wie es in der Berichterstattung gang und gäbe ist – und banden sie etwa in Artikel über Schiessereien in Italien und Polizeieinsätzen in Deutschland ein. Währenddessen war die BfS-Statistik online stets frei verfügbar – ohne dass sich jedoch ein Journalist die Mühe machte, sie zu analysieren und sich selbst eine Meinung dazu zu bilden.

Artikel zum Thema: Der Fussballfan wird zum Staatsfeind geschrieben

9 Kommentare

  1. Martin L

    Herrlich die Selbstironie zu haben, in einem Untertitel mit “So schlecht funktionie(r)t die Qualitätskontrolle” als Inhalt einen Rechtschreibfehler einzubauen. :-)

    • Daniel Ammann

      Aus Spargründen setzen wir bei der Qualitätskontrolle voll auf unsere aufmerksamen Leser. Danke für den Hinweis!

  2. Fredy H.

    Grosses Kompliment! Ihr seid drangeblieben und habt das zweifelhafte Vorgehen der “Grossen” aufgedeckt. Sollte uns allen zu denken geben… Glaub keiner Statistik, die du nicht selbst überprüft hast!

  3. lehrstück zum thema “was interessiert mich die realität, wenn ich mein vorurteil billig bestätigen kann?” derweil wird die fanpolitik der region basel und des fcb von allen medien diffamiert. dabei sind sie die einzigen, die erfolg haben: http://thierrymoosbrugger.wordpress.com/2014/04/27/sbb-statistik-bestnote-fur-die-fcb-politik/

  4. Gabriel S. Herrmann

    Sali Zämme informierte bereits gestern Morgen über diese üble Lügengeschichte.

    http://www.facebook.com/salizaemme

  5. übrigens – wenn zwei dasselbe tun…

    “Neuer kann den Abstoß nicht ausführen, weil ständig was auf den Platz fliegt.”
    (aus dem live-ticker manchester united gg. bayern münchen, 1.4.14):

    gabs einen spielabbruch? ein geisterspiel? strafe gegen manchester united? einen aufschrei der “presse” gegen die bösen fans? haben sie die fehlbaren gesucht? bestraft? neeeeeein! …weil in england haben sie laut schweizer “presse” ja die pöhösen fans im griff… schyyynts…

  6. Hofmann Ueli

    Ob die Statistik falsch oder nicht ganz richtig interpretiert worden ist oder nicht, wer weiss das schon genau?
    Was ich aber als Polizist weiss ist folgendes:
    – jedes Wochenende stehen in der Regel hunterte von Polizisten für Sportarten wie Fussball oder Eishockey im Einsatz. Es sind Familienväter mit kleinen Kindern oder Jugendlichen, welche sich gegen die 5 – 10 % ramdalierden, zerstörungswütigen “Fussballrowdies” (als FAN kann man diese Gruppierung sicher nicht nennen) zur Wehr setzen müssen. Und hinter diesen “Zerstörern” marschiert der ganze Fantrupp hinterher und grenzt sich gegen die an vorderster Front für Radau sorgenden, männlichen, meist schwarz gekleideten (mit Aufschrift: FCK CPS) ‘Horde’ nicht ab.

    Gerne würde ich kritisch eingestellte Leute einladen, einmal an vorderster Polizeifront zu stehen, wenn solch ein ‘Saubannerzug’ wie beim Cupfinal einem entgegen kommt. Leider ist dies ncht machbar. Ich bin mir aber sicher, dass ein Grossteil danach eine andere Einstellung hätte.

    Eigentlich doch schade, dass ich als Fussballliebhaber freiliwillig auf den Besuch eines solchen Spieles verzichte und schon ganz sicher nie mit meinem Grosskind ein soches Spiel besuchen werde.

    Fussballspielen wäre schön, wenn nicht die dauernden Ausschreitungen und Zerstörungen wären!

  7. demosthenes

    Manchmal hilft der Blick in den Spiegel:

    Ob die Statistik falsch oder nicht ganz richtig interpretiert worden ist oder nicht, wer weiss das schon genau?
    Was ich aber als Fn weiss ist folgendes:
    – jedes Wochenende stehen in der Regel tausende von Fans für Sportarten wie Fussball oder Eishockey in den Stadien. Es sind Familienväter mit kleinen Kindern oder Jugendlichen, welche sich von den 5 – 10 % gewaltbereiten, autoritätswütigen “Polizeirowdies” (als BEAMTE kann man diese Gruppierung sicher nicht nennen) zur Wehr setzen müssen. Und hinter diesen “Provozieren” marschiert die ganze Hundertschaft hinterher und grenzt sich gegen die an vorderster Front für Radau sorgenden, männlichen, meist dunkel und martialisch gekleideten (mit Aufschrift: POLIZEI) ‘Horde’ nicht ab.

    Gerne würde ich kritisch eingestellte Polizisten einladen, einmal an vorderster Fanfront zu stehen, wenn solch eine ‘Tonfabande’ wie beim Cupfinal einem entgegen kommt. Leider ist dies ncht machbar. Ich bin mir aber sicher, dass ein Grossteil danach eine andere Einstellung hätte.

    Eigentlich doch schade, dass ich als Fussballliebhaber freiliwillig auf den Besuch eines solchen Spieles verzichte und schon ganz sicher nie mit meinem Grosskind ein soches Spiel besuchen werde.

    Fussballspielen wäre schön, wenn nicht die dauernden Ausschreitungen und Zerstörungen wären!

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