Der Hass auf Fenerbahçe ist geblieben: Ein Ultra von Galatasaray während eines Spiels. (Bild: zvg)
Der Hass auf Fenerbahçe ist geblieben: Ein Ultra von Galatasaray während eines Spiels. (Bild: zvg)
Interview

«Ich war mit den Ultras in die Strassenkämpfe verwickelt»

Der Dokumentarfilm «Istanbul United» kommt nun auch in die Schweizer Kinos. Wir haben mit Co-Regisseur Olli Waldhauer über die Auswirkungen der Gezi-Proteste, Gewalt und die Fangesänge der Istanbuler Ultras gespochen.

Olli Waldhauer, wer in «Istanbul United» verfeindete Ultras erwartet, die Seite an Seite kämpfen, der wird enttäuscht. Der Hass bleibt auch nach den Protesten um den Gezi-Park.

Wer weiss, was es heisst, ein richtiger Fan zu sein, der versteht: So etwas wie eine Verbrüderung verfeindeter Fanlager ist eine Illusion. Der Film zeigt, dass man Hass temporär aus der Welt schaffen kann, um gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten. Doch danach keimt die Rivalität wieder auf – zum Glück. Bei einem Derby müssen die Kurven brennen, sonst wäre Fussball langweilig.

In der Türkei werden diese Rivalitäten aber besonders gewalttätig ausgelebt.

Gewalt ist dort auch im Alltag ein probates Mittel, um Probleme zu lösen. Es gibt nur wenige Männer, die ohne ein Messer herumlaufen. Auseinandersetzungen werden meist mit körperlicher Gewalt gelöst. Warum sollte das im Stadion anders sein? Ein Stadion ist nichts anderes als ein grosser Spiegel der Gesellschaft.

Die Fangesänge im Film sind oft gewaltverherrlichend und homophob. Ist es wirklich so schlimm oder zeigen Sie bewusst nur die extremen Szenen?

Die Gesänge, die im Film gezeigt werden, sind repräsentativ. Man sollte physische und verbale Gewalt aber klar trennen. Verbale Gewalt, also beispielsweise Schmähgesänge, gehören zum Fussball einfach dazu. Man soll im Stadion auch mal etwas singen dürfen, das eigentlich nicht in Ordnung ist. Anders bei körperlicher Gewalt: Die hat in und ums Stadion nichts verloren. Wer boxen will, soll das machen, aber bitte für sich. Gewöhnliche Stadiongänger müssen in Ruhe gelassen werden. Über solche Dinge habe ich mit den türkischen Fans auch gestritten. Zum Beispiel, als bei Ausschreitungen eine brennende Fackel auf die gegnerischen Fans geworfen wurde. Da bin ich richtig laut geworden und sagte, wie scheisse ich das finde.

Der Trailer zu «Istanbul United».

Die Fans reden im Film sehr offen, beispielsweise über Gewalt. Die Kamera ist auch im Stadion sehr nahe bei den Fans, Sie durften sogar die Vorbereitungen für eine Choreo filmen. Wie haben Sie das geschafft?

Auslöser für den Filmdreh war ein Bild in einer Zeitung: Drei Fans standen gemeinsam auf der Bosporus-Brücke in Istanbul. Einer trug ein Galatasaray-Trikot, der zweite eines von Fenerbahçe, der dritte ein Beşiktaş-Shirt. Ich bin selber Harcore-Fan des 1. FC Köln und könnte mir nie vorstellen, neben einem Fan mit Düsseldorf- oder Mönchengladbach-Trikot zu stehen. Ich fragte mich: Was muss passieren, damit man eine Feindschaft vergisst? Innerhalb von 48 Stunden war ich dann in Istanbul – mittendrin. Ich war mit den Ultras in die Strassenkämpfe verwickelt, bin genauso beschossen worden, bin genauso gerannt. Auch ich habe gedacht, ich sterbe bald. So habe ich mir Respekt verschafft. Das ist der eine Punkt.

Der andere?

Ich war offen und ehrlich zu ihnen. Sie wussten, dass ich nicht von einem Plastikclub komme – kein Bayern-Fan bin. Ich weiss, was es heisst, grosse Derbys zu erleben. Mit seinem Club zu leiden. Sie merkten, dass ich ihre Kultur verstand. Ich sagte ihnen: Ich komme nicht von RTL, ich will euch nicht in den Dreck ziehen. Ich glorifiziere aber auch nichts. Das respektierten sie. Sie wussten auch, dass ich mit allen drei Clubs unterwegs sein werde.

Das gab keine Probleme?

Überhaupt nicht. Das machte es für sie sogar umso interessanter. Nachdem ich an einem Spiel von Galatasaray war, riefen mich die Fenerbahçe-Fans an: «Wie war es? Waren sie laut? Wir sind besser, oder?» Sie wollten auch immer wissen, welchem Verein ich am nächsten stehe.

Was sagten Sie?

Ich war ehrlich: Galatasaray feiere ich wegen Didier Drogba, von dem ich ein grosser Fan bin. Zudem ist es die lauteste Kurve von allen. Fenerbahçe beeindruckte mich, als sich die Fans bei einem Spiel im Zwischengang vor die Polizei stellten und ein Lied für einen Fan anstimmten, der während der Gezi-Proteste getötet wurde. An Beşiktaş gefällt mir die ganze politische Haltung. Sie haben sich als einziges Fanlager geschlossen an den Protesten beteiligt.

Die Bevölkerung war froh, als die Fussballfans sich den Protesten anschlossen. Wie ist das Bild der Fussballfans in der Türkei?

Letztes Jahr im Mai ist ein Fan bei Ausschreitungen erstochen worden. Er war nicht der erste. Es gab die Zeit der Tribünenkriege, da übernachteten 40 oder 50 Leute gemeinsam in einer Wohnung, weil sie sonst angegriffen worden wären. Das wirft kein gutes Licht auf die Fans. Doch die Gezi-Proteste haben den Fans geholfen. Man muss sich vorstellen: Die Bevölkerung demonstriert für die Erhaltung eines Parks und kriegt von der Polizei auf die Schnauze – aber richtig. Auf einmal sehen sie, dass Leute, die sich sonst auf den Tod hassen, gemeinsam an ihrer Seite stehen. Sie wissen, dass die sich gewohnt sind, gegen die Polizei zu kämpfen. Das gibt einen extremen moralischen Schub. Das Bild der Fans hat sich dadurch positiv verändert. Und auch die Fans selber.

Nachhaltig?

Das ist schwierig zu sagen. Auch, weil die Fans in der Türkei momentan keine Spiele besuchen, da sie sich registrieren lassen müssten. Nach den Protesten wurden viele Fans zu lebenslanger Haft verurteilt, da will sich niemand registrieren lassen. In den einzelnen ist aber mit Sicherheit etwas passiert. Ich treffe die Protagonisten des Film regelmässig. Einer von ihnen sagte: «Ich werde Fenerbahce für immer hassen. Aber ich weiss nicht, ob ich jemandem nach all dem noch immer so hart auf die Kappe hauen kann.»

Das tönt nicht nach einem grossen Fortschritt.

Für uns nicht. Aber in seiner Welt, wo der Hass Lebensinhalt war, seinen Tag bestimmt hat, ist das doch bemerkenswert. Und der findet das selber ganz schön positiv. Denn im Kern sind das alles gute Typen. Kluge Kerle, die aber ernsthafte Aggressionsprobleme haben. Der Anfang zur Bewältigung ist gemacht: Die Gezi-Proteste haben in vielen Leuten einen Samen gesät. Dieser Samen muss nun regelmässig gegossen werden, dass daraus etwas Grosses wachsen kann.

 

olliwaldhauer

Oliver Waldhauer (40) ist freischaffender Filmemacher und Fotograf. Er lebt und arbeitet in Köln und Tel Aviv. Sein Film «Istanbul United» über die Rolle der Istanbuler Ultras bei den Protesten um den Gezi-Park läuft ab dem 3. Dezember in den Schweizer Kinos.

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