sonntagszeitung bericht
Kein Artikel über Gewalt bei Sportveranstaltungen ohne ein grosses Pyrobild. (Ausriss: SonntagsZeitung vom 4.5.14)
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Der Fussballfan wird zum Staatsfeind geschrieben

Seit dem Cupfinal übertrumpfen sich die Medien wieder gegenseitig mit Artikeln gegen gewalttätige Fans. Zuweilen lassen sie dabei jegliche Nüchternheit vermissen. Damit schaden sie dem Fussball mehr als die paar gewaltbereiten Idioten, die sie zu einem nationalen Problem hochstilisieren.

Medialer Tiefpunkt am letzten Sonntag

Auslöser war der Cupfinal. Bereits im Vorfeld des Spiels beschwerte sich die Stadt Bern aufgrund der anreisenden Fans aus Zürich und Basel lauthals darüber, beim wichtigsten Fussballspiel des Landes Gastgeber sein zu müssen. Viele Medien nahmen diese Beschwerden gerne auf und rückten die Fanmärsche durch die Hauptstadt anstelle des Fussballspiels ins Zentrum ihrer Berichterstattung. Seither ist – so scheint es – das mediale Bashing gegen Fussballfans wieder hoch im Trend. Gewalt rund um Fussballspiele wird wieder ausgiebig thematisiert und es wird dabei nicht mit grossen Forderungen und Vorwürfen an Politik, Verband und Clubs gespart. Oft lässt die Berichterstattung dabei jegliche Nüchternheit und Einordnung vermissen.

Den journalistischen Tiefpunkt leistete sich am vergangenen Wochenende die «SonntagsZeitung». Prominent auf den Seiten zwei und drei thematisierte sie die Gewalt «im Umfeld von Stadien». Den Grund für die Berichterstattung nannte sie zu Beginn des Textes gleich selber: «Am 21. April marschieren FCZ-Fans in einem Saubannerzug durch die Bundesstadt und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Sechs Tages später ziehen GC-Fans in der Spezialkomposition der SBB von Basel nach Zürich die Notbremse. Die beiden Zwischenfälle haben die Gewaltprobleme im Schweizer Profifussball schlagartig wieder zum landesweiten Politikum gemacht – und vermummte Fussballschläger zum nationalen Feindbild.» Wir registrieren: Zwei unbestritten dumme und unschöne Aktionen von Fussballfans haben ebendiese also zum Feindbild der Schweizer Öffentlichkeit gemacht. Stimmt, leider. Gerne würde man der «SonntagsZeitung» jedoch erklären, dass dies eben nicht «schlagartig» passiert ist, sondern nur aufgrund der aufbauschenden und skandalisierenden Berichterstattung durch diverse Medien. Gerade mit Textpassagen wie der eben zitierten und Schlagworten wie «vermummte Fussballschläger» oder «Spur der Verwüstung» verstärkt die Zeitung dieses negative Bild der Fussballfans zusätzlich – und ist sich dessen sicherlich bewusst.

Gewagte Statistik-Interpretation

Im weiteren Teil des Artikels wird dann eine Statistik derart fragwürdig analysiert, dass darüber jeder neutrale Leser nur den Kopf schütteln kann. Gewaltfälle in Fussballstadien haben – gemäss den von der «SonntagsZeitung» zitierten Zahlen des Bundesamts für Statistik – gegenüber dem Vorjahr abgenommen: Gerademal sechs Zwischenfälle wurden in der Hinrunde 2013 registriert. Das erwähnt die Zeitung aber nur am Rande. Lieber greift sie halt auf Vorfälle ausserhalb der Stadien zurück, um dennoch einen Negativtrend feststellen zu können. Hier sind im Jahr 2013 nämlich mehr Tätlichkeiten (gemeint sind Ohrfreigen, Faustschläge, Fusstritte ohne gesundheitliche Folgen) registriert worden als 2012 und auch mehr verbale und physische Attacken gegenüber Beamten. Daraus zieht die Zeitung den gewagten Schluss: «Die Gewalt an Sportveranstaltungen nimmt zu.»

Das Fazit des Artikels könnte alternativ auch heissen: 2013 wurden rund um Schweizer Sportstätten Polizisten häufiger beschimpft als im Jahr zuvor und es wurden mehr Ohrfeigen und Fusstritte verteilt, während die Gewalt innerhalb der Stadien sank. Wie soll man diese Entwicklung nun bildlich illustrieren? Es ist naheliegend: Mit grossformatigen Fotos von bengalischem Feuer und schwarzem Rauch (siehe Bild oben) – denn schliesslich sind Pyros ja gleichzusetzen mit Gewalt.

Am nächsten Tag greifen andere Medien – darunter mit 20minuten.ch und blick.ch die beiden meistgelesen Newssites der Schweiz – die Geschichte der «SonntagsZeitung» auf und übernehmen gleich auch eins zu eins deren Interpretation der Daten. Die Meinungen sind gemacht.

Opfer ist der Fussball

Die allermeisten Fussballfans der Schweiz, die noch nie etwas mit Gewalt am Hut hatten und noch immer aus reiner Freude am Sport und an der Atmosphäre an ein Fussballspiel pilgern, kann eine solche Berichterstattung nur traurig stimmen. Klar, Ohrfeigen vor einem Fussballspiel gehören sich nicht und Polizisten zu beschimpfen ist genauso unnötig wie Notbremsen in einem SBB-Zug zu ziehen. Doch das alles rechtfertigt es nicht, Fussballfans mit tendenziös interpretierten Daten – und verbunden mit angsteinflössenden Bildern von pyroschwingenden Vermummten – wieder einmal zum Staatsfeind Nummer Eins zu machen.

Fans, die ein Fussballspiel besuchen um zu randalieren oder zu prügeln, schaden dem Sport. Journalisten, die daraus auf unsachliche Art und Weise einen nationalen Skandal machen wollen, genauso.

Folge-Artikel: So nahm die Falsch-Behauptung ihren Lauf

12 Kommentare

  1. Seppe Hügi

    Bravo! Guter Kommentar. Die Medienmeute benimmt sich zunehmend wie eine Herde von Idioten. Der Drang zu Skandalisierung und Empörungsbewirtschaftung erstickt jegliche Form von Differenzierung. Dies gilt leider nicht für Fussballthemen! Kriminelle Ausländer, Pädophile, Syrien, Ukraine… Die Liste lässt sich beliebig verlängern.

  2. Ein Fan

    Toller Artikel! Das musste einfach mal gesagt sein! Was sich die Journalisten in den letzten Wochen wieder erlauben ist echt unterste Schublade. Es ist begrüssenswert, dass ihr hier Gegensteuer gebt.

  3. ich habe eigentlich erwartet, dass stockers auswärtstore von diesen “zeitungen” auch zur fussballgewalt gezählt werden. …delgados tor wird dann parallel dazu auch noch als ausländergewalt verbucht :-)

  4. THB

    Andere Länder – Gleiche Sitten!
    Es scheint wohl in Europa gegen gute Sitten zu verstoßen, ein “normaler” Fussballfan zu sein! Hier in Deutschland erfolgt die Berichterstattung ähnlich scharf hingegen die prügelnden Polizisten auf friedlichen Demos komplett unter den Teppich gekehrt werden!
    DAS ist aktive Volksverdummung!

  5. andi latte

    das schlimme am ganzen ist doch, dass dies ein allgemeiner trend, um nicht zu sagen hype, wurde. egal welches thema, man kann nichts einfach lesen und akzeptieren (konsumieren). nichts abwr wirklich nichts scheint der wahrheit zu entsprechen und alles muss hinterfragt werden. ukraine, malaysia flug, wichtige themen die ausgeblendet werden, nsa shice etc etc

    glaubt nichts! informiert euch alternativ. wenns sein muss halt auch mal auf radikalen/extremen seiten. denn die medien vertreten ihre doktrin genauso extrem und radikal. schliesslich liegt die wahrheit dann irgendwo in der mitte. leute, augen auf!

  6. Auch interessant, wie die Politiker jeweils in diese “Diskussion” eingreifen. Thomas Hurter zum Beispiel, findet gesunde [sic!] Ohrfeigen ganz in Ordnung. Dass aber genau wegen solcher (Straftatbestand Tätlichkeit) die Statistik nach oben zeigt, scheint ihm nicht bewusst zu sein: http://rubensch.tumblr.com/post/84833991716/un-gesunde-ohrfeigen

  7. Shizzo Hurter

    Die 258 Straftaten beziehen sich auf Sportanlagen allgemein. Deshalb sind auch Tötungsdelikte, Vergewaltigungen etc. darunter zu finden (Siehe BfS). Mit Fangewalt hat das überhaupt nix zu tun.

    http://www.fczforum.ch/forum/medien-t15767-2266.html#p687807

  8. Ajo

    Dass die Probleme medial aufgebauscht werden ist die eine Seite. Dass Fussball-Fandom aber oftmals eine Mischung aus Alkohol und latenter Aggression beinhaltet, ist die andere Seite. Ich muss mich schon wundern, wenn ich Sonntags mit dem Zug nach Hause fahre, dass der Zug nicht nur voller Polizisten ist, die sicher auch was besseres zu tun hätten, sondern vor allem voller grölender, lauter, sich nicht benehmender, latent aggressiver Fussballfans. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Fankultur, dessen bin ich mir durchaus bewusst, aber es ist nunmal der Ausschnitt, den man auch als nicht Fussballinteressierter immer wieder mitbekommt. Und jetzt kommt mir bitte nicht mit “die haben doch nur Spass”. Selbst wenn diese Fans nicht aggressiv sind, dann sind sie immer noch laut, vereinnahmend und störend. Der Spass der einen Gruppe hört da auf, wo der Spass für andere anfängt und als Bahnfahrer würde man sich z.B. etwas anderes wünschen.
    Das hat auch bedingt auf die mediale und gesellschaftliche Wahrnehmung Einfluss, die verschiedenen Sachverhalte stehen in Interaktion. Es muss sich aber niemand wundern, dass bei einem solchen Verhalten, zumindest medial, auch krasse Rückschlüsse gezogen werden, es ist nunmal ganz einfach “krasses Verhalten”, das für einige/viele/manche Fussballfans typisch ist. Und so unbeliebt ich mich jetzt mache, so ein Verhalten geht eben insbesondere mit Sport(fans) einher und innerhalb der verschiedenen Sportarten korreliert solch Verhalten noch mal stark mit der Sportart Fussball. Das hat verschiedenste Gründe, auch das ist mir bewusst, ändert aber nichts daran, dass das Verhalten vieler Fussballfans ein Ärgernis für andere Menschen ist bzw. schnell sein kann.

  9. CPW

    Sehr guter Beitrag! Genauso läuft es bei uns in Österreich, wo gegen gewisse Fangruppen ein richtiges “Bashing” betrieben wird!

    Gut das das einmal gesagt wird.

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