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Zwölf-Magazin

Under Construction

Kofi Annans Sohn hinterliess ein Chaos. Lokalkrösus Nestlé wollte im Vereinsnamen stehen. Die Vergangenheit von Vevey Sports hat es in sich. Die Gegenwart ist eher trist.

Vevey Sports 05 ist eine Baustelle. Die Metapher mag abgedroschen klingen. Aber in diesem Fall trifft der Vergleich gleich mehrfach zu: Vevey Sports 05 ist eine Baustelle. Vom alten, schmucken Stadion Le Copet ist nur noch die Haupttribüne stehen geblieben. Auf dem Feld ragen Rohre und Kabel aus dem Boden, und Bauarbeiter, denen Zigaretten im Mundwinkel hängen, schieben auf dem Platz scheinbar planlos Kies hin und her. Die Heimstätte des FC Vevey Sports ist eingebettet in ein Tobel, inmitten etwas trister Wohnblocks. In seinen besten Tagen war das Stadion mit 7000 Zuschauern bis über den letzten Platz gefüllt, damals, in den Achtzigerjahren, als man in der NLA Derbys gegen Lausanne, Sion und Servette austrug. Hier soll nun ein neuer Rasen verlegt werden, der es in sich hat: Die Graswurzeln werden in einem synthetischen Unterboden verankert, darüber kommt ein natürlicher Belag zu liegen. So spielt man auf Naturrasen, aber der Rasen widersteht allen Tritten und Tacklings. Weniger benötigte Regenerationszeit, mehr Spiele, eine Neuheit in der Schweiz. Und auch die Spielerkabinen werden Challenge-League-Niveau aufweisen.

2005 – nicht 1905

Bezahlt wird der über 3 Millionen Franken teure Stadionumbau von der Gemeinde Vevey. Denn der Fussballklub Vevey Sports 05 ist finanziell ziemlich schwach auf der Brust. Der heutige Vereinsname kaschiert elegant ein unrühmliches Kapitel dieses Fussball-Traditionsvereins an der Waadtländer Riviera: Das Kürzel «05» steht nämlich weniger für die Vereinsgründung im Jahr 1905 als vielmehr für die Neugründung nach dem Konkurs im Jahr 2005. Väter dieses Niedergangs gibt es einige. Vom Abschied aus der höchsten Spielklasse 1987 und dem anschliessenden direkten Fall in die 1. Liga erholte sich der Klub sportlich nie mehr. Und mit jedem neuen Präsidenten stieg die Schuldenlast. Besonders bunt trieb es in den Neunzigerjahren Roland Frey. Der freisinnige Gemeindepräsident von Corsier und Inhaber eines Zügelunternehmens finanzierte seine Spielsucht unter anderem mit dem Verkauf von Gemälden und Möbelstücken seines Kunden. Als Manager griff er auch in die Klubkasse und schädigte seinen Verein im sechsstelligen Bereich.

Der damalige Präsident bekam von den Veruntreuungen nichts mit. Der damalige Präsident? Kojo Annan. Seinen Traum hatte sich der Sohn des ehemaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan mit dem Engagement beim FC Vevey Sports verwirklicht: Präsident sein. Und diesen Traum liess sich der Mittzwanziger auch etwas kosten. Mit einer Viertelmillion Franken soll er die Vereinskasse aufgepäppelt haben. Bei den Spielen bekam man ihn aber nur selten zu Gesicht, und auch ansonsten war er meist nicht erreichbar – fast schon eine Aufforderung für den notorisch klammen Frey. Dieser wurde zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, und Annan, dessen Amtszeit der «Spiegel» auf den Begriff «Nichtstun» reduzierte, zog sich wieder aus dem Klub zurück. Die Probleme aber blieben. Im Jahr 2005 stand man vor einem Schuldenberg von über 400 000 Franken. Jetzt half nur noch ein Neufanfang.

Ziel: Die Nummer 3 im Kanton

Ähnlich wie beim langjährigen Ligakonkurrenten La Chaux-de-Fonds verhinderte der SFV einen Fall nach ganz unten und ermöglichte den Neubeginn in der 2. Liga. Diese Lösung war möglich, weil der Klub über eine gut sortierte Juniorenabteilung verfügt. Noch heute ist der FC Vevey Sports 05 mit seinen 18 in einer Meisterschaft integrierten Teams einer der grössten Vereine der Westschweiz. Unterdessen dümpelt man nun im unteren Mittelfeld der Tabelle in der 2. Liga interregional.

Mittelfristig wird der Aufstieg in die 1. Liga angepeilt. Man möchte sich als klare Nummer drei im Kanton hinter Lausanne und Yverdon etablieren. Für Träume, heisst es, fehlt das Geld. Wie bitte? Immerhin sitzt mit dem Weltkonzern Nestlé ein möglicher Mäzen sozusagen direkt vor der Haustür. Pascal Piguet, Sportdirektor und Vizepräsident, relativiert. Nestlé exponiere sich nur ungern als Hauptsponsor, da ansonsten gleich sämtliche Vereine der Region angerannt kämen und um Geld bettelten. Allerdings unterstütze der Konzern den Fussballverein indirekt durch Zahlungen in einen Juniorenfonds der Gemeinde Vevey. Einem weiter gehenden Geschäftsmodell hat jedoch der Klub selber vor Jahren eine Absage erteilt. Nestlé war an einer engeren Zusammenarbeit interessiert – unter der Bedingung, dass der Vereinsname in Nestlé Vevey geändert werde. Die damalige Klubführung lehnte ab.

Würde man ein solches Angebot angesichts der heutigen Situation ebenfalls ausschlagen? Piguet schüttelt vorsichtig den Kopf. Er selber zeigt sich neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen. Aber er weiss zugleich um den Stellenwert der Tradition im Umfeld des Klubs. Alles braucht Zeit. Deswegen scheint auch eine Fusion mit anderen Waadtländer Vereinen bis auf Weiteres ausgeschlossen. «Ein FC Riviera?» Piguet lacht auf. «Klar – das wäre eine interessante Idee. Aber das schlucken die Leute hier erst, wenn der sportlichen eine politische Vereinigung vorangegangen ist.» Pläne hierzu gibt es bereits. Sechs Seeanrainer-Gemeinden sollen mit vier weiteren aus dem Hinterland zu einer politischen Einheit verschmolzen werden. Eine Volksabstimmung über dieses Projekt liegt jedoch noch in weiter Ferne. So werden auf absehbare Zeit einzig die Derbys mit Montreux sportliche Highlights darstellen. Und die Freundschaftsspiele gegen den FC Sion, dem man zur Vorbereitung auf die Auswärtsspiele gegen YB grosszügig den eigenen Kunstrasenplatz anbietet. Einem Bernard Challandes schlägt man in Vevey nichts aus. Immerhin ein Bereich ohne Baustelle.

Chapuisat fristlos entlassen

Am 13.9.1985 begegnen sich der FC Vevey Sports und Servette FC in einer Meisterschaftspartie der NLA. Genfs Spielmacher Lucien Favre befindet sich in ausgezeichneter Form. Er nimmt in der gegnerischen Platzhälfte Fahrt auf Richtung Vevey-Tor. Kurz vor dem Strafraum fliegt von der Seite her Gabet Chapuisat mit feuerroter Mähne und den Stollen voran auf den Techniker Favre zu. Das gestreckte Bein Chapuisats kracht in Favres Knie: Kreuzband und Kniescheibe sind zerstört. In der Folge verklagt Favre den Vevey-Spieler auf Körperverletzung und erhält recht: Chapuisat muss 5000 Franken bezahlen. Favre, der von einem «Attentat» spricht, kehrt noch einmal auf den Fussballplatz zurück, ist aber nie mehr der Alte. Beim FC Vevey Sports sieht man sich gezwungen, Chapuisat sofort zu entlassen. Dieser hadert mit der Entscheidung, meint, es sei kein «Brutalo-Foul» gewesen. So ein Foul gebe es jede Woche. «Klar habe ich die Szene noch im Kopf», sagt der heutige Vizepräsident Piguet im Gespräch mit ZWÖLF. «Aber haben Sie das Foul von Nigel de Jong an Hatem Ben Arfa gesehen? Das war doch noch viel schlimmer!» Piguet selbst wurde einmal von Chapuisat trainiert und schwärmt von ihm in den höchsten Tönen. «Chapuisat, Debonnaire, Challandes, das sind Fussballverrückte, ihre Leidenschaft ist ansteckend.»  

1 Kommentar

  1. ammar

    is this the roland frey who ran Veve https://frey-ima.ch/?lang=en

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